Futter für Nummer 1941

Eine enge Treppe führt ins Untergeschoss. Eine Deckenlampe und zwei Fenster sorgen für Licht. Es gibt zwei Stallkomplexe mit Türen aus Maschendraht, jeder besteht aus jeweils vier Etagen. Jede Etage ist mit Zeitungspapier ausgelegt und mit einer Wasserschale und einem mit Papier ausgestopften Plastikhäuschen ausgestattet. Es ist fast halb sieben Uhr abends, der Bewohner mit der Nummer 1941 macht sich durch ungeduldiges Herumlaufen bemerkbar. Es ist Essenszeit im Igelzentrum Zürich.

"Wir bieten kostenlose medizinische Versorgung für Igel sowie auch Beratung zum Thema Igel an. Jeden Tag können sich die Leute zwischen 16 und 18 Uhr bei uns melden und uns Fragen bezüglich Igel und deren Lebensweise stellen", sagt Susanne Wiesendanger. Die Sozialpädagogin in Jeans und Pulli hat ihre blonden Haare zu einem Zopf gebunden. Sie ist eine von neun Teilzeitmitarbeitern im Zentrum und versorgt zurzeit sieben Patienten. Das Igelzentrum liegt an der Universitätsstraße mitten in der Stadt. Morgens kommen Schulklassen oder andere Gruppen, und die Mitarbeiter führen die Besucher durch die Igelzentrale. Zusätzlich gibt es Vorträge, um möglichst viele Leute auf die Probleme der im menschlichen Siedlungsraum lebenden Wildtiere aufmerksam zu machen.

Bevor Susanne Wiesendanger den Igel mit der Nummer 1941 aus seinem Gehege holt, zieht sie sich Gummihandschuhe über, um die Übertragung von Krankheiten zu verhindern. "Dieser Igel ist fast blind. Er sieht nur noch auf einem Auge und ist seit zehn Tagen bei uns. Er hat keine Angst vor Menschen und kugelt sich daher nicht sofort ein, wenn man ihn aufnimmt." Er wurde gefunden, da er am Tage aktiv war. Normalerweise sind Igel nachtaktive Tiere. Er wird nun mit Nagellack markiert, damit man ihn wiedererkennen kann, wenn er morgen freigelassen wird. Wiesendanger wiegt ihn, trägt die 3,5 Kilogramm in ihre Tabelle ein und schaut, wie er sich zusammenkugelt. Obwohl sie ihm mit der Hand vorsichtig vor die Nase stupst, nimmt er keine große Notiz von ihr. Er ändert lediglich die Richtung und tapst weiter. Nach der kurzen Untersuchung gibt es Futter für 1941.

In einer schmalen Küche wird die Mahlzeit für die stacheligen Patienten vorbereitet. "In der Natur ernähren sich die Igel von Insekten und Würmern. Um ihnen hier ein geeignetes Ersatzfutter geben zu können, geben wir ihnen Katzenfutter mit ein bisschen Futterkalk und Weizenkleie." Der nächste Patient ist Kurt. So haben ihn die Leute genannt, die ihn gebracht haben. Kurt ist noch jung. Er lief tagsüber umher und wurde von den Leuten sofort eingepackt und ins Zentrum gebracht. Dies sei nicht ideal. "Zuerst sollte man den Igel beobachten, um herauszufinden, was sein Problem ist, bevor man beschließt, ihn zu uns zu bringen. Vor allem bei Jungtieren wie Kurt kann es vorkommen, dass sie auch tagsüber durch die Gegend laufen, weil sie im Spätherbst zu wenig Futter finden. Ihnen kann man mit einer Zufütterung helfen."

Im Spätherbst und im Frühwinter werden besonders viele Jungtiere abgegeben. Meistens bleibt ein Igel zwei Wochen, bevor er wieder von den Leuten, die ihn gebracht haben, abgeholt wird. Der Igel wird wieder an der gleichen Stelle ausgesetzt, wo er gefunden wurde. Kurt ist menschenscheu und faucht, sobald man ihn aufheben will. Das sei das übliche Verhalten. Stupst man ihn vor die Schnauze, faucht er und wechselt die Richtung. Wenn er aufgehoben wird, kugelt er sich sofort zusammen.

Das Zentrum wurde vor 15 Jahren von zwei Biologinnen gegründet. "Sie waren auf die Wildtiere im Allgemeinen fokussiert. Doch da sich der Igel als Sympathieträger anbot, wurde er zum Wappentier erkoren", sagt Annekäthi Frei. Die 49-jährige Tierärztin gehört zur Geschäftsführung. Regelmäßig besucht sie die stacheligen Patienten und entscheidet, wie weiter vorgegangen wird. Tierschutz und eine Umweltschutzorganisation unterstützen das Zentrum. "Hauptsächlich aber werden wir von Spendengeldern von Mitgliedern und Igelpaten gesponsert", sagt Wiesendanger, während sie Kurt den Futternapf auffüllt. "Man zahlt 200 Schweizer Franken, und je nach Belieben steht dem Paten eine freie Führung durchs Zentrum zu, um seinen Schützling zu besuchen."

Informationen zum Beitrag

Titel
Futter für Nummer 1941
Autor
Sarah Valerio
Schule
Kantonsschule Limmattal , Urdorf
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19.05.2014, Nr. 115, S. 30
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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