Nicht nur das Sirren der Tätowiermaschine geht unter die Haut

Der Skeletthampelmann trägt einen Marschkapellenanzug. Er hängt zwischen vielen schwarzweißen, von Hand gemalten Postern und Tattoomotiven. Auf einer Vitrine wacht eine ausgestopfte Raubmöwe über den Laden, und hinter der Theke mit Barhockern begrüßt ein lebensgroßes Poster von Darth Vader die Kunden, falls Hardy Brähler, der Besitzer des Tattoo-Studios "Stigma" in Fulda, gerade beschäftigt ist.

Der beißende Geruch von Desinfektionsmittel und das Sirren der Tätowiermaschine dringen aus einem Nebenzimmer. Hier wird gerade der Arm des 30-jährigen Sven in ein Kunstwerk verwandelt: Inmitten eines Wasserfalls thronen zwei Städte in Kuppeln. Der Fluss schlängelt sich den Arm hinunter um vier Roboter, denen je eins der vier Elemente zugeordnet ist. Den Äther, das fünfte Element, symbolisiert eine Flötenspielerin. Das Tattoo des Web-Designers soll den Gegensatz zwischen Natur und Technik verdeutlichen.

Der Preis für eine Tätowierung schwankt je nach Größe, Farben, Körperstelle, Tätowierer und Zeitaufwand zwischen 50 und 5000 Euro. Ein Motiv dieser Größe braucht sieben bis acht Sitzungen und kostet mehrere hundert Euro. Man muss also viel Geduld und Geld mitbringen - und die Zähne zusammenbeißen. "An den Schmerz gewöhnt man sich, und so weh tut es nun auch nicht, ich stelle es mir so ähnlich wie beim Epilieren vor", sagt Sven. Er hat nicht zum ersten Mal auf dem grünen Stuhl Platz genommen. Er ist schon seit zwölf Jahren mit dem 38-jährigen Tätowierer befreundet, der konzentriert die Nadel über Svens Haut führt. Die Ärmel seines Pullovers hat Hardy hochgeschoben, sodass viele bunte Tattoos auf seinen Armen zum Vorschein kommen. Unter seiner Schiebermütze lugen ein paar braune Haare hervor, und eine schwarze Schürze hängt locker um seine Hüften. Auch schwarze Einweghandschuhe gehören aus hygienischen Gründen zu seiner Arbeitsausrüstung, weil er die Haut zwischendurch immer wieder mit Vaseline einreiben muss, damit sie geschmeidig bleibt und die Nadel besser durch die Haut gleiten kann, ohne dass sich etwas entzündet. Brählers Leidenschaft für Tattoos begann in seiner Jugend, in der er Punk Rock und sein Talent als Zeichner entdeckte. Das Tätowieren brachte er sich selbst bei, auch seine erste Tätowiermaschine bastelte er sich selbst zusammen, bis er das Geld hatte, sich eine zu kaufen. Geübt hat er an Freiwilligen und sich selbst. "Manche Tattoos hätten es wirklich verdient, weggelasert zu werden, aber sie stehen für einen Lebensabschnitt und sind irgendwie ein Teil von mir", gibt er zu. Ein Großteil seiner Arbeit besteht darin, zusammen mit dem Kunden das Motiv zu entwickeln. "Nur weil ein Motiv dem Kunden besonders gut gefällt, heißt das noch lange nicht, dass es auch zu ihm passt. Manchmal sind Menschen ohne Tattoo schöner." Deshalb habe er auch schon ein paar Kunden wieder nach Hause geschickt.

Ist die Motivsuche abgeschlossen, arbeitet er eine Skizze aus, die er als Vorlage benutzt, denn bevor die Nadel zum Einsatz kommen kann, muss das Motiv auf der rasierten Haut grob vorgezeichnet werden. Die Bleistiftskizze klippt Hardy sich im Studio an einen Notenständer. Der steht gleich neben dem grünen Stuhl, der an den Armlehnen und im Brustbereich mit Frischhaltefolie umwickelt wurde. Mittlerweile bringt er die Motive nicht mehr eins zu eins aufs Papier, denn Details wie zum Beispiel Schatten kann der Profi direkt auf die Haut stechen. "Mit den Jahren wird man dann schon ein bisschen ruhiger und sicherer." Nun wechselt er die Nadel, damit die Linien auf Svens Haut wie auf der Skizze unterschiedlich breit werden. Danach tunkt er die Nadel in ein gelbes Farbtöpfchen mit schwarzer Farbe und setzt seine Arbeit fort.

"Früher hat sich bei mir alles um Tattoos gedreht, heute habe ich auch andere Dinge in meiner Freizeit zu tun, als auf Tattoo-Conventions zu fahren", sagt der Familienvater. Sein Blick fällt auf ein kunterbuntes Bild von einem Osterei, das seine Tochter für ihn gemalt hat und das inmitten von Tattoomotiven einen Ehrenplatz an der Wand bekommen hat.

Früher hatten Tattoos eine größere Bedeutung, denn ein Krieger zum Beispiel musste den Schmerz aushalten, um zum Mann zu werden. Später symbolisierte das Tattoo ein Lebensgefühl: Freiheit, Rebellion und Individualität. Heute muss man nicht mehr so tapfer sein, oft kommt eine Betäubungscreme zum Einsatz. Besonders gefragt sind im Moment Schriftzüge wie Kindernamen und Zeichen wie Sterne. Ab 16 Jahren darf man sich mit der Einverständniserklärung der Eltern etwas auf der Haut verewigen lassen.

Brählers älteste Kundin war stolze 87 Jahre alt. Es sei egal, wie alt die Haut sei, es komme eher darauf an, wie fest der Untergrund sei. "Auf einem Schwabbelbauch wird's zum Beispiel schwierig", grinst er. Nach vier Stunden ist die dritte Sitzung beendet. Sven ist zufrieden. Angst, das Tattoo später einmal zu bereuen, hat er nicht. "Ein Tattoo wird nie out sein, man muss nur nach all der Zeit noch dazu stehen."

Informationen zum Beitrag

Titel
Nicht nur das Sirren der Tätowiermaschine geht unter die Haut
Autor
Sophia Reddig
Schule
Marienschule , Fulda
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 07.04.2014, Nr. 84, S. 30
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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