Am Spieltisch mit lauter Pfeifen

Der kleine Raum der Dorfkirche in Neckarweihingen, einem Ort in der Nähe von Stuttgart, ist erfüllt von den energiegeladenen Klängen, die aus den Pfeifen der Orgel ertönen. Hände und Füße des 18-jährigen Orgelspielers fliegen scheinbar mühelos über die Tasten und Pedale. Die braunen Haare fallen Florian Haas schräg ins Gesicht. Die Welt um ihn herum ist ausgeblendet, es gibt nur noch die Musik und ihn. Turnschuhe stehen neben dem Spieltisch auf dem Boden, der Musiker hat sie zum Orgelspielen gegen ein Paar schwarze Schuhe getauscht: "Die haben einen leichten Absatz und gleiten durch die Ledersohle besser über die Pedale", erklärt er. Ansonsten trägt er gewöhnliche Freizeitkleidung: schwarze Jeans und ein gestreiftes T-Shirt, darüber eine schwarz-weiße Fleecejacke.

Florian Haas ist nicht nur leidenschaftlicher Organist, das Innere des Instrumentes ist ihm genauso vertraut wie der Spieltisch davor. Er ist in Neckarweihingen aufgewachsen und kommt regelmäßig zum Orgelspielen in die Kirche des Orts. Die kleine Orgel in der Dorfkirche zählt mehr als 1200 Pfeifen, die kleinste ist nur wenige Zentimeter groß, während die Pfeife, die das Subkontra-C, den tiefsten Ton der Orgel, erklingen lässt, eine Länge von 2,40 Metern hat. Die Orgel ist in zwei Werke aufgeteilt, das Haupt- und das Schwellwerk, in denen die Pfeifen der Größe nach ordentlich in Register aufgereiht sind. Das Schwellwerk ist ein geschlossenes Gehäuse, das durch Schwellflügel geöffnet und geschlossen werden kann, wodurch der Klang dieser Register sanfter erscheint. Einige Pfeifen bestehen aus Holz, andere aus einer Mischung aus Zink, Zinn und Blei.

"Die Verbindung von der Taste zur Pfeife ist mechanisch", erläutert Florian Haas das Prinzip, nach dem die Orgel aufgebaut ist, "dadurch ist die Verbindung direkt, und es erklingt auch genau dann der Ton, wenn man die Taste drückt." Die Bewegung des Tastendrucks wird über ein Wellenbrett weitergeleitet, so dass sich bestimmte Tonventile öffnen können. Die Pfeife wird nun mit Luft versorgt, die im Orgelbau "Wind" genannt wird - und der Ton erklingt.

Sein Fachwissen über die Königin der Instrumente hat er sich in der Ausbildung zum Orgelbauer angeeignet, die er 2011 begonnen hat. "Ich hatte schon als Kind eine besondere Beziehung zu diesem Instrument, da auch meine Oma Orgel spielen konnte." Im Alter von fünf Jahren begann er Klavier zu spielen, mit 13 Jahren Orgel. Nach seinem Realschulabschluss entschied er sich für die Ausbildung zum Orgelbauer. "Jede Orgel ist ein Unikat." Wenn er über seine Arbeit spricht, glänzen seine braunen Augen vor Begeisterung. "Mit der Entscheidung für die Orgelbauausbildung habe ich mein Hobby zum Beruf gemacht." Die Orgelbauwerkstatt Richard Rensch, in der er ausgebildet wird, liegt in Lauffen am Neckar, einer Stadt im Landkreis Heilbronn, und hat mit den Lehrlingen 14 Mitarbeiter, die sich in verschiedenen Bereichen spezialisiert haben. Orgelbauer sind meist in der Werkstatt tätig, wo zum Beispiel Pfeifen gelötet oder die Gehäuse der Orgel aus hartem und stabilem Holz von Fichte, Eiche oder Kirschbaum hergestellt werden.

Die Intonateure arbeiten direkt an der Orgel. "Sie bringen sozusagen den Ton in die Pfeife", sagt Florian Haas. Denn bei der Intonation werden Lautstärke und Klangfarbe einer Pfeife so lange verändert, bis der gewünschte Ton erklingt und alle Pfeifen miteinander harmonieren. Das kann zum Beispiel mit Spezialwerkzeugen durch das Abschleifen des Pfeifenkerns mit einer Feile oder durch das Anritzen des Kerns geschehen.

Den Auftrag, eine neue Orgel zu bauen, bekommen Orgelbauer von den Kirchengemeinden. Dazu muss der Kirchengemeinderat mit Zeichnungen oder einem anschaulichen Modell der Orgel von dem Vorschlag des Orgelbaubetriebs überzeugt werden.

