Weg mit dem Stein im Darm des Hunde

Dem Schäferhund wurde geholfen, der Stein in seinem Bauch entfernt, noch ist der Vierbeiner leicht narkotisiert. Er ist einer der Patienten, denen in der Tierklinik geholfen wird. Die Geräte stammen aus der Humanmedizin, werden aber umprogrammiert.

Auf dem metallisch glänzenden, sterilen Operationstisch liegt eine kleine, durchsichtige Plastiktüte mit Druckverschluss. In ihr befindet sich ein Stein, so groß wie eine Kinderfaust. Seine Oberfläche ist rauh, eckig und wirkt frisch gewaschen. In dem großen Raum stehen noch weitere der langen, schmalen Operationstische. Die Luft ist erfüllt vom unangenehmen Geruch nach Exkrementen. "Hier stinkt es so, weil bei der Operation der Darm geöffnet wurde", erklärt Michael Schneider-Haiss. Auf einem weißen Handtuch liegt ein großer, hellbrauner Schäferhund. Sein Bauch ist kahlgeschoren, so dass seine helle Haut zu sehen ist. Ein großes, weißes Pflaster befindet sich in der unteren Bauchgegend. Der Hund liegt auf der Seite, noch umnebelt von der Narkose. Sein Atem geht regelmäßig und schwer. Den Eingriff hat er gut überstanden. "Der Hund kam heute Abend als Notfall. Er hatte diesen Stein gefressen, der seinen Darm verstopfte und deshalb dringend entfernt werden musste", sagt der Tierarzt und zeigt auf die Tüte.

Michael Schneider-Haiss ist Gründer und einer der beiden Leiter der Kleintierklinik in Ludwigsburg-Oßweil bei Stuttgart. "Es war schon immer mein Traum, Tierarzt zu werden", erzählt der 58-jährige schlanke Mann. Er hat kurze, helle Haare, trägt ein kariertes Kurzarmhemd und eine Brille mit kreisrunden Gläsern und dickem, schwarzem Rand. "Schon in meiner Schulzeit hatte ich diesen Wunsch, was sich aber nicht in meinen Noten niedergeschlagen hat", fügt er lachend hinzu. Schließlich gelang es ihm doch, einen Studienplatz für Tiermedizin in Berlin zu ergattern. 1988 fing er in Ludwigsburg ganz klein an und übernahm eine Ein-Mann-Praxis, die er vier Jahre führte. Dann kaufte er ein Grundstück und errichtete die Tierklinik, die sein ganzer Stolz ist.

Die beiden Klinikleiter, drei Oberärzte mit unterschiedlichen Fachrichtungen und mehrere Assistenztierärzte und Helfer arbeiten hier. "Als Krankenhaus für Tiere sind wir wie jedes normale Krankenhaus das ganze Jahr über und zu jeder Uhrzeit erreichbar." Jeden Tag kommen vier bis fünf Tiere als Notfälle und müssen so schnell wie möglich versorgt werden. Daneben gibt es eine Terminvergabe. Behandelt werden Hunde, Katzen, Frettchen, Vögel, Kaninchen und andere Kleintiere. Schneider-Haiss hat selbst Haustiere, zurzeit sind es zwei Hunde, die er schon mehrfach operierte. "Ich finde es in Ordnung, auch meine eigenen Hunde zu behandeln. Solange ich weiß, dass ich es kann, habe ich damit kein Problem." Für Untersuchungen aller Art ist das kleine Krankenhaus gut ausgestattet. "Vor sieben Jahren haben wir unsere letzte große Anschaffung gemacht - einen eigenen Computertomographen", sagt Schneider-Haiss. Neben dem CT-Raum gibt es Räumlichkeiten für digitales Röntgen, zur Endoskopie, für Ultraschalluntersuchung, Zahnbehandlungen und andere Untersuchungen. Auffallend sind die verkabelten, kompliziert aussehenden Narkoseapparate, die in vielen der Behandlungsräume stehen. "Für die meisten größeren Untersuchungen müssen die Tiere schlafen, weil sonst zum Beispiel die Röntgenbilder verwackeln würden." Alle Geräte stammen aus der Humanmedizin. "Wir müssen nur durch spezielle Programme beispielsweise die Strahlung im Computertomographen sehr gering halten. Es ist ein Unterschied, ob ein zwei Kilogramm schwerer Yorkshire-Terrier oder ein vierzig Mal so schwerer Mann untersucht wird."

