Rutschen und Strömungskanal haben die Retter im Blick

Mit lauten "Hey!"-Rufen eilt der kräftig gebaute Karsten Graef zum Rutschausgang des Asperger Freibades, da ein kleiner Junge am seitlichen Gitter herumturnt. Der 19-Jährige ist einer der rund 20 Rettungsschwimmer der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft, der DLRG-Ortsgruppe Asperg, die an mehreren Wochenenden am Nichtschwimmerbecken im Freibad ehrenamtlich für die Sicherheit der Badegäste sorgen. Auf sein Rufen blickt der Junge auf. Ein verdutztes Gesicht schaut Graef an. Mit einem nicht strengen, aber bestimmten Winken mit der rechten Hand dirigiert der Maschinenbaustudent den Jungen an den Rand des Beckens und erklärt ihm sein Fehlverhalten. Danach wendet sich Karsten wieder ab und dreht weiter seine Runden um das Becken.

"Auf solche Dinge muss man einfach achten" sagt er und berichtet: "Wenn die Kinder dort klettern und ihren Arm ungeschickt halten, kann das schnell zu Verletzungen führen, vor allem wenn dort andere Badegäste mit hoher Geschwindigkeit herunterrutschen. Was auch passieren kann, ist, dass sie durch einen ungeschickten Tritt mit dem Fuß im Gitter feststecken."

In der ersten von drei Schichten der Rettungswache, die gewöhnlich von 11 bis 14 Uhr läuft, ist Graef eingeteilt. Ein Markenzeichen der DLRG ist die signalrote Kleidung, in denen die sogenannten Rettungswachtgänger sofort zu erkennen sind. Kräftig gebaut steht Graef mit verschränkten Armen vor der Brust am Becken. Er trägt eine markante schwarze Brille, an der kurzen Hose baumelt ein schwarzes Funkgerät. Die Arbeit der Rettungsschwimmer ist ehrenamtlich, aber sie erhalten eine kleine Aufwandsentschädigung.

Der Himmel ist fast wolkenlos, während die ersten Besucher in das Freibad strömen. Mehr als 100 000 Besucher kommen im Jahr in den Nachbarort der Barockstadt Ludwigsburg. Ein kleines Mädchen spielt mitten vor dem Rutschausgang. Mit schnellen Schritten sprintet Graef hinüber und scheucht das Kind mit lauten Rufen vom Ausgang weg. "Du musst aufpassen, dass du nicht an der Rutsche stehst", erklärt er dem verängstigten Mädchen. "Die Kinder wissen oft gar nicht, warum sie etwas nicht dürfen. Der Rutschausgang ist eigentlich unser Dauerproblem, da muss man immer ein Auge drauf haben."

Auch den Strömungskanal behalten sie im Blick. "Wenn das Freibad sehr voll ist, ist das Gefahrenpotential an dieser Stelle hoch. Besonders kleine Kinder können schnell unter Wasser gedrückt werden." Und gerade bei vollem Betrieb sei schwer zu erkennen, ob jemand untergetaucht wurde. Nachdenklich merkt Graef an, dass die Quote der Nichtschwimmer seit Jahren wieder steigt. Laut einer Studie der DLRG können 40 Prozent der zehnjährigen Kinder nicht schwimmen.

Plötzlich strömen große Mengen an Wasser den Rutschturm hinunter und schlagen geräuschvoll am Boden auf. Während Graef die Stufen des Rutschturms hinaufsteigt, läuft ein Bademeister vorbei. "Wenn sie nochmal stauen sollten, ruf mich über den Funk, und die bekommen von mir Badeverbot für den Rest der Saison!", ruft der Bademeister. "Viele Jugendliche stauen das Wasser, um schneller rutschen zu können, was zu Verletzungen führen kann. Wir handhaben das normalerweise so, dass, wenn viel Betrieb ist, immer einer der Rettungswachtgänger oben auf dem Rutschturm steht", erklärt Graef.

