Suhlen in Schweizer Kuhlen

Bruno Wirth hat mit 13 Jahren beschlossen, Landwirt zu werden. Heute führt er einen Hof im Kanton Aargau, und auf seinen Weiden suhlen sich asiatische Wasserbüffel.

Das hügelige Gebiet des Fricktals im Kanton Aargau erstreckt sich bis an den Horizont. In der Ferne, auf einem der vielen Hügel tanzt die Silhouette eines Lenkdrachens in der Luft. Die Wasserbüffel grasen friedlich auf der Weide des Hofes. Ein Kalb liegt neben dem massigen schwarzen Körper seiner Mutter, streckt seine schwarze Schnauze der Sonne entgegen und schnaubt. Außer vereinzelten Bauernhöfen, vielen grünen Wiesen, die mit Obstbäumen bewachsen sind, deutet nur das Dorf Olsberg unten im Tal auf Zivilisation hin. Und auch dorthin fährt das einzige öffentliche Verkehrsmittel, ein Postauto, nur einmal in der Stunde, wenn überhaupt. Von diesem 355-Seelen-Dorf aus geht man eine Viertelstunde eine gewundene asphaltierte Straße hinauf, bis man den Bauernhof von Bruno Wirth und seiner Familie erreicht.

Bruno Wirth, ein mittelgroßer Mann mit schütterem Haar, sitzt auf einem Schemel in der Garage und sortiert Zwetschgen in eine schräg gestellte Holzkiste. So rollen sie an den unteren Kistenrand, damit man sie besser aussortieren kann. Von den gut 800 Kilogramm Zwetschgen, die heute noch verpackt werden müssen, werden die guten Früchte in kleine, auseinandergefaltete Kartonschachteln verteilt. Diese Schachteln werden an die Großverteiler geliefert.

"Ich bin auf diesem Betrieb aufgewachsen und habe gesehen, was es bedeutet, in der Landwirtschaft tätig zu sein", sagt Wirth. Mit sieben Jahren half er den Eltern auf dem Hof, musste oft im Stall wischen oder auch Stroh verteilen. Diese Arbeiten mochte er nicht. Aber mit elf Jahren habe sich seine Einstellung geändert. "Damals während der Kirschenernte hieß es, pro Kilogramm geerntete Kirschen würde ich 50 Rappen bekommen. In diesen Ferien gewann ich etwa 800 Kilogramm Kirschen und bekam so um die 400 Franken." Als ein Jahr später sein Vater den ganzen Sommer ausfiel, weil er Operationen an Knien und Rücken hatte, musste Bruno Wirth Verantwortung übernehmen, Maschinen bedienen, Mist und Jauche führen, aber auch melken. "Daher stand mit dreizehn Jahren mein Entscheid fest, dass ich einen Job in der Landwirtschaft erlernen wollte." Nach der Berufsmatur besuchte er zusätzlich noch die Ingenieursschule, bis er mit 24 Jahren fertig mit seiner Ausbildung war.

Der 37-Jährige ist vielbeschäftigt. Mitten im Gespräch klingelt das Fliegerlied, ein altbekannter Schlager, laut aus seinen Arbeiterhosen mit den vielen Taschen. Ein Kunde fragt nach einer Bestellung von Büffelfleisch.

Seit zehn Jahren gibt es nun schon Wasserbüffel auf dem Hof der Familie Wirth. Früher, als Wirths Vater den Bauernhof noch geleitet hatte, wurde mit Milchkühen gewirtschaftet. 2001 erkrankte er an einem Hirntumor und starb bald darauf. Bruno Wirth übernahm den Bauernhof unter anderen Umständen, als er es eigentlich erwartet hätte. Neben dem Melken mussten viele Arbeiten in den Rebbergen und an den Obstbäumen vor allem am Morgen und am Abend getan werden. Denn zu diesen Tageszeiten ist der Bienenflug nicht so groß, und der Wind weht eher schwächer. Die Arbeitsbelastung war hoch. Bruno Wirth suchte nach einer Alternative. "Ich habe verschiedene Möglichkeiten angeschaut. Dadurch, dass von meinen 40 Hektaren Betriebsflächen relativ viel Naturwiese ist, wollte ich nicht nur Heu produzieren und verkaufen, sondern ich wollte ein Tier, das dieses Gras auch nutzt und frisst. Darum kamen Strauße, welche Körner picken, nicht in Frage, Kaninchen ebenfalls nicht. Neben Lamas und Alpakas habe ich mich auch noch über Pferde informiert, aber da der Preis für Pferdefleisch katastrophal ist, hätte das auch keinen Wert gehabt. Somit habe ich gewusst, dass der Wasserbüffel das Tier für mich und meinen Betrieb ist. Der Hauptgrund für den Entscheid war, dass ich nicht Milch produzieren wollte, sondern Mutterkuhhaltung betreiben. Die Kälber, oder besser gesagt, deren Fleisch, sind mein Ertrag."

