Eines Abends stand ein Pilger mit seinem Esel vor ihrer Tür

Ein Engel muss mich hierher geführt haben, zu Ihnen, Ihrer umwerfenden Herzlichkeit und diesem supergemütlichen Wohnwagen. Solche Begegnungen machen den Jakobusweg zu dem, was er ist." Lächelnd blättert Anna Barthle durch das braune Gästebuch, in dem bereits viele Menschen dankende Worte hinterließen. Die Seiten sind zum Teil lose und durcheinander. Verschmitzt schaut sie auf: "Es wird Zeit, dass es wieder geklebt wird." Oft schaue sie sich das Buch an und erinnere sich gern an die Leute, die bei ihr zu Gast waren.

"Im vergangenen Jahr kamen genau siebzig, so viele waren es noch nie", erzählt die kleine, grauhaarige Frau aus Bargau, einem Stadtteil Schwäbisch Gmünds am Fuße der schwäbischen Ostalb. Seit mehreren Jahren bietet Anna Barthle Jakobuspilgern eine Übernachtungsmöglichkeit. Die ersten Pilger kommen gegen März. Bis dahin dient der "Pilgerwohnwagen", in dem sonst die Pilger übernachten, als Unterstand für die Gartenmöbel.

Ganz sicher weiß sie nie, wann der nächste Besuch eintrifft, da sich nicht alle Pilger vorher bei ihr anmelden. So ist viel Spontaneität und Flexibilität erforderlich, Eigenschaften, die die 75-Jährige offensichtlich mit sich bringt. Selbst als sie sich einer Operation am Auge unterziehen musste und Ruhe verordnet bekam, nahm sie am selben Tag einen Pilger auf. Dieser erwies sich letztendlich als Glücksfall, denn er konnte als pilgernder Arzt am Abend die Wunde kontrollieren.

Auch davon, dass eines Tages ein Esel vor der Haustür stand, ließ die Bargauerin sich nicht aus der Ruhe bringen. Eine geeignete Weide für das Tier war schnell gefunden, da ein hilfsbereiter Nachbar ihr sein "Gütle" anbot, wo Esel und Pilger dankbar die Nacht verbrachten. Beim Frühstück am nächsten Morgen fand der genügsame Esel dann seinen Platz an der Wäschespinne im Garten. Frühstück bietet sie allen Pilgern an, und auch am Abend isst sie oft mit den Pilgern im "Ochsen", der örtlichen Pizzeria.

Schlechte Erfahrungen hat sie noch keine mit den Pilgern gemacht. Teilweise muss sie die Pilger jedoch schweren Herzens weiterschicken, da der Wohnwagen nicht all zu groß ist und immer nur bis zu sechs Personen gleichzeitig darin übernachten können. Sorgfältig wird er für alle Gäste vorbereitet, und auch Informationen für nächste Übernachtungsmöglichkeiten stellt sie den Pilgern zur Verfügung. Der Wohnwagen gehörte einmal dem Bruder des Schwiegervaters, der ihn aber nicht mehr benutzte. Er bekam einen Platz in Anna Barthles Garten und diente zunächst den heute erwachsenen Söhnen als Spielplatz.

Als dann der ehemalige Ortsvorsteher des Ortsteils Bargau Familien gesucht habe, die ein Pilgerquartier anböten, musste sie sofort an den Wohnwagen im Garten denken. Seit über sechs Jahren nimmt sie nun Jakobuspilger auf, die auf ihrem langen Weg nach Santiago de Compostela von Würzburg kommend eine günstige Übernachtungsmöglichkeit suchen.

Ihre beiden ersten Gäste waren zwei Frauen, die im Oktober 2007 mit ihren Fahrrädern durch Bargau pilgerten. Seitdem kommen von Jahr zu Jahr mehr. Ihr gefällt besonders, dass sie die Möglichkeit hat, unterschiedliche Menschen kennenzulernen. Polizisten, Pfarrer und Rentner, aber auch Familien und Studenten durfte sie als Gäste willkommen heißen. Einige Pilger sind alleine unterwegs, andere wandern in größeren Gruppen, alle mit unterschiedlichen Zielen oder Motivationen. Die Geschichten, die die Pilger mitbringen, findet die Witwe spannend und berührend, die selbst Pilgerin war. Im Jahre 2000 wanderte sie mit einer organisierten Gruppe für mehrere Tage auf einem Teil des Jakobuswegs, der von Bargau über die Schwäbische Alb, Oberschwaben, den Bodensee nach Einsiedeln in der Schweiz führt, bevor er dann über die Alpen, das Zentralmassiv und über die Pyrenäen nach Spanien führt.

Immer mal wieder melden sich ihre ehemaligen Gäste, übermitteln Weihnachts- und Neujahrsgrüße oder erzählen von ihrem weiteren Weg und ihren Erlebnissen. Von einer Pilgerin bekam sie kürzlich ein Buch geschickt, das diese über ihre Reise geschrieben hat. Gespannt erwartet Anna Barthle das Kapitel, in welchem sie und ihr Pilgerwohnwagen beschrieben werden. "Hoffentlich doch nur positiv", sagt Anna Barthle schmunzelnd mit ihrem schwäbischen Akzent.

Aber nicht nur an Weihnachten wird sie von Pilgern beschenkt. Da Anna Barthle ihre Unterkunft kostenfrei anbietet, hinterlassen einige Pilger neben ihrem Gästebucheintrag kleine Erinnerungen. Einem Pilgerpaar fiel auf, dass eines fehlte, um den "Pilgerwohnwagen" perfekt zu machen: Ein Stempel. Spontan ließen sie einen anfertigen und schenkten ihr ihn zum Abschied. Das Motiv, ein Wohnwagen mit Jakobsmuschel, erinnert alle Pilger immer wieder an Anna Barthle und ihren "Pilgerwohnwagen" in Bargau.

Informationen zum Beitrag

Titel
Eines Abends stand ein Pilger mit seinem Esel vor ihrer Tür
Autor
Sara Haag
Schule
Rosenstein-Gymnasium , Heubach
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 26.05.2014, Nr. 121, S. 30
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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