Ein bisschen Spaß zum Fenchelkonfit muss sein

Normalerweise sieht man ihn im weißen Hemd, einem blauen Jackett mit der roten Rose am Revers und der schwarzen Fliege. Zumindest seine Gäste kennen ihn so. Heute trägt Alexander Zöhl ein Karohemd, er sitzt an einem der Tische im Deutschen Kaiser, einem noblen Restaurant in Heubach unter dem Kalkfelsen des Rosensteins in Ostwürttemberg, seiner neuen Arbeitsstelle. Zöhl berichtet von seiner drei Jahre dauernden Karriere als Kellner auf der MS Arkona, die aber inzwischen Saga-Pearl II heißt.

"Angefangen hat das Ganze mit einer Ausbildung zum Restaurantfachmann nach meinem Schulabschluss an der Realschule und natürlich dem Kindheitstraum, zur See zu fahren", sagt der gebürtige Heidenheimer. "Auf verschiedene Schwärmereien meinerseits kam dann ein Koch auf mich zu und hat mir einen Zettel mit Anlaufstellen von Reedereien in die Hand gedrückt. Ich habe Bewerbungen geschrieben und weggeschickt und auf einige tatsächlich eine Rückmeldung bekommen." Am nächsten Tag fuhr er dann mit dem Nachtzug von Schwäbisch Gmünd nach Rostock, um um 14.30 Uhr pünktlich beim Bewerbungsgespräch zu erscheinen. "Es war ein Dienstag, ich weiß es noch wie heute." Er erhielt dort einen fünfmonatigen Vertrag und eine Art Heft in Dunkelblau, in dem alle Routen des Schiffes aufgeführt waren. "Fünf Wochen später ging's dann endlich los. Mein Vater hat mich damals zu einer Raststätte an der Autobahn bei Nürnberg-Feucht gefahren, dort wartete der Bus für die Crew des Schiffes Richtung Genua, weil vom dortigen Hafen die Fahrt ins Ligurische Meer begann - mit 180 Crewmitgliedern und 550 Passagieren an Bord." Das war der Beginn seiner ersten Reise.

"Vom Arbeiten her ist es auf See etwas ganz anderes." Durch seinen schwäbischen Akzent kann man seine Herkunft leicht feststellen. "Wenn man einen vier- bis sechsmonatigen Vertrag hat und eine Sieben-Tage-Woche, kann das schon sehr stressig sein, mein Rekord ist 177 Tage durcharbeiten, bei im Schnitt zehn Stunden am Tag", sagt er und lacht. "Aber es ist auch schön! Du weißt, wenn du morgens aufwachst, bist du woanders als in dem Moment, in dem du einschläfst. Dann schaust du nach dem Aufwachen raus und siehst zum ersten Mal den Zuckerhut in Rio de Janeiro, das ist schon ein Wow-Effekt." Aber er habe sich auch tüchtig ranhalten müssen und zum Beispiel die Namensliste der Gäste auswendiggelernt. "Man freundet sich richtig mit seinen Gästen an und unterhält sich. Da ist es wichtig, dass die Namen sitzen."

Ein solches Gespräch am Pidgeon Point in der Karibik ist ihm besonders im Gedächtnis geblieben. Abends am Lagerfeuer war auch eine Frau aus dem Frankfurter Raum. Sie war Stammkundin und fünf bis zehn Mal jährlich auf Kreuzfahrt. Sie habe zu sagen gepflegt, dass sie ihre geldgeile Verwandtschaft nicht leiden kann und ihr Geld lieber auf der See verfährt. "Und so kommt man ins Reden, erfährt Dinge und durchlebt Lebens- und Leidensgeschichten." Für die Frau aus Frankfurt war er eine Art Ersatz für ihre beiden an Krebs und aufgrund eines Motorradunfalls verstorbenen Söhne. "Oder du unterhältst dich mit Stalingrad-Soldaten, die über das Gefühl reden, dem Tod so knapp entronnen zu sein, das sind so Momente, da bekomm ich heut noch 'ne Gänsehaut."

Arbeitete er gerade nicht oder unterhielt sich mit Passagieren, verbrachte er die Zeit auf dem schwimmenden Palast mit einer Gruppe von Gleichgesinnten. "Im Service heißt es aber wieder jeder gegen jeden", schmunzelt er verschmitzt. Jede Gruppe, bestehend aus zwei Männern und einer Frau, die liebevoll von ihren Crewmitgliedern "die Weindüse" genannt wird, hat ein Revier beziehungsweise eine Station zu bedienen. "Und wenn einer Gruppe zum Beispiel mal zwei Gabeln fehlen, dann mopst man die eben vom Servierwagen der Gruppe eines anderen Reviers. Da ist niemand dem anderen böse, auf dem Schiff herrscht eben Knappheit."

Unter der Crew gehe es aber auch "zum Teil heiß her". Während der Zeit auf dem Schiff hatte Alexander Zöhl zwei Beziehungen. Amüsiert lehnt er sich zurück. "Die gingen nur maximal fünf Monate, und dann war es vorbei. Solche Beziehungen sind normalerweise nicht öffentlich. Aber deine zwei Stubenkameraden wissen in genau dem Moment Bescheid, in dem du ihnen einen Sixpack Bier in die Hand drückst und eindringlich sagst, dass sie vor Mitternacht nicht wieder in die Zweierkabine zurückkommen sollen. Dann wusste sofort jeder, was los war." Jetzt muss er lachen.

"Während der Willkommens- und Abschiedsgalas konntest du dir aber nicht einfach freinehmen, da waren wir nicht nur Kellner, sondern auch Entertainer. Diese Galas sind immer viel Show. Als wir einmal südwestlich in Richtung Griechenland und Zypern gefahren sind, war der Hauptgang Loup de Mer auf einem Chicorée-Fenchelkonfit in Melissen-Zitronengras-Sauce an Kartoffelroulade, und dazu schallte ,Ein bisschen Spaß muss sein' durch den Saal." Stars wie Harald Juhnke und Roberto Blanco traten auf und gestalteten gemeinsam mit den Crewmitgliedern eine Show, die die Zeit auf dem Schiff für alle 550 Passagiere unvergesslich werden lassen sollte. Unvergesslich war die Zeit auch für Zöhl, der nun, immer noch ledig und ohne Kinder, seit 16 Jahren in Heubach sesshaft ist. Als sich die letzte Reise dem Ende zuneigte, war das für ihn zwar emotional, aber er vermisst die Zeit nicht. "Denn wenn's am schönsten ist, soll man ja bekanntlich aufhören."

Informationen zum Beitrag

Titel
Ein bisschen Spaß zum Fenchelkonfit muss sein
Autor
Leonie Riek
Schule
Rosenstein-Gymnasium , Heubach
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 05.05.2014, Nr. 103, S. 30
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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