Abstecher nach Afrika

Im Garten eines kleinen Hauses in Dietikon spielen zwei Jungen. Der ältere hat braune Locken und grüne Augen. Er kickt den Ball einem jüngeren, dunkelhäutigen Jungen mit Lachgrübchen zu. Im Schatten des Apfelbaumes sitzt ein Mädchen und liest. Sie hat lange, braune Locken und ebenfalls grüne Augen. Ein kleiner Junge mit ähnlichen Gesichtszügen, aber dunklerer Hautfarbe vergnügt sich im Sandkasten. Auf einer Bank sitzt die Mutter und wiegt ein Baby. Zu ihren Füßen döst ein schwarzer Hirtenhund. Plötzlich rennt er zum Gartentor. Der Vater kommt von der Arbeit.

"Wir haben uns vor zehn Jahren kennengelernt", sagt die 37-jährige Stefanie Bah-Zeiter, als sie ihrem Mann Amadou Bah beim Fußballspielen mit den Jungs zuschaut. Damals war sie noch mit ihrem ersten Ehepartner verheiratet. Sie arbeitete an ihrer Abschlussarbeit fürs Sportstudium bei einer Asylorganisation und lernte dort den Asylbewerber Amadou kennen, der seit einem Jahr in der Schweiz lebte. Er kam aus Guinea und war Mentor für Asylbewerber. Danach hatten die beiden nur noch sporadischen Kontakt.

Stefanie Bah-Zeiter hat auffallend grüne Augen, genau wie ihre ersten zwei Kinder. Sie ist 1,70 Meter groß, modisch gekleidet. Da sie mit neunzehn Jahren als Gymnasiastin schwanger wurde und ein halbes Jahr nach der Matura ihren ersten Sohn Andri bekam, heiratete sie früh. Zwei Jahre später wurde ihre Tochter Yara geboren. "Marc und ich entwickelten uns in verschiedene Richtungen", sagt die hübsche Frau, die Sportlehrerin an einer Realschule ist. Sie trennten sich. Nach der Scheidung nimmt sie wieder Kontakt zu Amadou Bah auf, der geheiratet und einen Sohn namens Elias hatte und wieder geschieden war. "Wir trafen uns an den Wochenenden und unternahmen Ausflüge mit den Kindern."

Amadou Bah fügt hinzu: "Wir verliebten uns, und ich zog in Stefanies Haus ein. Ein Jahr später vereinbarte ich mit der Mutter von Elias, dass auch er bei uns in Dietikon wohnt. So ist es bis heute." 2011 heiraten die beiden, zwei Monate später kommt Malik zur Welt. 2013 folgt ihm Omar, der jüngste Sprössling der Patchworkfamilie. Bah hat kurzrasiertes Haar, trägt Jeans und T-Shirt. "Ich versuche meinen Söhnen auch etwas von meiner Kultur aus Guinea mitzugeben", sagt der sportliche 31-Jährige, der Vorarbeiter bei einer Umzugsfirma ist. So spricht er mit ihnen Pulaar, einen afrikanischen Dialekt, der dort gesprochen wird, wo das Hirtenvolk der Peul sesshaft ist. Diese Sprache wird für deutsche Ohren schnell gesprochen, klingt melodisch, und der Buchstabe l kommt häufig vor.

Vergangenen Sommer ist Amadou Bah mit Elias zu seiner Familie in Guinea gereist, sie lebt in einer Siedlung, weit entfernt von der Stadt, in Stroh- und Lehmhütten. Es freute ihn sehr, wie schnell Elias sich an das einfache afrikanische Leben gewöhnte. "Er wurde vom Jungen aus einer modernen Stadt in der Schweiz, der zu viel Zeit mit seinem iPod verbringt, zu einem afrikanischen Dorfjungen, für den es das Normalste der Welt sei, stundenlang mit anderen Kindern Murmeln oder Fangen zu spielen." Bah möchte mit seinen anderen zwei Söhnen ebenfalls nach Afrika reisen, wenn sie älter sind, damit auch sie ihre Wurzeln erforschen können.

Yara, Stefanies 15-jährige Tochter, unterbricht das Lesen und sagt: "Ich bin zwei Tage die Woche und jedes zweite Wochenende mit meinem älteren Bruder Andri bei unserem Vater. Dort ist es ein wenig ruhiger." Ihr Vater Marc hat eine große Wohnung in Dietikon, dort haben beide ein eigenes Zimmer. "Außerdem wird es hier immer enger. Unser Haus hat nur drei Kinderzimmer", sagt der 17-jährige Andri, der eine Zeichnerlehre macht. Andri träumt davon, bald mit seinen Kumpels in eine WG zu ziehen. Amadou Bah und Marc haben ein gutes Verhältnis, Marc war sogar bei der Hochzeit seiner Exfrau dabei. Für sie beginnt abends die schönste Zeit, wenn sich die Familie am Tisch zum Essen versammelt und alle von ihren Erlebnissen erzählen. "Trotz der verschiedenen Gene sind wir eine richtige Familie geworden", lächelt sie.

Informationen zum Beitrag

Titel
Abstecher nach Afrika
Autor
Aline Metzler
Schule
Kantonsschule Limmattal , Urdorf
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14.04.2014, Nr. 88, S. 26
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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