Fremd im Land der riesigen Pizzen

Den ersten Schnee schaufelte Teofila in ein Glas, aber das rohe Gemüse ekelte sie. Wie zwei Frauen von den Philippinen allmählich lernten, sich mit dem fremden Deutschland anzufreunden.

Deutschland, ein fernes Land, in dem sich riesige Wolkenkratzer aneinanderreihen, in dem es keinen warmen Sommer gibt, sondern das ganze Jahr Schnee vom grauen Himmel fällt. Ein Land, in dem die Menschen Berge von Essen haben und wo die Straßen vor Menschen und Autos aus den Nähten platzen. Das war das Deutschland, das sich Teofila Wöllmer und Helen Alvarez-Haupt vorstellten, bevor sie vor 20 Jahren hier ankamen.

"Als ich hierherkam, war ich erstaunt, wie grün die Städte sind und wie viele Bäume es gibt", sagt Teofila Wöllmer, die mit 22 Jahren von den Philippinen nach Deutschland zog und jetzt mit ihrem Ehemann in Korntal-Münchingen lebt. Helen Alvarez-Haupt, die ebenfalls von dem aus über 7000 Inseln bestehenden Archipel stammt, stimmt ihr zu: "Ich habe mich gewundert, dass die Straßen so ruhig sind, viel ruhiger als in Manila." In der Hauptstadt der Philippinen arbeitete die Sekretärin früher als Rezeptionistin in einem Hotel. Eines Tages lernte sie ihren zukünftigen Mann kennen, der damals seinen Tauchurlaub dort verbrachte. Es muss Liebe auf den ersten Blick gewesen sein: "Er fragte mich nach meinem Namen. Ich war total sprachlos." Sie trafen sich noch einige Male, bis ihr Mann wieder nach Deutschland zurückkehrte und sie begannen, Briefe zu wechseln. "Er besuchte mich dreimal. Jedes Jahr einmal." Ihre Eltern waren nicht begeistert von der Idee, dass ihre 32 Jahre alte Tochter einen Deutschen heiraten würde, verbanden sie dieses ferne Industrieland doch immer noch mit dem Nationalsozialismus.

Ganz anders allerdings verlief Teofila Wöllmers Weg nach Deutschland. "Ich bin bei meiner Großmutter aufgewachsen. Da meine Tante schon während meiner Kindheit nach Deutschland ging, war auch für mich klar, dass ich einmal dort leben werde. Ich wurde mein ganzes Leben lang darauf vorbereitet." So finanzierte ihre Tante ihre Schulgebühren und ihre Ausbildung zur Hebamme. Als Teofila zunächst als Touristin nach Deutschland kam, nahm ihre Tante sie bei sich in Aichwald auf. Dort lebt die angeworbene Krankenschwester seit 1973. Teofila, deren kinnlanges Haar das Gesicht abrundet, kannte weder Sprache noch Kultur dieses fremden Landes. Trotz Kursen fällt ihr die Sprache noch immer schwer.

"Ich habe das Gefühl, je mehr ich mich bemühe, desto schlechter kann ich mich ausdrücken." Das Gefühl, die Sprache nicht zu beherrschen, kennt auch Helen, die in Aichwald bei Esslingen am Neckar lebt: "Anfangs kannte ich kein einziges Wort außer ,ja'." Doch nachdem sie geheiratet und zwei Kinder bekommen hatte, halfen ihr Kinderbücher, -filme und -kurse, Deutsch zu lernen. Die Unterstützung, die sie von ihrem Mann und dessen Familie erfuhr, war wichtig. "Es gab mir das Gefühl, dass sie mich mögen", erzählt die zierliche Frau mit den langen schwarzen Haaren. "Am Anfang hatte ich große Schwierigkeiten, mit der Wasch- und Spülmaschine umzugehen. Ich wollte alles von Hand waschen, weil ich einfach nicht wusste, wie es funktioniert. "

Teofila, die mit Helen in einem Bio- und Naturkostgeschäft arbeitet, hatte ein anderes Problem: "Das Essen in Deutschland war für mich viel zu sauer. Der Kuchen vom Bäcker war trotz Sahne nicht süß." Auch die Portionen waren zu groß: "Als ich das erste Mal beim Italiener war, konnte ich nicht glauben, wie riesig die Pizzen waren. Von einer Pizza könnten auf den Philippinen neun hungrige Menschen satt werden." Anfangs mochte sie kein rohes Gemüse und keinen Salat. "Beim Essen hörte sich das an wie bei einem Tier. Das ekelte mich. Auch Vollkornbrot habe ich gemieden. Für mich war das weiße das saubere Brot, das dunkle das schmutzige", sagt sie schmunzelnd.

