Wieder zum Laufen gebracht

Durch den modern eingerichteten Verkaufsladen gelangt man in den hinteren Teil des Uhrengeschäftes. In den Atelierräumen der Zeit Zone Zürich AG am Zürcher Kreuzplatz wird nicht geredet. Über der leisen Radiomusik ist nur ein monotones Klicken zu hören. Sieben Uhrmacherinnen und Uhrmacher arbeiten still und konzentriert an komplexen Uhrwerken. Durch das zwischen die Augen gekniffene Okular haben sie Einblick in eine andere Welt. Mit Geschick und einer ruhigen Hand werden Zahnräder, Spiralfeder und Teilchen, die mit bloßem Auge kaum sichtbar sind, an ihren richtigen Platz gesetzt.

"Das wahre Erfolgserlebnis ist, wenn man die Uhr wieder zum Laufen gebracht hat", sagt der 48-jährige Teilinhaber Sandro Bösch. Im Schnitt dauert das etwa dreieinhalb bis vier Stunden. Die Uhrmacher reparieren, restaurieren und verkaufen viele Arten von Uhren. Das macht die Arbeit abwechslungsreich, erfordert aber auch breites Fachwissen. "Täglich stoße ich auf etwas, das ich noch nie gesehen habe", sagt der eidgenössisch diplomierte Uhrmachermeister. Natürlich weiß er jeweils mehr oder weniger, was ihn erwartet, aber jede Uhr hat ihren eigenen Charakter und ihre spezifische Konstruktionsart. Da in sehr kleinem Maßstab gearbeitet wird, gibt es kaum vollkommen identische Uhren. Ersatzteile wie Federn oder millimeterdicke Bügel müssen bei der Reparatur speziell angefertigt werden. Seit mehr als 30 Jahren ist er in der Branche tätig und hat schon an bemerkenswerten Herausforderungen, wie zum Beispiel dem Doppelchronographen von IWC, mitgewirkt. Ein Doppelchronograph ist im Grunde eine Uhr mit mechanischer Stoppfunktion, die durch einen zweiten Zeiger und zusätzliche Knöpfe an der Seite bedient werden kann.

"Wenn man nach vier Jahren in Ausbildung die Lehre abgeschlossen hat, weiß man einen Bruchteil von dem, was möglich ist", sagt Nadine Baur, eine ehemalige Lehrtochter der Uhrmacherschule Grenschen und jetzige Mitarbeiterin im Betrieb von Sandro Bösch. Die 200 Jahre alte Technik und der Erfindergeist haben sie in diesen ungewöhnlichen Branchenzweig gelockt. Als Frau ist sie nicht allein, zwei weitere junge Frauen arbeiten hier. Aber auch allgemein gesehen, gibt es laut Sandro Bösch vermehrt Jugendliche, die sich für Uhren interessieren. Das Vorurteil, Uhrmacher sei ein aussterbender Beruf, hat sich als falsch erwiesen.

"Vielen Mitschülern meines Sohnes ist es wichtig, was für eine Uhr sie tragen", sagt Sandro Bösch. Bekannte Marken wie Swatch, aber auch Rolex, Breitling oder IWC sind sehr beliebt. "Das Interesse ist also vorhanden. Ich bin zuversichtlich für die Zukunft." Nachdem in der Schweiz in den achtziger Jahren die Uhrenbranche vor dem Abgrund stand, geht es heute mit der Schweizer Uhrenindustrie wieder bergauf. "Die Uhr als Schmuckstück ist etwas Zeitloses. Ob als Prestigeobjekt oder als Zeitzeiger, sie bleibt bestehen", sagt der Mitarbeiter Florian Ganz. Zwar hat die Schweiz vom gesamten Uhren-Weltabsatz nur einen zweiprozentigen Anteil, aber bei den mechanischen Uhren kann sie sich durchaus oben halten. Mit über zehn Prozent ist das Kontingent, verglichen mit der Größe des Landes, beträchtlich. Während billig produzierende Länder wie China Massenprodukte herstellen, liegt der Fokus der Schweizer Unternehmen mehr auf Qualität und Herkunft.

Informationen zum Beitrag

Titel
Wieder zum Laufen gebracht
Autor
Leo Zimmermann
Schule
Kantonsschule Limmattal , Urdorf
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 07.04.2014, Nr. 84, S. 30
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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