Der gestickte Himmel

Meistens reagieren sie erstaunt und fragen erst einmal, was man da eigentlich tut und was das ist. Und dann sind sie beeindruckt." Das ist die Reaktion, die Schwester Dominica Heid gewöhnlich bekommt, wenn sie von ihrem Beruf erzählt. Die 52-jährige Benediktinerin lebt in der Abtei St. Walburg im bayrischen Eichstätt und ist seit 15 Jahren Paramentenstickerin. "Unter Paramenten versteht man Textilien, die zum Gottesdienst gehören. Sowohl die Gewänder, also Ministranten- und Priesterkleidung, als auch die Altartücher und Pultbehänge, auch Kirchenfahnen", erklärt die Nonne.

Ihre Werkstatt befindet sich im ersten Obergeschoss des barocken Klostergebäudes. Zwei große Fenster werfen viel Licht in den Raum, an dessen weißen Wänden dunkle, alte Holzmöbel stehen. Von draußen hört man das Läuten der Domglocken und das der Klosterkirche. Während der großen Pause dringt auch das Geschrei der spielenden Kinder vom angrenzenden Schulhof der Grundschule St. Walburg in die Werkstatt. "Manchmal versuchen sie, Bälle durchs offene Fenster zu werfen", erzählt Schwester Dominica lachend. "Sie haben es aber noch nie geschafft."

Während die Schüler ihre Pause genießen, arbeitet die schlanke Schwester an ihren Aufträgen. Dabei sitzt sie an einem großen, aus vier ineinander gesteckten Holzlatten bestehenden Stickrahmen, in den der zu bearbeitende Stoff eingespannt ist. Am häufigsten fertigt sie Messgewänder und Stolen, die Priesterkleidung für den Gottesdienst, an, dann Altartücher, Taufkleider und Reliquienfassungen. "Reliquienfassungen sind besonders bei uns in St. Walburg sehr gefragt", sagt sie. Bei diesen Aufträgen muss sie die von den Gläubigen verehrten sterblichen Überreste von Heiligen in Stoff fassen und stabil befestigen. Meistens handelt es sich dabei um Knochen. Zweimal hat sie sogar schon ein ganzes Skelett gefasst: das des heiligen Willibald (gestorben 787/788) und das der seligen Irmengard von Chiemsee (gestorben 866). "Das war sicher das Interessanteste, das ich bisher gemacht habe", findet die Benediktinerin.

Ihre Aufträge erhält die schwarzgekleidete Schwester zuallererst von Priestern, gelegentlich auch von Bischöfen, Ordenshäusern, Pfarrgemeinden und privaten Kunden. Zunächst wird ein Kundengespräch geführt. Danach arbeitet sie das gewünschte Stück. Da der Beruf kaum technisiert ist, wird das meiste noch immer in Handarbeit gefertigt. Daher erfordert die Arbeit viel Geduld und Genauigkeit. Dennoch glaubt Schwester Dominica, dass man sich normalerweise nicht völlig versticken kann. "Eher entwickelt es sich in seiner Wirkung anders, als ich es mir vorstelle. Den Unterschied kenne aber nur ich. Der Kunde bekommt trotzdem etwas sehr Schönes, da bin ich mir immer sicher. Ich erinnere mich, dass ich während meiner Ausbildung auf einer Fahne den Himmel sticken sollte. Es war eine Alpenlandschaft dargestellt mit einem weiten Himmel in Beige darüber. Ich verwechselte zwei ähnliche Farbtöne, so dass der Himmel nicht mehr einfarbig war; korrigieren wollte ich nicht mehr, und es wurde mit das Beste, das mir je gelungen ist", erzählt die aus dem Frankfurter Raum stammende Nonne.

Auf den Beruf ist sie erst im Kloster gekommen. "Das hat sich so ergeben. Meine Vorgängerin hatte schon ein gewisses Alter erreicht, und da hat sich die Frage gestellt, wie es mit der Werkstatt weitergehen soll, so habe ich diesen Beruf erlernt", berichtet die ehemalige Lehrerin, die an verschiedenen bayerischen Gymnasien Latein unterrichtet hat. Damit steht sie in einer langen Tradition, denn ursprünglich wurde diese Tätigkeit nur in Nonnenklöstern ausgeübt. "Man weiß zum Beispiel von der heiligen Klara von Assisi, dass sie Paramente gestickt hat" , erzählt Schwester Dominica. Erst später wurde es ein ziviler Beruf.