Mit der Zeit haben sich die Philippinerinnen an ihr Wurst und Käse liebendes Umfeld gewöhnt, wobei es für sie schwierig war, sich mit der direkten Art der Deutschen vertraut zu machen. "Auf den Philippinen sagst du zu allem und jedem ja. Man will nicht unhöflich sein und anderen nicht weh tun", meint Teofila. Beide schätzen allerdings die Pünktlichkeit, die Ordnung und Sauberkeit der Deutschen. Auch die Bereitschaft, Konflikte zu überwinden, ist für die lebhafte Helen etwas Besonderes: "Wenn sich Philippiner zerstreiten, redet man nicht mehr miteinander. Der Streit bleibt. Die Deutschen jedoch versuchen ihn zu bewältigen."

"Ich hatte von Beginn an einen positiven Eindruck. Ich mochte die grüne Landschaft, die vielen schönen Blumen, besonders diese komischen Osterglocken. Jedoch suchte ich bei meiner Ankunft den Schnee", berichtet Helen, für die Deutschland anfangs das winterlichen Filmparadies war, das sie aus dem Kino kannte. "Ich fand es toll, wie die Menschen froren und ihnen der Atem kondensierte." Auch Teofila war begeistert von dem sonderbaren Niederschlag: "Beim ersten Schnee stand ich nachts um zwei Uhr auf, füllte mir ein Glas bis oben hin und schaute ihm beim Schmelzen zu. Am Ende war ich so enttäuscht."

Beide scheinen gut angekommen zu sein. "Als wir hierherkamen, waren die Menschen schon eher auf Ausländer eingestellt, auch gab es schon Asialäden, die uns das Leben erleichterten", sagt Teofila, Mutter von zwei Töchtern. Ihre Kollegin steuert bei, dass sie keine schlechten Erfahrungen gemacht habe. "Klar gibt es Menschen, die dich komisch anschauen, aber ich ignoriere es einfach." Inzwischen ersetzt sie nur noch auf Wunsch ihre selbstgemachten Spätzle durch philippinische Spezialitäten. "Deutschland ist zwar nicht meine Heimat, aber hier lebt ein sehr wichtiger Teil meiner Familie. Doch fühle ich mich immer noch auf den Philippinen zu Hause", berichtet Helen, deren Eltern dort eine Kokosplantage betreiben. "Manchmal habe ich auch Heimweh, besonders wenn ich krank bin oder es Streit gibt."

In den ersten Jahren hatten beide noch Probleme, in Kontakt mit ihren Freunden oder der Familie zu bleiben, aber Facebook und Skype haben ihrer Meinung nach die Welt klein gemacht. Eine Welt, die sehr verschieden ist. Das Einzige, was gleich geblieben sei, sei die Kirche. "Kirche ist international. Die Gebete und Bräuche sind überall gleich", erklärt Teofila, die wie Helen katholisch ist.

Das zuvor so ferne Deutschland ist eine Art Heimat für die beiden warmherzigen Frauen geworden - das Land, in dem es kein saphirblaues Meer gibt, das Teofila so vermisst. "Es ist verrückt. Wenn ich auf den Philippinen im Supermarkt deutsche Schokolade sehe, kann ich sagen: Ich lebe jetzt dort, wo Ritter Sport herkommt."

Informationen zum Beitrag

Titel
Fremd im Land der riesigen Pizzen
Autor
Luisa Klein
Schule
Theodor-Heuss-Gymnasium , Esslingen
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 02.06.2014, Nr. 126, S. 26
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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