Karriere in der Kantorei

Ich wusste schon früh, dass ich irgendetwas mit Musik machen wollte", sagt Katja Gericke-Wohnsiedler, "schon ungefähr seit der siebten Klasse, ich hatte nur keine genaue Vorstellung, was. Auf die Idee, Kantorin zu werden, hat mich erst unser Kantor gebracht." Neben ihrer wöchentlichen Tätigkeit als Organistin sowie Chorleiterin gibt die kürzlich zur Musikdirektorin ernannte Grünstädter Bezirkskantorin Orgelunterricht und Unterricht in Tonsatz, Gehörbildung und Orgelbau im kirchenmusikalischen Seminar in Speyer. Sie organisiert Krippenspiele, Musicals, Konzerte, wie in diesem Jahr das Weihnachtoratorium von Bach. Und da ist ja auch noch eine vierköpfige Familie, die sie managt. Geboren 1967 in Hamm in Westfalen, wuchs die Tochter eines evangelischen Pfarrers mit drei jüngeren Geschwistern auf. Die Familie zog nach Düsseldorf um, die Älteste lernte Blockflöte, sang im Gemeinde-Kinderchor Soli. Mit zehn Jahren lernte sie Klavier, mit 13 Querflöte und sang in der Kantorei.

Der damalige Kantor in Düsseldorf erkannte ihr Potential. "Als ich mich dann entschieden hatte, habe ich mich voll und ganz auf das Orgelspielen konzentriert", sagt sie. Nach dem Abitur besuchte sie für ein Jahr die Kirchenmusikschule in Düsseldorf, um die ersten beiden von vier Chorleiter- und Orgelprüfungen zu machen. Für ein paar Monate vertrat sie den Kantor in Düsseldorf. Dort hätte man sie gerne weiterbeschäftigt, doch es waren familiäre Gründe, die sie von Düsseldorf wegzogen. Ihr Vater war dort der Superintendent geworden, also der Höchstgestellte von insgesamt drei Dekanen in der Stadt, und wo auch immer sich die junge Musikerin mit "Gericke" vorstellte, reagierte man darauf mit: "Ah, Sie also sind die Tochter des Superintendenten!" Aber einfach nur "die Tochter" zu sein war ihr nicht genug. In ihre heutige Gemeinde hat sie eher der Zufall gebracht. "Bei Kantorenstellen ist die Auswahl natürlich immer begrenzt, und ich habe mich in vier Gemeinden in ganz Deutschland beworben." In der ersten wäre sie zwar genommen worden, doch die Gemeinde entsprach nicht ihren Vorstellungen, bei der zweiten bekam sie eine Absage. Die dritte war Grünstadt, für die sie sich schließlich entschied. Gründe waren unter anderem eine große Kirche für Konzerte, eine intakte Orgel und ein begabter Chor. Heute ist sie als Bezirkskantorin für ungefähr 15 Gemeinden im Umkreis verantwortlich. Schon zu Beginn ihres Berufslebens in Grünstadt lernte sie ihren heutigen Ehemann Bernd Wohnsiedler kennen. Er war ihr Orgelschüler und machte seine zweite Chorleiter- und Orgelprüfung. Heute ist er Orgelbauer und leitet selbst einen Kirchenchor. Auch wenn er und ihre beiden Kinder Johanna und Jacob den Beruf ihrer Mutter manchmal "etwas nervig" finden, weil unter anderem Ausflüge an Wochenenden nahezu unmöglich sind und der Heilige Abend der stressigste Tag im Jahr ist, haben sich die Wohnsiedlers an die etwas anderen Arbeitszeiten gewöhnt. "Der große Vorteil bei meinen Arbeitszeiten ist, dass mein Mann - der lange Zeit auch nur halbtags gearbeitet hat - und ich immer abwechselnd für die Kinder da sein können. So mussten wir zum Beispiel nie ein Kindermädchen einstellen.

Gemeinsame Zeit, die wirklich alle zusammen verbringen, ist dafür eben seltener." Doch die Familienmitglieder sehen sich nicht nur zu Hause. Herr Wohnsiedler singt unter der Leitung seiner Frau in der Grünstädter Kantorei, ihre elfjährige Tochter Johanna ist inzwischen im Jugendchor, und ihr Bruder Jacob singt in einem von Gericke-Wohnsiedlers Kinderchören. Auf die Frage, ob es für sie nicht merkwürdig sei, bei der eigenen Mutter im Chor zu singen, antwortet Johanna: "Nein, wieso denn? Das ist doch ganz normal. Ich kenne das ja auch gar nicht anders." Und Streit über die Chorleitungsfähigkeiten der Mutter oder die Sangeskünste der Tochter gebe es nach der Probe auch nicht. Neben der fast 70 Mann starken Kantorei, deren Mitglieder zwischen 15 und 75 Jahre alt sind, und dem Jugendchor leitet die 43-Jährige noch zwei Kinderchöre. "Bei all den verschiedenen Bereichen und Facetten des Kantorenberufs ist die Chorleitung auf jeden Fall meine Lieblingsaufgabe", versichert sie. Ihr gefällt nicht nur die Rolle des Lehrers, sie würde auch gerne selbst wieder in einem Chor singen. Dazu fehlt ihr im Moment jedoch Zeit, denn sie steckt schon wieder in den Vorbereitungen zu ihrem nächsten Großprojekt, dem Weihnachtsoratorium von Bach. "Diese Projekte sind für alle Beteiligten wichtig. Sie sind ein Ansporn, ein Ziel, auf das man hinarbeiten kann, und am Ende weiß man, dass man etwas geschafft hat", erklärt die leidenschaftliche Chorleiterin. "Das motiviert die Sänger - und mich natürlich auch", fügt sie mit einem Lächeln hinzu.

Informationen zum Beitrag

Titel
Karriere in der Kantorei
Autor
Lara Büchner. Leininger-Gymnasium, Grünstadt
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17.11.2010, Nr. 268 / Seite N6
Projekt
Jugend schreibt

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