Mozart, Queen und Disney-Märsche

Die Vorstellung, dass eine Blaskapelle nur Marschmusik spielt, hält sich hartnäckig. Ist aber falsch. Die Hobbymusiker aus Grünstadt spielen querbeet. Auch Titel von Queen, Polkas und Opern-Ouvertüren. Ungewohnt leise und sanft erklingen die ersten Takte von Queens "We will rock you", und um so überraschter ist der Zuhörer, wenn alle Musiker von einem sanften Piano in ein hartes Forte überwechseln und mit ganzer Kraft die bekannte Melodie erklingen lassen. Zumindest so lange, bis der Dirigent die rund 40 Bläser zum Schweigen bringt, um an so mancher Stelle Korrekturen vorzunehmen. Die Hobbymusiker bereiten sich auf ihr bevorstehendes Jahreskonzert im November vor. Dass eine Blaskapelle wie die der Turn- und Sportgemeinde Grünstadt ein Stück von Queen spielt, ist kein Wunder. Doch der Irrglaube, dass eine Blaskapelle nur Marschmusik spielt, hält sich hartnäckig. Dass er falsch ist, beweist die Blaskapelle immer wieder mit ihrem großen Repertoire, welches von Polkas über Walzer, Potpourris wie "Comedian Harmonists", "Wo die Wolga fließt", "My fair Lady" oder "Pirates of the Caribbean", Einzeltitel wie "I will follow him", Opern-Ouvertüren bis eben hin zur Marschmusik reicht. "In diesem Jahr haben wir ein kunterbuntes Programm", sagt die 43-jährige Elke Scholz. "Unter anderem werden wir ein Stück von Mozart, Medleys von Queen und König der Löwen sowie Walt-Disney-Märsche spielen." Nachdem 1968 die Blaskapelle ins Leben gerufen worden war, lernten viele Mitglieder des alten Spielmannszuges ein Blasinstrument. So fingen auch Elke Scholz, Industriekauffrau, und Heike Hoffmann, 33 Jahre alt und technische Zeichnerin, zunächst mit Trommelflöten im Spielmannszug an, bevor sie zur Kapelle wechseln durften. "Damals, in unserer Jugend, war die Musikschule zu teuer für unsere Eltern, und der Spielmannzug bot die Möglichkeit, ein Instrument kostenlos zu erlernen", erklärt Heike Hoffmann. "Als ich mit 14 in die Kapelle gewechselt war, wollte ich Klarinette lernen, weil ich damals in meinen Lehrer verliebt war", schmunzelt Elke Scholz. "Der erste Einsatz, auf dem ich dann gespielt habe, war sein Polterabend. Aber das hat mir den Spaß am Musikmachen nicht genommen. Mit Saxophon habe ich dann während meiner zweiten Schwangerschaft angefangen", fährt die zweifache Mutter fort. Heike Hoffmann, die mittlerweile Tenorhorn spielt, fing ebenfalls mit einer Klarinette an. "Ganz am Anfang bekam man das Instrument, das in der Besetzung noch fehlte. Als ich Trompete lernen wollte, bekam ich gesagt, ich sei zu klein." Heute bleibt die Wahl des Instrumentes jedem selbst überlassen, zumal die musikalische Ausbildung nicht mehr von der Kapelle getragen wird. "Jedoch fördern wir junge Musiker dadurch, dass wir ihre Ausbildung in der Musikschule finanziell unterstützen. Dadurch wurde im Laufe der Zeit unser musikalischer Standard besser. Wir älteren Semester haben damals ja nur von Laien gelernt", erklärt Scholz. Die Jugendarbeit ist der Kapelle sehr wichtig. So bot sie bis vor einem Jahr jungen Musikern die Möglichkeit, in einem Jugendorchester erste Erfahrungen im Zusammenspiel zu sammeln.

