Strukan bleibt in Zagreb bei Goethe

Der Mann ist kaum zu bremsen. Nicht, wenn er fährt. Und nicht, wenn er erzählt. Nach 40 Jahren als Fahrer des Goethe-Instituts Kroatien ist das auch kaum verwunderlich. Mindestens 1,5 Millionen Kilometer hat Branko Strukan mit verschiedenen Autos auf unterschiedlichen Wegen zurückgelegt, er ist dabei etwa 40 Mal rund um die Erde getourt und hat Gäste chauffiert, die andere Leute höchstens aus dem Fernsehen kennen. Branko Strukan kennt sie alle, und fast jeder in Kroatien, sogar Staatspräsident Ivo Josipovic, kennt ihn.

Der eher kleine und unauffällige Mann wurde 1949 in Ugljane geboren, einem verschlafenen Dorf im dalmatinischen Hinterland von Split. Steine, Ziegen und Gras. Knapp tausend Einwohner, eine Dorfschule, die Strukan acht Jahre lang besuchte. "Es gab ein kleines und ein großes Gebäude, die irgendwann verbunden wurden, und am Anfang keinen Strom. Über eine Schotterstraße reiste der Lehrer an. Im Winter musste jeder Schüler jeden Tag ein Holzscheit mit in die Schule bringen, damit man heizen konnte."

Aber der 65-Jährige kommt noch heute ins Schwärmen: "Natürlich haben wir als Kinder begeistert Fußball gespielt." Doch was tun, wenn es keinen Ball gibt? Aus Kleiderfetzen und Plastiktüten wird ein rundes Ding gebastelt. Später wird Volleyball für die jungen Leute attraktiv. Woher ein Netz für das Spiel nehmen, wenn man nicht gerade in einem Fischerdorf an der Adria, sondern in den Bergen lebt? Schnell wird der Oma ein Vorhang geklaut, zwischen zwei Bäume gespannt, und schon geht das Springen, Pritschen und Baggern los. Auch das Boccia-Spiel wird improvisiert: Steine ersetzen die Kugeln, oder es wird schon mal ein Hammer "ausgeliehen". Man muss sich halt zu helfen wissen. Auf Spaß muss dann keiner verzichten. Branko Strukan, heute längst mit weißem Haarschopf, kann sich vor Lachen kaum halten.

Ugljane ist nicht die beste Voraussetzung für eine große Karriere. Ein Cousin geht nach Deutschland, von den Klassenkameraden wird einer Abgeordneter, die anderen bleiben in Split oder der Umgebung. Strukan kommt nach der Realschule in Split und verschiedenen Jobs 1970 als 21-jähriger "Gastarbeiter" nach Deutschland. In der Schule hatte er Französisch, aber kein Wort Deutsch gelernt; so kommt es zu Missverständnissen. Bei der Ankunft in Melle bei Osnabrück ist der Zug verspätet. Ein Cousin, der ihn dort erwartete, ist längst gegangen. Strukan geht in ein Hotel, legt seinen Pass vor. Die Frage, ob er für sich alleine ein Zimmer suche oder eine Begleitung habe, versteht er nicht und antwortet: "Zehn Liter Wein!" Bald findet er Arbeit in einer Möbelfabrik und lernt Deutsch. 1973 ist er erstmals wieder in Kroatien, ein Cousin, der im deutschen Konsulat arbeitet, vermittelt ihm einen Job beim Goethe-Institut, das damals noch "Kulturzentrum" heißt. Hier soll er "Mädchen für alles" sein, vor allem aber als Fahrer arbeiten. Da dem Kulturzentrum aber noch ein Auto fehlt, kehrt Strukan erstmal wieder nach Deutschland zurück. Dort erhält er ein Telegramm: "Auto da. Bitte kommen!" Strukan kommt nach Zagreb und bleibt "bei Goethe". 40 Jahre sind jetzt daraus geworden.

Täglich arbeitet der große Fußballfan mindestens von 8.30 bis 17 Uhr, bei Veranstaltungen oft auch am Abend. Mittags etwa eine halbe Stunde Pause, die er aber flexibel nehmen muss. Sein morgendlicher Weg führt ihn zur Post, zurück im Institut, wird die Eingangspost gestempelt, dann ausgeteilt. Strukan kümmert sich um das Archiv, wäscht das Auto und tut eigentlich alles, "was man mir sagt".

Meistens muss er natürlich fahren. Anfangs mit einem Volkswagen Kombi, später mit einem Mercedes, seinem "Lieblingsauto". Da das Kulturzentrum auch für Slowenien und Bosnien und Hercegovina zuständig ist, kommen viele Kilometer zusammen. Italien, Deutschland, Ungarn, Serbien und die Slowakei gehören auch zu den Zielen.

