32084 heute nach 27

"32054 heute von 34", wenige Augenblicke später "32084 heute nach 27", "529 braucht noch Erlaubnis." Es fliegen Stimmen durch den Raum. Wörter, die scheinbar keinen Adressaten finden, jedoch eine große Bedeutung haben. Die Stimmung ist angespannt, fast schon hektisch. Wichtige Entscheidungen werden in Sekunden getroffen. Zwischen den unzähligen Gleisanlagen des Münchener Hauptbahnhofs liegt, abgeschottet mit nur einem Zugang, ein anspruchsvoller Arbeitsplatz. Seit 1964 befindet sich hier das Stellwerk. Damals entsprach es den neuesten, technischen Standards, während es heute fast antik wirkt. Der Vorteil gegenüber den computergesteuerten Stellwerken liegt auf der Hand. "Als einer der größten Kopfbahnhöfe Europas ist es wahnsinnig wichtig, Präsenz zu zeigen", sagt Oliver Fachet, der sich offiziell Bezirksleiter Betrieb bei der DB Netz AG nennt. Es wird an 365 Tagen im Jahr gearbeitet. Ein ausgeklügelter Schichtdienst gewährleistet eine durchschnittliche Anzahl von 20 Mitarbeitern je Schicht, die nach Stoßzeiten variieren kann.

Drei Stelltische mit Dutzenden von Schaltern, Dioden und Knöpfen sorgen für das reibungslose Ankommen und Abfahren von 1500 Zügen am Tag. Jeder Stelltisch wird von einem Fahrdienstleiter bedient. Dieser hat sich streng an den "Fahrplan für Zugmeldestellen" zu halten, das ist ein Zeit-Weg-Diagramm, das vorgibt, wann wo welcher Zug ankommt oder abfährt. Bei kurzfristigen Fahrplanänderungen und Verspätungen gelten die Anweisungen der Betriebsüberwachung. Zur Verminderung des Risiko- und Stressfaktors wird jeder Fahrdienstleiter von einem Assistenten unterstützt. Es besteht die ständige Gefahr, dass Züge auf ein falsches Gleis manövriert werden und durch Kettenreaktionen ein totales Chaos verursacht wird. Das Risiko von Zusammenstößen und Kollisionen wird jedoch durch die Technik verhindert, indem jede voreingestellte Fahrstraße von einer Rechenmaschine überprüft wird. Der 56-jährige Lorenz Böck besuchte die Eisenbahnfachschule München, war lange Fahrdienstleiter und landete schließlich im Stellwerk München Hauptbahnhof.

"Eigentlich wollte ich ja Metzger werden, aber der Vorstand vom Bahnhof Nannhofen hat bei uns immer die Milch geholt. Einmal hat er gesagt, ich soll doch zur Bahn gehen, weil es da Freifahrkarten gibt." Als der großgewachsene Urbayer vor 14 Jahren von Pasing zum Stellwerk München Hbf wechselte, war das erst einmal eine große Umstellung für ihn. Wie er berichtet, haben viele gute Fahrdienstleiter das Handtuch geschmissen, da die Arbeitsbelastung hoch ist. Erfahrung alleine reiche noch lange nicht aus. Böck erinnert sich an die Grundsatzfrage zu Arbeitsbeginn: "Wieso tu ich mir das alles überhaupt an?" Überzeugende Argumente hat er gefunden: "Jeder Tag ist anders, es ist hier immer etwas los, man ist nie allein." Routiniert steht er an seinem Stelltisch, wirft einen aufmerksamen Blick auf den Fahrplan für Zugmeldestellen, fährt mit seinen wuchtigen Händen präzise über das scheinbar endlose Schaltermeer und stellt die gewünschten Fahrstraßen ein. Um sich selbst zu überprüfen, wirft der grauhaarige Mann gerne einen Blick aus dem Fenster. Dort sieht er gerade 20 Meter unter sich den voreingestellten Zug in den Bahnhof einfahren. Stolz erzählt er, dass das hier sozusagen seine eigene Modelleisenbahn im Maßstab 1:1 ist. Und sollte doch ein wenig Ruhe einkehren, genießt Böck den Panoramablick auf die Türme der Frauenkirche, des Alten Peter und des Rathauses. Doch der Moment ist sehr selten. "Nach einem zweistündigen Einsatz am Stelltisch bin ich oft fix und fertig . . . aber im Noachinein bereu i nix."

Informationen zum Beitrag

Titel
32084 heute nach 27
Autor
Alex Schramm. Carl-Orff-Gymnasium, Unterschleißheim
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24.11.2010, Nr. 274 / Seite N8
Projekt
Jugend schreibt

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