Ein Scheibenwischermotor hebt und senkt die Tower Bridge

Angefangen hat das Ganze, als ich damals mit sechs Jahren meinen ersten Legobaukasten bekommen habe", sagt Arthur Bornhöft aus Bad Tölz. Der 59-jährige Lehrer für Englisch und Sport baut in seiner Freizeit riesige Gebäude aus Lego. Einer der Spezialbausteine mit der Aufschrift "Anno 1762" aus dem Baukasten, der ihn als Kind besonders faszinierte, ziert nun sein bis jetzt größtes Projekt, eine Kathedrale von einem Meter Länge, 60 Zentimeter Breite und mit einem Turm von 1,20 Meter Höhe. Ein Jahr lang baute der drahtige Bastler daran. Bornhöft plant seine Gebäude selbst. Zu diesem Zweck zog er beim Bau der Kathedrale ein Kinderbuch über Kirchenbau im Mittelalter zu Rate. "Die Planung war nicht das Aufwendigste an der Sache", sagt der Hobbybergsteiger, "was die meiste Arbeit gemacht hat, war das Bauen selbst."

Anders war dies bei der Verwirklichung eines anderen Projekts, einer Büste von Franz Josef Strauß, die einer Karikatur aus dem "Stern" nachempfunden ist. "Ich habe mir die Karikatur genommen und abgemessen, wie weit es ungefähr von Nase zu Mund und von Auge zu Auge ist, und das eben auf die Legosteine übertragen, was wohl das Schwierigste war." Das rund 80 Zentimeter hohe Kunstwerk trifft die Karikatur perfekt. Man hat es unverkennbar mit dem ehemaligen bayerischen Ministerpräsidenten zu tun.

Auch bei anderen Bauten orientiert sich Bornhöft an Abbildungen aus Zeitschriften oder dem Internet, so wie bei seinem neuesten Werk, einem funktionstüchtigen Karussell, das etwa 30 Zentimeter in Durchmesser und Höhe misst. Bei dessen Verwirklichung holte er sich Rat bei einem Kollegen, einem Physiklehrer. Nach Einbau eines Motors drehte sich das Ganze nämlich viel zu schnell, was er selbst durch Tüfteleien mit einigen Zahnrädern nicht ändern konnte. Der Kollege riet zu einer sogenannten Motorschnecke, die es sogar von Lego gibt. Das funktionierende Karussell war später auf dem Weihnachtsbasar der Schule eine der Attraktionen. Die Kinder konnten für 20 Cent das Miniaturkarussell eine Runde fahren lassen. Solche Bauten mit eingebautem Motor sind für den mittelgroßen Mann, der auch Tischtennis spielt, malt und Holz- und Specksteinschnitzereien anfertigt, nichts Neues. Schon mit 15 baute er ein 50 Zentimeter langes Modell der Tower Bridge mit eingebautem Scheibenwischermotor, mit dem sich die Brücke heben und senken lässt. Ein Jahr zuvor hatte er ein drehbares, 80 Zentimeter hohes Riesenrad aus umfunktionierten Lego-Eisenbahnschienen gebaut. "Irgendwie ist es witzig, wie man manche Teile beim Bauen zweckentfremdet. Die Teile, aus denen ich die Augen von Strauß gebaut habe, waren zum Beispiel ursprünglich als Taucherglocken gedacht."

Manche Bauten sind praktisch. So fehlte Bornhöft in seiner Studentenwohnung ein Nachtkästchen. Kurzerhand baute er sich eines aus Lego, komplett funktionstüchtig mit Schubladen und Stauraum. Die Legosteine aus seiner Kinderzeit hat er immer noch. Zwischendurch gingen sie in den Besitz seines Sohnes über. "Nachdem er erwachsen ist, habe ich die Legosteine sozusagen zurückgeerbt." Einzeln sind diese zwar teils zum Bauen ungeeignet, da sie sehr viel schlechter halten als neuere Steine, im Zusammenspiel mit neueren Bausteinen ergeben sich aber zum Beispiel im Mauerwerk der Kathedrale Muster, da die älteren Steine oft matt geworden sind. So wirkt das Mauerwerk authentischer.

Die Teilesammlung des Tüftlers hat inzwischen beträchtliche Ausmaße angenommen. "Ordnung ist extrem wichtig. Wenn man ewig nach Teilen suchen muss, braucht man gar nicht anzufangen." Sie sind nach Farben, Größen und Sonderteilen sortiert. Die wenigen Spezialteile, die er nicht zu Hause hat, bestellt er sich unter anderem bei Ebay. Hier hat er jedoch des Öfteren schlechte Erfahrungen mit unvollständigen Bausätzen oder kaputten Teilen gemacht. Als es noch kein Internet gab, war es noch komplizierter. Bornhöft musste für Spezialteile die Legozentrale im britischen Slough kontaktieren und die Teile für teures Geld dort erwerben.

Aus gängigen Steinen baute er M. C. Eschers berühmte Zeichnung "Relativität" nach, auf der Treppen in einem quadratischen Raum angeordnet sind, die je nach Blickwinkel richtig herum, schräg oder auf dem Kopf stehen. Bornhöfts nächstes Großprojekt nach der Tiroler Burg, an der er baut, ist der Kreml in Moskau. Besonders die Kuppel bereitet ihm jetzt schon Sorgen, denn um mit den eckigen Legosteinen eine runde Form darzustellen, muss das Bauwerk sehr groß ausfallen.

Informationen zum Beitrag

Titel
Ein Scheibenwischermotor hebt und senkt die Tower Bridge
Autor
Konstantin Wiesmeier
Schule
Wilhelm-Hausenstein-Gymnasium , München
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22.04.2014, Nr. 93, S. 34
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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