Und selbstverständlich werden manche Promis chauffiert. Zum Beispiel Albert Mangelsdorff, der weltbekannte Jazzposaunist. Günter Grass fuhr Branko Strukan zwischen 1970 und 1980 sogar zweimal. Der spätere Literaturnobelpreisträger war Strukan zwar sympathisch, doch "der redete kaum mit mir". Wie auch, wenn er pausenlos an seiner Pfeife nuckelte? Jürgen Habermas, der berühmte Frankfurter Philosoph, wollte auf der Fahrt vom Zagreber Flughafen in die Stadt aber wissen, ob es Strukan "gut beim Goethe-Institut gefällt". Branko Strukan antwortet auch heute noch so darauf: "Die Arbeit muss einfach getan werden."

Mit vielen seiner Gäste hat Strukan auch manches Glas geleert. Besonders amüsiert ist er von der Geschichte mit dem Didaktik-Professor Hans-Eberhard Piepho. Den bringt er in Rijeka in ein Hotel. Der freundliche Professor lädt ihn ein und bestellt für sich Wein; Strukan bestellt sich einen Saft. Doch der Professor drängt ihn, auch wenigstens ein Glas Wein zu trinken. Er habe keine Angst, mit Branko zu fahren, auch wenn der Wein getrunken habe.

Besonders während der Kriegszeit zeigt sich, wie man sich auf den Goethe-Fahrer verlassen kann. 1992 gibt es Alarm in Zagreb; Tiefflieger sind über der Stadt. Alle deutschen Mitarbeiter des Instituts müssen so schnell wie möglich raus aus dem Land und nach Slowenien. Zwei Monate dauert der ganze Prozess, bei dem sich Branko Strukan wie immer pausenlos einsetzt. Als große Anerkennung wird ihm dafür später der Klaus-von-Bismarck-Preis verliehen. Aber auch das sieht Strukan nüchtern und bescheiden: "Das ist eine Anerkennung, dass ich gut gearbeitet und mich gut gegenüber meinen Kollegen verhalten habe." Und wie waren "die Deutschen" zu ihm? Strukan kichert vor sich hin. Nie wird er einen ehemaligen Direktor des Instituts vergessen, den er vier Minuten zu spät abholte, woraufhin der ihn fragte: "Wer ist hier eigentlich der Direktor? Sie oder ich?" Deutsche und kroatische Kollegen jedenfalls schwärmen von "ihrem" Branko. Snjezana Bozin, Leiterin der Bibliothek, lobt ihn so wie fast alle anderen. "Er ist einfach die gute Seele des Instituts." Sandra Jakopovic, als Verwaltungsleiterin die direkte Vorgesetzte, meint: "Er gehörte mit zu den Ersten, die hier angestellt waren. Er kennt alle Leute, legendäre Geschichten." Und dann berichtet sie, wie Strukan nach dem Bosnien-Krieg in Sarajevo mit seiner Ruhe und Gelassenheit dafür sorgte, dass der damalige Direktor des Goethe-Instituts ohne Probleme aus brenzligen Situationen mit serbischen Polizisten herauskam. Besonders begeistert ist Brankos Chefin aber von der Geschichte, wie das Improvisationstalent ihres Fahrers eine Autofähre wieder zum Fahren brachte, die auf dem Grenzfluss Sava zwischen Kroatien und Bosnien und Hercegovina auf Grund gelaufen war: "Alle Autos sollten auf der Fähre einen Meter nach hinten fahren. Die Lkws fuhren dann zwei Meter nach vorne, und ihre Fahrer traten plötzlich auf die Bremse. Dadurch kam die Fähre ins Schwingen, löste sich vom Boden und konnte endlich losfahren." An solche Geschichten denkt Sandra Jakopovic, wenn sie schmunzelnd ergänzt: "Er ist wie ein Wesen aus einer anderen Zeit." Kein Wunder also, wenn das Goethe-Institut zum 40-jährigen Jubiläum des kroatischen Instituts einen Film produziert und seine Geschichte rund um Branko Strukan erzählt, seinen "Kulturfahrer".

Denn was wird werden, wenn "die Seele des Instituts" im Oktober 2014 in Rente geht? Katrin Ostwald-Richter, die aktuelle Institutsleiterin, meint: "Branko ist bereit, noch eine Zeit wie ein selbständiger Rentner für uns zu fahren. Bis Ende des Jahres geht es erst einmal mit ihm weiter." Was dann werden wird? Branko Strukan, der nie geheiratet hat, wird dann wieder in Ugljane sein. Er wird morgens die Zeitung holen. Kaffee und einen Schnaps trinken. Sich mit Freunden treffen. Grillen, Boccia spielen. Und von seinem Leben erzählen.

Informationen zum Beitrag

Titel
Strukan bleibt in Zagreb bei Goethe
Autor
Lucija Bulic, Tin Pavlovic
Schule
XVIII. Gymnasium , Zagreb
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 26.05.2014, Nr. 121, S. 30
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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