Wasserbüffel sind im Gegensatz zu Milchkühen relativ unkompliziert, was das Futter anbelangt. Sie sind mit den europäischen Milchkühen nur so nahe verwandt wie Ziegen mit Schafen. Die Büffel können lange mit schlechtem Futter auskommen und spät gemähtes, das heißt rohfaserreiches Gras dank ihrer speziellen Verdauung gut aufschließen. Dass seine 35 bis 45 Büffel dieses "schlechte" Gras fressen, ist für Wirth praktisch. Denn er hat mit dem Kanton Aargau einen Ökovertrag abgeschlossen, der besagt, dass er seine unbebauten Wiesen später als die anderen Bauern mäht. Diese Wiesenflächen dienen der Artenvielfalt der Schweizer Natur und bieten Rückzugsgebiete für viele Insekten, aber auch für kleinere Vögel und Mäuse. Dieses Gras könnte man Milchkühen nicht mehr zu fressen geben, da sie es nicht gut verwerten würden.

Alle zehn Tage darf gemäß dem Vertrag ein weiterer drei bis vier Meter breiter Grasstreifen abgemäht werden. Für den Wasserbüffelzüchter ist das eine Win-Win-Situation. Denn erstens macht es ihm nichts aus, das Gras spät zu mähen, weil seine Büffel es sowieso fressen. Zudem wird er vom Kanton für jeden Streifen Gras entgolten, der stehen gelassen und zu einem späteren Zeitpunkt gemäht wird.

Von April bis November oder Anfang Dezember bleiben die Tiere auf der Weide. Einmal am Tag wird ein Kontrollgang gemacht. Die Zaunpfosten werden wenn nötig wieder festgesteckt und die elektrische Ladung des Zauns überprüft. Alle zwei Tage wird frisches Wasser in die Tränken nachgefüllt, und wenn die Suhlen für die Büffel ausgetrocknet sind, werden sie nachgefüllt. Dies ist eine Eigenheit der Tiere, die sie sich vermutlich in ihren asiatischen Ursprungsgebieten angewöhnt haben: Sie müssen immer Wasser um sich herum haben. Deshalb sind Teiche und Tümpel auf den Weiden unerlässlich. Auch dem Menschen gegenüber sind die Büffel ziemlich umgänglich. Sie kommen auf einen Menschen zu, wenn sie ihn kennen, und lassen sich streicheln. Der Bauer sagt stolz: "Ich habe auch das Gefühl, dass die Tiere ziemlich intelligent sind. Einmal als ich sie von einer Weide in die andere getrieben habe, mussten sie einen Abhang hinunter. Im Gegensatz zu den Kühen liefen meine Büffel im Zickzack den Hügel hinab. Die Kühe dagegen, die wir früher hatten, liefen geradewegs den Hang hinunter und wurden von ihrem Eigengewicht immer schneller. Vielleicht war es Zufall, aber da musste ich sagen, diese Wasserbüffel sind wahrscheinlich nicht so dumm."

Plötzlich knattert aus dem Tal ein Mofa der Marke Pony heran. Ein älterer Mann steigt ab und erkundigt sich außerhalb der Öffnungszeiten des Hofladens, ob seine Äpfel und Birnen schon reif seien. Wirth verneint und bietet ihm stattdessen Zwetschgen und Pfirsiche an. Für einen kleinen Schwatz zwischen der Arbeit ist immer Zeit. Denn öfters kommen Leute aus dem Dorf vorbei.

Neben dem Fleisch der Kälber, die von einem externen Metzger geschlachtet werden, der es dann auch zerteilt und verpackt, gibt es noch viele weitere Produkte, die im Hofladen verkauft werden: Wein aus eigenen Trauben, Früchte, Gemüse, Brot und Backwaren. Für die Bäckerei ist Bruno Wirths Mutter Erika Wirth-Holer zuständig, die immer noch tatkräftig mithilft. Auch die Kinder des Bauern, der neunjährige Dino und die siebenjährige Mara, helfen mit. Wirths Frau Barbara Wirth-Dillier ist stark in die Arbeit involviert. Verkauft werden Büffelmozzarella, aber auch Joghurt, Weich- und Halbhartkäse aus Büffelmilch. Das sind einige der wenigen Produkte, die vom Betrieb der Gebrüder Stähli geliefert werden, die Wasserbüffelzucht im Val de Travers im Kanton Neuenburg betreiben.

Auf die Frage, was ihm an seinem Beruf gefällt, antwortet Bruno Wirth: "Zum einen mag ich es, in der Natur zu arbeiten. Zum anderen macht es Freude, wenn man am Abend sieht, was man geleistet hat. Das stellt zufrieden."

Informationen zum Beitrag

Titel
Suhlen in Schweizer Kuhlen
Autor
Sandro Wirth
Schule
Kantonsschule Limmattal , Urdorf
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.05.2014, Nr. 109, S. 26
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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