Dass sich die Rettungswache auszahlt, zeigt sich in der Statistik. "Pro Jahr haben wir ungefähr rund zehn- bis fünfzehnmal den Krankenwagen im Freibad, da sich ein Badegast verletzt hat", berichtet Peter Collmer, der stellvertretende Betriebsleiter. Breit gebaut, mit kurzem Bart und weißem Oberteil sagt der 54-Jährige: "In meinen 38 Jahren Berufszeit gab es bisher vier Ertrinkungsunfälle. Einmal habe ich einen selbst rausgezogen, dreimal habe ich assistiert." Solch ein Ertrinkungsunfall kann sehr schnell gehen. "Am Vormittag war eine Schulklasse da mit ihrem Lehrer und hat in den 50-Meter-Bahnen geschwommen. Ein Schüler ist plötzlich einfach untergegangen, ohne irgendetwas", sagt Collmer. "Man wartet, dass er wieder hochkommt, tat er aber nicht. Da bin ich dann rein gesprungen und habe ihn rausgezogen. Als ich ihn gerade an Land gezogen hatte, kam er wieder zu sich." Wie sich herausstellte, hatte der Junge einen Herzfehler.

Besonders schlimm sei es, wenn kleine Kinder betroffen seien. "Ein fünfjähriges Mädchen war alleine ins Becken gesprungen und lag nun schon eine Weile am Boden in 3,80 Meter Tiefe." Peter Collmer war glücklicherweise mit einem Kollegen zur Stelle und holte das Kind. "Ich habe beatmet, der andere hat gedrückt. So etwas geht an die Nieren." Die Patienten seien oft "sehr kippelig". Mal seien sie bei Bewusstsein, "dann kippt es wieder, und man fängt von vorne an". Wie auch anderswo sei es oft so, dass jeder komme und keiner helfe.

Solche Erfahrungen hat auch Graef gemacht. "Persönlich erlebt habe ich einen Epilepsieanfall außen neben dem Becken und einen Epilepsieanfall eines Kindes im Wasser. Entscheidend ist es, das Fachwissen in solchen Momenten abrufen zu können und nicht alles in der Panik zu vergessen. Bei einem Epilepsieanfall ist es wichtig, alle Gegenstände in der Umgebung des Patienten zu entfernen, damit er sich nicht verletzen kann. Krampfende können während eines Anfalls große Kräfte entwickeln. Wenn der Patient mit dem Krampfen aufgehört hat, erfolgt die Atemkontrolle. Ist die Atmung vorhanden, wird der Patient in die stabile Seitenlage gelegt. Wenn noch nicht geschehen, wird nun der Rettungsdienst verständigt."

Auf Unfälle aufmerksam wird der Rettungsschwimmer meistens durch aufgeregte, in Panik geratene Badegäste. "Wenn Badegäste ,Bademeister, Bademeister' schreien und es an einer einzelnen Stelle eine große Menschenansammlung gibt, muss man sofort nachschauen." Und um dieses Wissen in brenzligen Situationen zu haben, werden die Helfer umfassend in der Wasserrettung und der Ersten Hilfe ausgebildet.

"Die Bergung des Patienten ist in solchen Situationen natürlich die Hauptaufgabe. Danach erfolgt die stabile Seitenlage, und die Situation wird sichergestellt." Über die Bademeister erfolgt dann meist umgehend der Notruf. "Wenn möglich, versorgen wir den Patienten mit Sauerstoff, bringen ihn wenn nötig aus der Sonne und schirmen ihn von Schaulustigen ab, wenn er noch bei Bewusstsein ist", erklärt Graef. "Wir sorgen auch dafür, dass die Wege für den Rettungsdienst frei sind. "Andere sind bei der freiwilligen Feuerwehr, ich bin in der Rettungswache."

Informationen zum Beitrag

Titel
Rutschen und Strömungskanal haben die Retter im Blick
Autor
Florian Seltsam
Schule
Goethe-Gymnasium , Ludwigsburg
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28.04.2014, Nr. 98, S. 26
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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