Mittlerweile wurden die Nachwuchsmusiker vollständig in die Kapelle integriert, so dass heute Musiker im Alter von 10 bis 67 gemeinsam musizieren. Der Nachschub an jungen Mitspielern ist der Zusammenarbeit mit der Musikschule Leiningerland in Grünstadt zu verdanken. So sind auch Jana Birkenhagen und Rebecca Eckelmann, 16 und 15 Jahre alt, auf die Kapelle gestoßen. Was gefällt ihnen besonders? "Wir können hier Freunde treffen, verschiedene Stücke spielen, und außerdem sind die Proben immer lustig." Dabei stört es sie nicht, an den Wochenenden Sitzkonzerte zu geben oder bei Umzügen zu spielen in einer Uniform, bestehend aus einer weißen Bluse, dunkelgrüner Jacke und beiger Hose. Viele der Einsätze finden in Grünstadt und Umgebung statt, zum Beispiel am Weinstraßenmarathon, bei politischen Veranstaltungen oder Fastnachtssitzungen. Dann präsentiert die Blaskapelle ihr großes Stimmungsrepertoire. Vor allem im Herbst gibt es viele Auftritte bei den Kerweumzügen der umliegenden Ortschaften. Hier spielt die Kapelle Märsche, da diese nun mal für das Musizieren im Gleichschritt geschrieben wurden. Im Winter lassen die Musiker dann auf Weihnachtsmärkten, im Altenheim und Krankenhaus weihnachtliche Melodien erklingen. Auch Elke Scholz und Heike Hoffmann, die sich beide als "quadratisch, praktisch gut" umschreiben, sind sich darin einig, was ihnen an dem Orchester gefällt. "Die meisten Mitspieler sind gute Freunde geworden, und es ist schon fast wie eine zweite Familie", sagt Heike Hoffmann. "Außerdem schmeckt das Bier nach der Probe", ergänzt Elke Scholz. Beide Frauen haben über den Verein auch ihre Ehemänner kennengelernt. Das Zwischenmenschliche ist es auch, was dem Dirigenten Stefan Glöckner an der Blaskapelle gefällt. Der hochgewachsene Musiklehrer, der auch an der Musikschule in Grünstadt unterrichtet, findet das gemeinsame Erarbeiten von Stücken spannend, auch wenn dies manchmal etwas lange dauert. "Aber das ist normal. Immerhin sind die Musiker keine Profis, sondern machen Musik als Hobby, da kann ich nicht erwarten, dass jeden Tag geübt wird." Allerdings verliert Glöckner nie das Streben nach Perfektion und, was noch wichtiger ist, die Geduld.

Kritik wird meistens mit einer großen Portion Humor serviert. So unterbricht er die Musiker schon nach den ersten fünf Takten. "Das war nicht schlecht. Aber besser wäre es, wenn ihr so spielen würdet, wie ich dirigiere." Der nächste Spruch folgt, als die drei Saxophonisten ihren Einsatz verpassen. "Das nächste Mal werfe ich mein Mundstück nach euch, damit ihr den Einsatz bekommt!" Das bleibt eine leere, aber wirkungsvolle Drohung. Die Kapelle pflegt auch Kontakt zu anderen Blaskapellen in Deutschland. Diese Freundschaften haben gemeinsame Konzerte zur Folge, für die die Musiker auch mal das ganze Wochenende in der Heimatstadt einer anderen Kapelle verbringen. Das eine oder andere Mitglied hat lustige Erinnerungen daran. So erinnert sich der 39-jährige Posaunist Wolfgang Hoffmann, im "wahren Leben" Schichtführer bei der Firma Drahtzug, an einen fünftägigen Aufenthalt in Peine in Niedersachsen. "Es war toll. Man hat gemeinsam musiziert und gefeiert. Zum Schlafen waren wir in einem Massenquartier untergebracht und schliefen in Krankenhausbetten. Da haben wir Leute rumgeschoben, wie zum Beispiel unseren Tenorsaxophonisten Walter Krämer. Als er schlief, haben wir ihn ins Freie geschoben, wo er morgens von vorbeigehenden Passanten geweckt wurde. Als er sich dann seine Hose anziehen wollte, musste er feststellen, dass die Beine zugenäht waren", lacht Wolfgang noch heute.

Informationen zum Beitrag

Titel
Mozart, Queen und Disney-Märsche
Autor
Lisa Scholz, Leininger-Gymnasium, Grünstadt
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17.11.2010, Nr. 268 / Seite N6
Projekt
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