Jedes Jahr wurde eine Kuh geschlachtet

Während man in früheren Zeiten Sense und Holzrechen zur Hand nahm, schneiden heute Maschinen die blühenden Wiesen." Amélie Follonier spricht mit dem markanten Akzent des letzten heute noch gesprochenen Westschweizer Dialekts, des sogenannten patois d'Evolène. Hinter ihr erstrecken sich die von Bergen umgebenen Felder des 100-Seelen-Dorfes La Forclaz, das sich im unteren Wallis auf 1727 Metern über dem Meer befindet. Man hört das Rattern der Traktoren. Großvater, Tochter und Enkel arbeiten auf den Feldern. An steilen Hängen, wo auch ein Fahrwerk mit Allradantrieb nicht hingelangt, wird auf die alte Tradition der Handfeldarbeit zurückgegriffen. Des Öfteren begegnet man jedoch Traktoren und Transportwagen, in die sich fröhlich lachende Jugendliche quetschen.

"Dank der Maschinen kann die Feldarbeit heutzutage innerhalb von drei Wochen unregelmäßigen Arbeitens abgeschlossen werden, während man früher ganze drei Monate für eine intensive und tägliche Heuet brauchte", erklärt die 19-jährige Enkelin Cynthia Follonier auf dem Balkon ihres Walliser Chalets. "Außerdem half früher die ganze Familie, also um die sechs Personen, bei den Feldarbeiten, heute benötigt man jedoch nur noch zwei bis drei Arbeiter."

Trocknungsmaschinen erleichtern die frühere zweitägige Trocknungszeit, in der das Gras beidseitig gut getrocknet werden musste, um Brände im Heuschuppen zu verhindern. "Nach dem ersten Grasschnitt im Juli, wird das halbtrockene Heu zum Heuschuppen gefahren, wo es durch ein Rohr hineingesaugt wird. Eine weitere Maschine hilft dabei, das Heu im Schuppen gleichmäßig zu verteilen, während der Föhn das Heu fertig trocknet. Im September beginnt die Arbeit während der Emde, des Schnitts des nachgewachsenen Grases, wieder von vorne." Die Feldarbeit dient heute eher zur Landschaftspflege, um die Weiden- und Wiesenbiodiversität zu schützen und den Waldwuchs zu verhindern. Dabei spielen die Subventionen des Staates eine zentrale Rolle.

Die Viehzucht der wenigen heute noch tätigen Bauern in La Forclaz dient dem Milch- und Fleischverkauf. "Die Bauern betreiben die Zucht hauptsächlich aus Liebe zum traditionellen Beruf und aus Stolz über die alte Kuhrasse vache d'Hérens", sagt Cynthia, die einen auffälligen Kurzhaarschnitt trägt.

Zum Haushalt der Ahnen gehörten zwei bis zehn Kühe, deren Milch zu Käse verarbeitet und deren Fleisch zu Dörrfleisch getrocknet wurde. "Wir metzgeten unser Vieh selbst. Da man das Fleisch nicht wie heute in den Supermärkten erwerben konnte, wurde einmal im Jahr eine Kuh für zwei Familien geschlachtet. Außerdem hatte man die Gelegenheit, ein Tier bei der jährlichen Bauernmesse gegen fehlende Ware wie Salz und Teigwaren zu tauschen", erinnert sich die 72 Jahre alte Großmutter. In der einfach eingerichteten Küche hängt ein Foto einer Familie in der traditionellen Tracht der Region. Sie besteht aus einem braunen Wollanzug für die Männer und einem langen ärmellosen Wollkleid mit einem kurzärmeligen Leinenhemd für die Frauen, zu dem eine Schürze und ein breitrandiger schwarzer Hut getragen werden.

Im Mai verließen die Kühe erstmals nach dem langen Winter ihren Stall und wurden auf den Maiensäss, die erste Alm, geführt. "Da die ganze Familie auf den Maiensäss zog, war das Dorf zu dieser Zeit fast menschenleer. Es waren die wenigen Momente im Jahr, in denen die ganze Familie vereinigt war und man Zeit miteinander verbringen konnte. Sie bedeuteten so etwas wie Frühlingsferien, da die Arbeit nur aus der Bewachung der grasenden Kühe bestand. Meine schönsten Erinnerungen stammen aus dieser Zeit", sagt die alte Dame. Der lang erwartete Kuhringkampf des darauf folgenden Alpaufzuges, in dem die kampflustigste Kuh zur Königin gekrönt wird, ist immer noch der Höhepunkt des Jahres und bei Touristen wie Einheimischen ein begehrtes Schauspiel.

Während die Kühe von Juli bis Oktober unter den Augen der Hirten, die heute des Öfteren von elektrischen Zäunen ersetzt werden, auf dem Alpenweidland grasen, findet auf den Feldern um das Dorf die Heuet statt. "Am 15. August werden die Alparbeiter gefeiert. Dies findet in Form von Grillfesten oder Raclettes statt, während man sich früher einen warmen Milchreis gönnte", sagt Cynthia, die keine Zukunft in der Alpwirtschaft sieht und deren Generation Arbeit in der Stadt sucht.

Ende Oktober werden die Kühe in den Stall geführt. Das bedeutet keineswegs Ferien für die Bauern. "Im Winter verbringt man die Zeit damit, das Vieh zu füttern und zu pflegen. Mit dem touristischen Aufschwung wurden Skigebiete und Hotels errichtet, und so entstanden saisonale Arbeitsplätze für die Einheimischen." Die Mechanisierung der Landwirtschaft brachte viele Wandel. Auch das Geld war bis zum Bau der Staumauer, der Grande Dixence, im Nachbartal, bei dem einige Einwohner von La Forclaz zur Arbeit bestellt wurden, noch nicht bekannt. So warf ein Arbeiter zu Beginn des 20. Jahrhunderts bei seiner Heimkehr ins Dorf am Freitagabend die Fünffrankenscheine fort, in der Meinung, dass es nur altes Papier sei, und behielt stattdessen die Kleinmünzen.

Informationen zum Beitrag

Titel
Jedes Jahr wurde eine Kuh geschlachtet
Autor
Camille Bertossa
Schule
Kantonsschule Limmattal , Urdorf
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.05.2014, Nr. 109, S. 26
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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