Zu den Menschen, die Paramentik als zivilen Beruf ausüben, gehört Bernadette Düvel. Die 52-jährige, ledige Frau leitet die Paramentenwerkstatt des Benediktinerinnenklosters Osnabrück. Schon als Kleinkind interessierte sie sich für Textilien, mit vier Jahren stickte sie ihre erste Decke. Nach der Schule wurde sie Damenschneiderin. "Allerdings gab es in dieser Gegend dafür keine Stelle, und durch eine Bekannte bin ich dann auf diese Werkstatt aufmerksam geworden", sagt sie. "Mein Interesse war sofort geweckt." Sie brachte sich privat das Sticken bei und konnte ohne offizielle Lehre Stickerin werden, da sie eine Ausbildung in einem artverwandten Beruf hatte. Seit 1999 ist sie Leiterin der Werkstatt, in der aktuell drei Mitarbeiterinnen angestellt sind.

Was aber macht diesen Beruf heute noch attraktiv? Eine Paramentenstickerin muss sich in der christlichen Symbolik auskennen, und es ist natürlich etwas Besonderes, Textilien für den Gottesdienst herzustellen. "Besonders an diesem Beruf ist auch, dass man noch individuell arbeiten kann. Wie der Maler zu Pinsel und Farbe greift, greift der Sticker zu Nadel und Faden. Man schafft etwas Dauerhaftes, das länger als nur eine Modesaison hält", erklärt Bernadette Düvel, während sie eine grüne Fahne repariert. Die gestickten Motive hat sie von der alten, kaputten Fahne gelöst und befestigt diese nun auf einem neuen Stoff. Vom nahen Innenstadtring dringen die Geräusche der fahrenden Autos in die hell erleuchtete Werkstatt. "Paramentik ist ein Beruf, der für Ruhe und Ausgeglichenheit sorgt, es ist ein guter Gegensatz zur hektischen Welt", sagt die Frau mit kurzen, hellen Haaren. Jedoch führt die Tatsache, dass größtenteils von Hand gearbeitet wird, auch dazu, dass eine Paramentenstickerin nie genau sagen kann, wie lange sie für einen Auftrag braucht, denn das ist je nach eigenem Tempo und dem Umfang des Motives verschieden. Aber auch wenn die Arbeit aufwendig ist und viel Geduld erfordert, am Ende kann man sich über ein sichtbares Ergebnis freuen: "Und wenn man dann ein Messgewand in einer Kirche beim Gottesdienst sieht, denkt man: Schau, das habe ich gemacht!"

Seitdem sie vor 18 Jahren Stickmeisterin wurde, hat Bernadette Düvel drei Lehrlinge ausgebildet. Die Ausbildung in Paramentik, die offiziell Textilgestalter/in im Handwerk - Fachrichtung Sticken heißt, dauert drei Jahre. Voraussetzung ist der Hauptschulabschluss. Ein Sticker lernt in der Ausbildung nicht nur die verschiedenen Zierstiche, es gibt noch viele andere Techniken wie Goldstickerei, Nadelmalerei und Reliefstickerei. "Einen guten Handwerker zeichnet aus, dass man etwas, auch wenn es einem misslingt, hinterher trotzdem so hinbekommt, dass es der Kunde gar nicht merkt", sagt auch Bernadette Düvel. "Der ärgerlichste Fall, den ich bisher hatte, war ein kostbares Messgewand, das wir gearbeitet hatten. Es war von oben bis unten mit Seide bestickt. Und beim letzten Abbügeln ist ein auffälliger Wasserfleck hineingekommen. Ich habe ihn dann mit einem Radiergummi ausradiert."

Der Beruf einer Paramentenstickerin gehört heutzutage zum Niedriglohnsektor. "Die Löhne sind vergleichbar mit Löhnen von Frisören", sagt Düvel. Früher seien die Handarbeiten viel wertvoller gewesen: "Die Stickerinnen, die Nadelspitze hergestellt haben, die wertvollste Spitze überhaupt, hat man verpflichtet, nichts über die geheime Arbeitsweise zu verraten. Die kostbaren Spitzen wurden sogar in Särgen von Frankreich nach England geschmuggelt." Heute ist der Beruf jedoch vom Aussterben bedroht, durch Computer und die billige Herstellung in der Dritten Welt wird er mehr und mehr verdrängt. Auch die Zusammenlegung der Gemeinden macht sich bemerkbar. Ein weiteres Problem ist, dass in den Schulen kaum noch Textilunterricht stattfindet. Trotzdem würde Bernadette Düvel den Beruf jederzeit wieder ergreifen: "Reich wird man hier nicht. Aber ich verzichte lieber auf Geld als auf meinen Beruf."

Informationen zum Beitrag

Titel
Der gestickte Himmel
Autor
Johanna Büning
Schule
Marienschule , Münster
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 05.05.2014, Nr. 103, S. 30
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

Beruf und Chance

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