Andere zu verwirren bereitet ihnen immer noch Spaß

Es gab oft Rivalitäten und Konkurrenzgefühle. Das fing schon im jungen Alter an. Wenn einer etwas anderes oder mehr bekommen hat als die anderen, das war der pure Wahnsinn." Ralph Gruber, ein etwa 1,80 Meter großer Brillenträger, sitzt entspannt am großen Esszimmertisch eines Dreifamilienhauses im beschaulichen Dorf Lautern am Fuße der Schwäbischen Ostalb. Ihm gegenüber sitzen zwei Männer in rotweiß-karierten Hemden, die ihm zum Verwechseln ähnlich sehen. Es sind Guido und Harald Gruber, seine Brüder.

Noch während der Geburt seien die Ärzte und Hebammen von Zwillingen ausgegangen, bis Ralph als Letzter das Licht der Welt erblickte. Seine Brüder sind aus derselben Eizelle und zusätzlich Spiegelzwillinge. Harald ist Linkshänder, Guido hingegen Rechtshänder. Ralph, der aus einer anderen Eizelle kam, ist ihnen trotzdem wie aus dem Gesicht geschnitten, hat dieselben dunkelbraunen Haare und dieselbe Körper- und Schuhgröße. Guido ergänzt, dass sie auch dieselbe Stimme hätten. "Deswegen werden wir auch oft am Telefon verwechselt", wirft Ralph ein.

Die vielen Gemeinsamkeiten kommen Ralph manchmal unheimlich vor. Harald erinnert sich an ein Ereignis beim Zahnarzt: "Vor 40 Jahren, im Alter von fünf oder sechs Jahren, gingen wir routinemäßig zum Zahnarzt. Dieser stellte zur Verblüffung aller fest, dass wir alle am gleichen Zahn an derselben Stelle ein Loch hatten." Ralph erzählt, dass alle drei vor 15 Jahren unabhängig voneinander exakt die gleiche Winterjacke gekauft haben. "Das war natürlich lustig. Schon als Kinder haben wir immer die gleichen Klamotten getragen und denselben Kleidergeschmack gehabt." Die Bindung untereinander ist intensiv. Man könne sich bei Problemen immer an die anderen zwei wenden und auf deren Unterstützung zählen. "Das ist ja kein Wunder, schließlich waren wir ständig zusammen, haben die ersten Schritte miteinander gemacht und haben zusammen Lesen und Schreiben gelernt", erklärt Harald. Guido fügt mit einem verschmitzten Lächeln hinzu, dass man auch die Hausaufgaben mehr oder weniger zusammen erledigt habe, denn einer habe sie gemacht und die anderen abschreiben lassen.

Die Drillinge haben noch drei ältere Geschwister und sind in Lautern aufgewachsen. Um das Platzproblem zu bewältigen, war es vorteilhaft, dass ihre Eltern Inge und Guido Gruber ein eigenes Haus gebaut hatten. "Unser Vater war Heizungsmonteur und handwerklich sehr begabt, deshalb gab es für ihn nur eine Ansage: Ärmel hoch. Er hat das komplette obere Stockwerk ausgebaut", sagt Ralph voller Stolz. "Trotzdem war das natürlich mit erheblichen Mehrkosten und Arbeiten verbunden. Für unsere Eltern war das große Problem das Zeitmanagement, da unsere Erziehung viel Zeit in Anspruch nahm", erinnert sich Harad. Das sei auch eine schwere Zeit für die anderen drei Geschwister gewesen. "Natürlich ist immer der Verdacht aufgekommen, dass nur noch wir drei im Mittelpunkt stehen. Sie mussten schneller selbständig werden und viele Aufgaben wie Putzen, Einkaufen oder Kochen übernehmen."

