Stundenlanges Schlangestehen für den Schuhkauf

Sneaker, wenn man diesen Begriff hört, denkt man wahrscheinlich nicht an Schuhe für mehrere tausend Euro, an tagelanges Schlangestehen für einen Schuh. Für Tim Schröder, einen 50-jährigen, großen, sportlichen und jugendlich aussehenden Schuhverkäufer und Sneakersammler aus Kassel, ist das anders.

Schröder ist zwar nicht verheiratet, aber schon seit längerem in einer Beziehung. Seine Partnerin hat sich schon lange mit diesem Thema abgefunden und schüttelt nur noch den Kopf, doch meistens merkt sie es nicht einmal, wenn neue Schuhe mit nach Hause gebracht werden. Schon, wenn man sein Haus betritt, sieht man ein fast lebensgroßes Poster von Michael Jordan, dem angeblich besten Basketballer aller Zeiten. Sneaker, also Sportschuhe für die Freizeit, sind für die Normalsterblichen einfach nur bequeme Straßenschuhe, doch da draußen gibt es Menschen, die praktisch süchtig sind, solche Schuhe zu kaufen und sie zu sammeln.

Die Sammler werden in den Vereinigten Staaten als "Sneakerheads" bezeichnet. Dabei geht es nicht nur um das Kaufen von Schuhen, es geht um viel mehr als das. Der Sneakertrend entstand in den achtziger Jahren. Es fing damit an, dass Hip-Hop-Gruppierungen wie Run DMC begannen, Basketballschuhe zu tragen. Es gibt aber auch andere Faktoren, warum Sneaker so beliebt sind. "Zum Teil bedingt durch Stars und Sternchen, die Sneaker tragen, um sich abzusetzen von der Tristesse eines ganz normalen Anzugträgers", wie Tim Schröder findet.

Er sammelt seit zehn Jahren intensiv und besitzt mittlerweile mehr als 200 Paar Sneaker. Heutzutage gehe es insbesondere in Europa und Asien weniger um Basketballschuhe, sondern viel mehr um sogenannte "Runners" oder "Trainers", was in der Szene die Begriffe für besondere Laufschuhe seien, die auch zu Schröders Lieblingssneakern zählten. Doch am allermeisten liebt er seinen Nike LDV, einen "echten Klassiker". Dass Basketballschuhe in Deutschland bei Sammlern nicht so beliebt seien, liege daran, dass Basketball hierzulande und auch in Asien, dort vor allem in Japan und in Hongkong, nicht so eine Bedeutung im öffentlichen Leben habe wie in den Vereinigten Staaten.

Der Verkäufer findet auch Casual Sneaker wie den Fred Perry Byron sehr schön, weil er ihn einfach vom Optischen her begeistert. Für ihn ist das Sneakersammeln ähnlich wie für andere das Briefmarkensammeln: "Genau wie beim Sammeln von Briefmarken sind es am Ende lediglich der Besitz, das Zeigenwollen, das Präsentieren, der Stolz auf das neue Paar, einfach die Leidenschaft." Als Außenstehender wird man nicht verstehen können, dass Leute für einen Schuh, der in einem Film eine besondere Rolle spielte, ohne mit der Wimper zu zucken 2000 Euro ausgeben würden. Gemeint ist der "Nike Air Mag" aus dem Film "Zurück in die Zukunft 2". Er gilt als einer der begehrtesten und teuersten Sneaker der Welt. Das Hobby ist durchaus kostspielig.

Aber wie kommt es zu derartig hohen Preisen? "Man kann nicht einfach in ein Schuhgeschäft gehen oder sich die Schuhe im Internet bestellen", sagt Tim Schröder. So einfach ist das "Game" nicht, wie es von vielen Sneakerheads bezeichnet wird. Hier geht es vor allem um Exklusivität, weshalb viele Modelle stark limitiert sind und nur in einer Handvoll Läden verkauft werden, und das in den meisten Fällen auch nicht online. Diese Läden befinden sich hauptsächlich in Großstädten wie Köln, Hamburg oder München, aber natürlich auch im Ausland, wie in Paris, Mailand, London oder New York. Dieses System wird als "instore-only" bezeichnet.

