Spektakuläre Flugshow

Johannes App stützt sich auf die Haltegriffe des Pferdes und drückt sich nach oben, schwingt herum, schneller und schneller. Plötzlich rutscht er ab, kann sich nicht mehr halten, landet zusammengekrümmt auf dem Boden. Die Turner um ihn herum bleiben gelassen. Er richtet sich sofort wieder auf, verzieht ärgerlich das Gesicht: "Herr Schneider, wollen Sie das noch mal sehen?", ruft er durch die Halle. Trainer Paul Schneider, ein 60 Jahre alter, kahlköpfiger Mann mit einer runden Brille, nickt. Von Neuem schwingt sich der 17-jährige Kunstturner vom TV Wetzgau in der Großen Sporthalle im Unipark von Schwäbisch Gmünd hoch und wirbelt herum. Dieses Mal landet er sicher im Stehen. Wie von der Tarantel gestochen, rennt Schneider auf ihn zu und schreit, während er ihn eine Ecke scheucht: "Du kannst es doch!" Lachend rennt Johannes vor ihm weg.

Der Schüler trainiert täglich zwei, drei Stunden: Morgens mit dem Bus vom drei Kilometer entfernten Mutlangen nach Schwäbisch Gmünd zur Kaufmännischen Schule, wo er sich auf seine mittlere Reife vorbereitet, nach der Schule Mittagessen, lernen, Hausaufgaben machen, dann geht es zum Training. "Meine Eltern fahren mich in die Halle und sind eigentlich immer bei den Wettkämpfen dabei, ebenso meine Schwester und meine Oma."

Wie sieht es mit Freunden aus? Hin und wieder schaffe er es, mit seinen Kumpels Basketball zu spielen. "Freizeit habe ich nicht viel, höchstens am Wochenende. Aber wenn man solche Momente wie die Deutsche Meisterschaft erlebt, gleicht das alles aus." Im November war es so weit: Der TV Schwäbisch Gmünd-Wetzgau hat die KTV Obere Lahn, den Verein, in dem auch Fabian Hambüchen turnt, mit 38 zu 30 Punkten besiegt und sich zum ersten Mal in der Vereinsgeschichte den Deutschen Meistertitel im Kunstturnen geholt. Auch wenn Johannes selbst nicht geturnt hat, erinnert er sich gern daran.

Die Rolle des Nesthäkchens der Mannschaft zu übernehmen scheint ihm nichts auszumachen. Zum Turnen ist er früh gekommen. Schon der Schwimmlehrerin fiel die gute Körperspannung des Vierjährigen auf: Er solle unbedingt Turnen ausprobieren. Sofort wurde er vom TV Wetzgau aufgenommen. Mit 14 Jahren kam er in den Kader der 1. Mannschaft und hat viele Titel gewonnen. Wie etwa 2012 die Württembergische Meisterschaft am Sprung, wo er auch Zweiter im Mehrkampf und am Boden geworden ist.

Nun hat Schneider vor, ihn zum Sechskämpfer auszubilden. Johannes' große Vorbilder sind Marcel Nguyen und Daniel Popescu. Sechskämpfer turnen bei Wettkämpfen an möglichst allen Geräten, also am Boden, Pferd, an den Ringen, Sprung, Barren und dem Reck, der "Königsdisziplin". Hat er sich schon mal ernsthaft verletzt? "Nein, ich habe mir nur einmal den Daumen gebrochen. Ich glaube, man darf sich darüber auch keine allzu großen Gedanken machen, sonst ist die Gefahr einer Verletzung viel höher."

Johannes App steht auf einem Brett, das in der Mitte unter der senkrechten Stange des Recks angebracht ist. Normalerweise haben die Turner bei Wettkämpfen jemanden, der sie hinaufhebt, da sie meistens zu klein sind, um die Reckstange zu erreichen. Diese umgreift er mit beiden Händen und hängt nun in der Luft. Die Vorrichtung klappt automatisch zurück. Er drückt seine Beine nach oben, um mehr Schwung zu erhalten.

Dann beginnt eine spektakuläre Flugshow. Was für ungeübte Augen ein heilloses Durcheinander aus Griffwechseln, Vor- und Rückschwüngen bildet, ist für den Kampfrichter eine sorgfältig zusammengestellte Kür aus verschiedenen Elementen. "Jawohl!", hört man immer wieder Schneiders Stimme. Alles sieht so unglaublich leicht aus, man kann nur erahnen, wie viel Kraft es kostet, sich festzuhalten. Für einen Moment scheint er wie eingefroren, als er senkrecht im Handstand stehenbleibt. Dann lässt er los und legt einen Abgang mit einem Doppelsalto hin. Schaumstoffblöcke fliegen auf, während er in der Schnitzelgrube landet. Drei Mädchen mit rosafarbenen Trikots sehen ihn bewundernd an. Auch in der Schule fänden es seine Klassenkameraden spitze, was er macht. "Geld erhalte ich noch nicht sehr viel, vom Turnen allein kann man leider nicht leben. Das Abitur werde ich sehr wahrscheinlich machen."

Informationen zum Beitrag

Titel
Spektakuläre Flugshow
Autor
Milena Schnurr
Schule
Rosenstein-Gymnasium , Heubach
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28.04.2014, Nr. 98, S. 26
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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