Ohne sein O.K. stehen alle Karussells still

Das Risiko zu verunglücken ist auf dem Weg zum Cannstatter Wasen höher als in den Achterbahnen und anderen Attraktionen selbst", sagt Erwin Bernhardt. Der 49-jährige Diplomingenieur Maschinenbau aus Heubach, einer Stadt in Ostwürttemberg, arbeitet beim TÜV-Süd. Im Auftrag seines Dienstsitzes in Filderstadt bei Stuttgart kontrolliert er täglich Krane, Aufzüge und Rolltreppen und andere Fördertechnik. Am liebsten prüft er "fliegende Bauten", wie Rummelplatzattraktionen vom Kinderkarussell bis zur Doppellooping-Achterbahn im Fachjargon heißen. "Schon als kleiner Junge war ich von dem Virus infiziert."

Höher, schneller und gewagter: Bevor der Spaß auf einem Volksfest beginnt, muss Bernhardt ans Werk und grünes Licht geben. Der mittelgroße sportliche Techniker kontrolliert am Cannstatter Wasen. Zusammen mit seinem Kollegen Wolfgang Tiele, einem Elektrotechniker, machen sie dort jedes Jahr drei Gebrauchsabnahmen am Tag. "Wir sind das perfekte Team", beteuert Bernhardt stolz. "Zuerst schaue ich mir die Unterbauung an." Mit seiner 15-jährigen Berufserfahrung geht er routiniert im Blaumann ans Werk. Nach der Kontrolle des Unterbaus nimmt er die Grundkonstruktion ins Visier, damit sind die Ausleger und Träger gemeint. Genau inspiziert Bernhardt Schweißnähte und Schraubenverbindungen. Darauf folgen die Fahrgondeln und Sicherheitseinstellungen. Zuletzt werden die Bremsen und Überdrehzahlen getestet. Nach diesen komplexen Arbeitsvorgängen fährt bei einer Achterbahn die erste Gondel leer. "Jede Schraube kann man nicht nachziehen, sonst müsste ich es ja selber aufbauen", sagt der schon leicht ergraute Familienvater. Nach der Gebrauchsabnahme steigt der TÜV-Meister selbst in die Gondel und genießt die erste Fahrt. Klingt nach einem Traumjob, doch der Schein trügt. Denn auch bei schlechten Wetterbedingungen muss er hoch aufs Gerüst. Er ist mit drei Karabinern gesichert, festgegurtet und sagt: "Oben geblieben ist schließlich noch keiner."

Außerdem macht er Verlängerungsabnahmen, die die Landesbauordnung vorschreibt. Deswegen sind nahe gelegene Freizeitparks wie das Legoland, Ravensburger Spieleland oder der Freizeitpark Geiselwind darauf angewiesen, "dass der Erwin vom TÜV" anrückt. Denn ohne das O.K. von ihm dreht sich nicht mal das kleinste Karussell. "Außerdem ist es auch im Interesse der Betreiber, dass sie ihr Zeug in Ordnung haben." Die am häufigsten auftretenden Mängel sind Risse in der Flanschverbindung oder gerissene Schweißleger. "Manchmal konnten Betreiber ihre Attraktionen erst später als geplant in Betrieb nehmen." Doch das größte Problem sei, wenn ihm die Arbeit zur Routine werde. "Ich muss hart gegen mich selbst sein. In einem meiner Anfangsjahre ist es einmal vorgekommen, dass ich mitsamt Elektriker bei einer Probefahrt in einem Freefalltower in etwa 20 Meter Höhe pendelte, weil nur ein Stromaggregat angeschaltet war." Längst weiß er genau, wo beim Betrieb der fliegenden Bauten die höchsten Kräfte auftreten und welche Bauteile besonders anfällig sind.

"Hundertprozentige Sicherheit gibt es jedoch nie", gibt Bernhardt zu. Die meisten Unfälle werden laut Statistik durch menschliches Fehlverhalten verursacht. Zum Beispiel durch vergessenes Schließen eines Sicherheitsbügels durch einen Mitarbeiter oder durch das Fehlverhalten eines Fahrgastes. "Es ist beispielsweise schon vorgekommen, dass ein betrunkener Fahrgast auf eine fahrende Attraktion springen wollte", erklärt Bernhardt. Aber es können auch Materialfehler die Ursache eines Unfalls sein.

Im Laufe der Zeit hat sich das Fahrgeschäft verändert. Heutzutage werden fast keine neuen "Achterbahnen auf Reisen", wie sie die Experten nennen, entwickelt. Immer weniger Attraktionen werden importiert oder exportiert. Nur noch in Freizeitparks werden ab und zu neue Attraktionen gebaut. Das liegt daran, dass die möglichen Fahrbewegungen fast ausgeschöpft sind. Neue Fahrgeschäfte versuchen noch höhere und schnellere Attraktionen zu entwickeln, um den Kunden den ausreichenden Nervenkitzel zu verleihen. Hauptsache, schnell, lautet ihr Motto. Bernhardt liebt den freien Fall aus 60 Metern Höhe. Den er aber nur vom frisch geprüften und gesicherten Freefalltower wagt: "Der ist cool!", schwärmt er.

Informationen zum Beitrag

Titel
Ohne sein O.K. stehen alle Karussells still
Autor
Alina Böhm
Schule
Rosenstein-Gymnasium , Heubach
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 05.05.2014, Nr. 103, S. 30
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

Beruf und Chance

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