Schneller Schrotthändler

Auf einer Hochfläche des Schwäbischen Waldes zwischen Eschach und Gschwend im Ostalbkreis trifft man auf ein Gelände, das an einen Flugplatz erinnert. Merkwürdig erscheinen zunächst die Flugzeuge aus den fünfziger bis siebziger Jahren. Einheimische wissen, dass es sich um ein Unikat handelt: das Schwäbische Bauern- und Technikmuseum. Wobei die Hauptsehenswürdigkeit nicht die Exponate sind, vielmehr ist das der Gründer des Museums.

Der 76 Jahre alte Eugen Kiemele wurde 1937 in Seifertshofen als Sohn eines Landwirts geboren. Jeden Morgen ging er eine Stunde nach Eschach zur Kreisschule. "In der Schule war ich nie der Schlaueste, aber ich konnte andere Sachen, die die Schlauen nicht konnten. Immer wenn's ans Basteln ging, war ich ganz vorne mit dabei." Früh entwickelte sich seine Begeisterung für den Rennsport. "In Schwäbisch Gmünd fand einmal im Jahr ein Seifenkistenrennen statt. Die Seifenkisten musste man ja selber bauen, also hab ich mir meine Sachen überall zusammengekratzt." Schwäbisch Gmünd lag zu dieser Zeit in der amerikanischen Besatzungszone. "Dann kamen die Amis und haben meine Seifenkiste mit einem Truck abgeholt. Mich aber durften sie auf der Ladefläche nicht mitnehmen. Wie aber kam ich jetzt die 20 Kilometer nach Gmünd zum Rennen? Also haben die mir einen schwarzen Opel Kapitän geschickt, mit Chauffeur und allem. Wie sich herausstellte, war es der Dienstwagen des Kommandeurs." Dort gewann Kiemele seinen ersten Pokal. Als Nächstes hat er sich dann selbst "Panzer" gebaut, aus Holz und Alteisen. Die Zahnräder stammten von alten Landmaschinen. "Nur einer hat immer in so einen Panzer reingepasst, das war natürlich ich, die anderen durften dann schieben."

Richtig los mit dem Rennsport ging es für den mittelgroßen Mann, der seine vielen Kilos locker unter dem Strickpullover verbirgt, erst, als er mit 18 Jahren zum Großen Preis von Deutschland am Nürburgring fuhr. Im Vorrennen fuhr damals Formel V, ein Rennsport, bei dem die Autos aus Serienteilen des VW Käfer gebaut waren. "Das hat mich so begeistert." Er entschloss sich, zu Porsche zu gehen. "Die bei Porsche in Stuttgart-Zuffenhausen hatten da diese Rennwagen für 5000 Mark. Ich hab mir gedacht, dass ich das Geld schon irgendwie zusammenbekomme."

Sein erstes Rennen fuhr der Landmaschinenmechaniker dann in Heilbronn. Doch er hatte ein zu langsames Auto und kaufte ein neues. "Das neue war stromlinienförmig und hatte einen viel besseren Motor." Er wurde besser und kaufte bessere Autos. "Nachdem ich immer ganz vorne mit dabei war, konnte ich meine Autos immer sehr gut verkaufen." Sein letztes Auto war 160 000 Mark wert, er konnte es aber nur in drei Rennen fahren. Denn beim letzten Rennen kam er wegen eines technischen Defekts von der Straße ab. "Dabei habe ich drei Bäume abgeknickt. Das Auto hat gebrannt. Wie ich da rausgekommen bin, weiß ich nicht mehr." Das war das Ende seiner Rundstrecken-Karriere.

Einige Zeit später war er zu Gast bei einem Traktorrennen in Sinsheim. Traktor Pulling ist ein Rennsport, bei dem es darum geht, den schnellsten Traktor, den geschicktesten Fahrer und das beste Team zu ermitteln. Bald hatte er drei Traktoren, einer von ihnen war der sogenannte Museumskiller mit 10 000 PS. "Das waren alles Siegertraktoren. Ich habe 15 Jahre lang alle Titel gehabt, vom deutschen Meister bis zum Europameister."

Kiemele hatte nie einen Sponsor. Er finanzierte seine Rennleidenschaft mit dem Handel mit Metall und gewann Geldpreise. Seine Rennmonteure musste er nie bezahlen. "Die wollten immer alle freiwillig mit. Das war für die wie eine kostenlose Urlaubsfahrt." Seit mehr als 30 Jahren betreibt er ein Bauern- und Technikmuseum. Die Ausstellungstücke hat er selbst gesammelt und gekauft. "Zum Museum bin ich über den Handel mit US-Army-Gegenständen gekommen." Sein Museum ist in mehrere Hallen aufgeteilt. Man findet dort wirklich alles. Von der Puppenstube über alte Küchengeräte und Radios bis hin zu Kriegsflugzeugen und Dampfloks. Alles steht durcheinander. Jeden Herbst veranstaltet er ein Treffen für Dampf- und Landz-Bulldog-Maschinen. "Dieses Jahr findet es das 33. Mal statt", sagt er stolz.

Informationen zum Beitrag

Titel
Schneller Schrotthändler
Autor
Elena Rabenstein
Schule
Rosenstein-Gymnasium , Heubach
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 26.05.2014, Nr. 121, S. 30
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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