Besonders die Kindergartenzeit sei amüsant gewesen. Die Erinnerung daran treibt allen drei ein Lächeln ins Gesicht. So hätten die Kindergärtnerinnen und die Grundschullehrerinnen gefordert, dass die drei T-Shirts mit ihren Namen anschaffen, um sie auseinanderhalten zu können. Anfangs habe man das auch gemacht, doch nach kurzer Zeit habe man sich einen Spaß daraus gemacht, die T-Shirts ständig zu vertauschen. Folglich seien sie oft mit dem falschen Namen aufgerufen worden. "Wenn mich heute jemand mit Guido oder Harald anspricht, reagiere ich deshalb auch auf diese Namen", betont Ralph und erntet Zustimmung seiner Brüder. Bis zu ihrem 15. Lebensjahr besuchten die Drillinge die Hauptschule. Anschließend haben sie unterschiedliche Wege eingeschlagen. "Das war schon ein komisches Gefühl, nicht mehr in derselben Klasse zu sein, mit der Zeit gewöhnte man sich jedoch daran, und es wurde selbstverständlich", beschreibt Ralph das Gefühl während der Ausbildung.

Harald wurde Industriekaufmann, Ralph ließ sich zum Werkzeugmacher ausbilden, Guido ging bei einem Elektriker in die Lehre. Später besuchte die Fachhochschule und absolvierte ein Ingenieurstudium, Harald machte Abitur und studierte Betriebswirtschaft, Ralph wurde Werkzeugmachermeister und nach einem Studium technischer Betriebswirt. Heute haben die drei führende Positionen bis hin zum Geschäftsführer. Ralph vermutet, dass der ständige Druck in der Kindheit, dass man immer die Leistung der anderen erreichen und stets genauso gut wie sie sein wollte, ein Grund dafür ist, dass die drei es so weit geschafft haben.

Da sie zudem in den gleichen Vereinen wie der Jugendinitiative und der Feuerwehr waren, ist Ralph der Meinung, dass die drei deswegen dieselbe Denkweise hätten und sie Entscheidungen nach ähnlichem Muster träfen. Dies ist auch schon ihren Kindern aufgefallen. Das Verhalten zueinander hat sich bis heute kaum verändert. Zwar sieht man sich nicht mehr so häufig wie früher, schließlich hat jeder Familie mit mehreren Kindern, und man wohnt einige Kilometer voneinander entfernt, doch die gegenseitige Hilfe, die man sich schenkt, ist immer noch die gleiche. "Trotz allem gab es logischerweise auch viele Streitereien", berichtet Ralph, "denn unsere Kleidung musste immer die gleiche Marke haben und in derselben Farbe sein. Gleiches galt für Spielsachen, Schulranzen, Fahrräder und so weiter." War das nicht der Fall, so gab es Streit. "Hatte einer etwas anderes als die anderen zwei, war man immer der Meinung, er sei etwas Besonderes und werde bevorzugt, das führte zu Eifersucht", sagt Ralph.

"Einmal gingen wir nacheinander zum Friseur, Harald hatte seine Haare ganz gewöhnlich schneiden lassen. Der Zweite war ich und ließ mir die Haare wie Harald schneiden. Zum Schluss ging Guido. Er ließ sich die Haare zu einer Stehhaarfrisur schneiden. Als er nach Hause kam und Harald und ich seine Frisur sahen, gingen wir postwendend zum Friseur und ließen uns beide die Haare schneiden wie Guido."

Noch immer bereitet es den Drillingen Spaß, andere zu verwirren und sich für einen von seinen Brüdern auszugeben. "Wenn ich nicht als Drilling zur Welt gekommen wäre, hätten sich mein Leben und Werdegang sicherlich anders entwickelt, das enge Zusammensein und Aufwachsen prägt extrem. Möglicherweise wäre ich egozentrischer und egoistischer geworden, weil ich nichts hätte teilen müssen", sagt Ralph.

Informationen zum Beitrag

Titel
Andere zu verwirren bereitet ihnen immer noch Spaß
Autor
Flavio Steinle
Schule
Rosenstein-Gymnasium , Heubach
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14.04.2014, Nr. 88, S. 26
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

Beruf und Chance

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