Für Tiere, die stationär bleiben, ist eine spezielle Station eingerichtet. Die kleinen Patienten kommen in quadratische Boxen mit metallenen Gitterstäben an der Vorderseite. In dem Raum stehen an beiden Längsseiten jeweils zwei dieser Boxen übereinander, dazwischen bleibt ein Durchgang frei. Von der Decke hängen Infusionsbeutel mit farblosen Flüssigkeiten. Ein kontinuierliches Piepen und ein leises Winseln sind zu hören. In einer der Boxen liegt ein kleiner Hund, der sich verstört in die hintere Ecke zurückgezogen und zusammengerollt hat. Für die größeren Patienten gibt es in einem weiteren Stationsraum begehbare Boxen. Eine davon ist belegt. Ein großer Hund mit Halskrause und dick einbandagiertem Vorderlauf blickt Michael Schneider-Haiss mit großen, dunkelbraunen Hundeaugen müde an.

Auch an die ambulanten Patienten ist gedacht: Auf der Empfangstheke im Eingangsbereich steht ein Schälchen mit Leckerlies. Die Toilette für die Tierbesitzer weist eine Vorrichtung auf, von der vor allem Hundebesitzer profitieren: Sie hat einen kleinen Vorraum, an dessen Wand in Kniehöhe ein Metallring eingelassen ist. Hier können die Hunde angebunden werden und ihre Herrchen sich in Ruhe frisch machen. "Das ist keine wissenschaftliche Errungenschaft, aber praktisch", bemerkt der Veterinär lachend.

Nicht überall ist die Tiermedizin so gut ausgestattet wie in dieser Klinik. "Vor ein paar Jahren habe ich einen Freund in Laos besucht, dessen Hund dringend operiert werden musste. Der Tierarzt vor Ort konnte nicht operieren und hatte auch nicht die passende Ausstattung. Ich bin in eine Apotheke gegangen und habe das nötige Material gekauft." Währenddessen musste der Hund beatmet werden. Mangels eines Beatmungsgerätes bastelte Schneider-Haiss aus einem alten Garten- einen Luftröhrenschlauch. Seine beiden Kinder bliesen abwechselnd frischen Sauerstoff in die Lunge des Tieres. "So habe ich unter ziemlich wilden Bedingungen die Operation durchführen können. Der Hund hat die Behandlung gut überstanden." Oft ist eine Operation oder ein stationärer Aufenthalt in der Tierklinik eine Kostenfrage. "Es gibt zunehmend Versicherungen für Haustiere. Das ist sinnvoll, denn solche Eingriffe sind oft relativ aufwendig", erklärt Schneider-Haiss. "Manchmal lehnen wir aber auch Patienten ab, egal wie viel der Besitzer bereit ist zu bezahlen. Wir wollen keine endlosen Therapieexzesse. Wir wollen, dass die Tiere nach der Behandlung ein vernünftiges Leben führen können", fügt er bestimmt hinzu. Krebstherapien, beispielsweise für Hunde, werden aber angeboten. "Wir machen keine Bestrahlung, sondern geben nur Medikamente", erklärt er. "Es ist interessant, dass Hunde dabei ihr Fell behalten. Dies liegt daran, dass sie eine andere Haarbildung als Menschen haben. Oft vertragen sie die Therapie erstaunlich gut. Das freut mich immer wieder." Da trifft auch schon der nächste Notfallpatient ein und will versorgt werden. Es wäre nicht das erste Mal, dass Michael Schneider-Haiss bis spät in die Nacht im OP steht.

Informationen zum Beitrag

Titel
Weg mit dem Stein im Darm des Hunde
Autor
Katja Schabet
Schule
Goethe-Gymnasium , Ludwigsburg
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19.05.2014, Nr. 115, S. 30
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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