Von den rund 400 gemeldeten Orgelbauern in Deutschland nehmen jeweils einige wenige regelmäßig an den Ausschreibungen der Kirchengemeinden teil. Beim Neubau einer Orgel, der ein halbes bis dreiviertel Jahr dauert, ist gute Teamarbeit gefragt. Da die einzelnen Arbeitsschritte aufgeteilt werden, muss sich jeder Mitarbeiter auf den anderen verlassen können. "Als Lehrling bin ich immer wieder mit anderen Aufgaben beschäftigt, so kann ich alle Bereiche des Berufes einmal kennenlernen", sagt Florian Haas. Einmal stellt er Pfeifen aus Holz her, ein anderes Mal baut er Pedalklaviaturen auf Vorrat, oder er bearbeitet ein Holzraster so lange, bis die Orgelpfeifen sicher hineinpassen. Neben dem Bau von Orgeln übernimmt die Werkstatt vor allem die Reinigung, die Restauration und das jährliche Stimmen der Instrumente.

Alle 20 Jahre muss eine Orgel komplett ausgebaut und geputzt werden. Manchmal kann die Arbeit eines Lehrlings auch eintönig sein, wenn Florian Haas den ganzen Tag nur damit beschäftigt ist, die Pfeifen der Orgel zu reinigen: "Da kann man in der Lehre manchmal auch etwas verzweifeln." Viel Spaß hingegen macht ihm die Suche nach Fehlern und die Reparatur des Schadens.

Die Orgel ist ein Instrument, das mit viel Sorgfalt behandelt werden muss. Wenn die Kirche für einen Gottesdienst aufgeheizt wird, darf die Temperatur höchstens um 1 Grad in der Stunde erhöht werden. "Sonst klingt die Orgel irgendwann traurig", sagt der Lehrling. Auch die Luftfeuchtigkeit des Raumes muss stimmen, deshalb ist es wichtig, dass die Kirche regelmäßig gelüftet wird.

In seiner Lehre steckt jeder Tag voller neuer Erfahrungen. "Man kann auch verdammt viel falsch machen." Leicht entzündliche Chemikalien beispielsweise müssen immer fachgerecht versorgt werden. "Wenn man Holzteile mit Leinöl bearbeitet, sollte der leicht entzündliche Lappen anschließend nach draußen an die Luft gehängt und nicht einfach in einen Mülleimer geworfen werden. Sonst könnte es gut passieren, dass dieser irgendwann plötzlich zu rauchen anfängt." Manchmal erlauben sich die Kollegen Scherze mit den Lehrlingen. Eines Tages wurde er beauftragt, das "Feilenfett" aus dem Lager zu holen. "Ich stand vor dem Regal und habe verzweifelt nach diesem Feilenfett gesucht und es nicht gefunden. Von draußen wurde dann schon gerufen, ich solle doch meine Augen aufmachen und mich ein bisschen beeilen." Erst als er das Lachen seiner Kollegen hörte, ging Florian Haas auf, dass es dieses Fett überhaupt nicht gab und die anderen ihn nur aufgezogen hatten.

Drei Mal im Jahr hat Florian Haas für sechs Wochen Theorieunterricht an der Oscar-Walker-Schule in Ludwigsburg. Dort wird er unter anderem in Werkstoffkunde über die verschiedenen Eigenschaften der Materialien einer Orgel unterrichtet, er lernt mehr über Klangeffekte des Instruments und über die Mechanik oder das maßstabgetreue Zeichnen der einzelnen Orgelteile.

Im Mai hat Florian Haas seine Abschlussprüfung, für die jeder Lehrling als Gesellenstück ein Portativ, eine sehr kleine Orgel, bauen muss. Später wird er wahrscheinlich noch seinen Meister machen. Reich kann er mit diesem Beruf nicht werden, doch darum geht es ihm nicht, er ist mit dem Herzen bei der Sache. "Ich brauche das Instrument zum Leben", sagt er lachend.

Oft spielt Florian Haas in Gottesdiensten Orgel, auch Weihnachten oder bei Taufen und Konfirmationen. Er besitzt die Schlüssel zu fünf Kirchen, in die er kommen kann, um das Orgelspielen zu üben. Die meisten Stücke spielt er auswendig und keineswegs nur die klassischen Kirchenlieder, sondern auch Jazz und Rock. Wenn er voller Energie beginnt, "Eye of the Tiger" zu spielen, kommt die Vielfalt der Orgel zum Ausdruck.

Informationen zum Beitrag

Titel
Am Spieltisch mit lauter Pfeifen
Autor
Felicia Sühs
Schule
Goethe-Gymnasium , Ludwigsburg
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22.04.2014, Nr. 93, S. 34
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

Beruf und Chance

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