Was muss der Sammler also tun, um an seinen Schuh zu kommen? Er fährt Hunderte von Kilometern bis zu einem Laden, in dem die Schuhe verkauft werden, und stellt sich dort in eine Reihe mit vielen Gleichgesinnten. In einigen Fällen ist dann aber der betreffende Schuh so begehrt, dass die Sammler vor den Läden campen müssen - dass kann dann bis zu einer Woche dauern. So ein langes "Camp-out" gab es im europäischen Raum zuletzt im Juni 2012 für den "Nike Air Yeezy 2", ein Schuh, der von Nike gemeinsam mit dem Weltstar Kanye West entworfen worden war. Dass die Sammelleidenschaft in den Vereinigten Staaten noch viel größer ist, sieht man daran, dass dort für diesen Schuh mancherorts, wie in New York City vor dem Niketown oder in Los Angeles, bis zu einem Monat gecampt wurde.

Natürlich gibt es Menschen, die es ausnutzen, dass solche Schuhe so begehrt sind. Das sind die sogenannten "Reseller". Sie kaufen Schuhe und verkaufen diese dann teilweise sogar für das Zehnfache des Ladenpreises. Doch ein großer Teil der begehrten Schuhe wird gar nicht mehr im regulären Verkauf, sondern schon seit Jahren von Privatpersonen gehandelt. Dieser Teil wird als "Deadstock" bezeichnet. Wenn solche Schuhe auch noch unbenutzt sind, macht es sie dann besonders wertvoll. Da gibt es Schuhe, die zwanzig Jahre oder älter sind. Meistens besitzen diese Schuhe eine höhere Qualität als heutige Modelle. Das sind die Schuhe, die auch Schröder mag. "Ich denke, die Sammelleidenschaft kennt da keine Grenzen, aber bevorzugt werden wohl Retro Running oder Retro Basketball Modelle." Auf Facebook gibt es mehrere Gruppen, in denen reger Handel mit Sneakern betrieben wird. Einige davon haben bis zu 14 000 Mitglieder. Zudem gibt es auch jede Menge Foren. "Das Angebot wird größer, die Möglichkeiten zu kaufen sind durch das Internet vielfältiger geworden. Hinzu kommt die Werbung durch Mundpropaganda. Man möchte sich durch den Besitz ausgefallener Modelle von der Masse absetzen."

Eine Art Highlight sind die Sneaker-Conventions, Messen, auf denen man selbst Schuhe verkaufen kann. Da viele Sammler nicht unbedingt aufs Geld aus sind, tauschen sie ihre Schuhe. Viele Sammler besitzen zwischen 100 und 300 Paare, doch auch Sammler mit mehr als 800 Paaren sind keine Seltenheit.

In Las Vegas steht das sogenannte ShoeZeum. Das ist ein Museum nur für Nikes und Jordans. Der Besitzer, der zufällig selbst Jordan heißt, aber nur mit Vornamen, nämlich Jordan Geller, hat dort 2388 Paar Schuhe gesammelt, wobei es sich fast ausschließlich um Sondereditionen handelt. In den vergangenen Jahren entwickelte sich mit dem "Air Max", dessen erstes Modell 1987 gefertigt wurde, ein regelrechter Hype auf Basketballschuhe, der inzwischen auch bei Kindern angekommen ist. Das verärgert viele Sammler, sie sind der Meinung, dass dieser Hype eine Qualitätsverschlechterung mit sich brachte, die besonders beim "Air Max 1" auffiel, der aber weiterhin einer der beliebtesten Sneaker sei. Amüsiert sagt Schröder: "Es ist eine verkehrte Modewelt, denn in der Sneakerszene haben die Männer das Sagen, und manche besitzen weitaus mehr Schuhe als die ein oder andere Frau."

Informationen zum Beitrag

Titel
Stundenlanges Schlangestehen für den Schuhkauf
Autor
Jannis Haupt
Schule
Herderschule , Kassel
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 07.04.2014, Nr. 84, S. 30
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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