Schuften mit Tunnelblick

Arbeiter, Güter und auch Beton fährt Ernst Locher mitten hinein in den Berg. Denn er ist Stollenbahnführer im Gotthard-Basistunnel. Auch Mike Grader sitzt in einem Abteil. Der Kärntener ist Schlosser und gut beschäftigt. Kein Tageslicht, nur Neonröhrenlampen, die im Abstand von fünf Metern an der betonierten Wand hängen, beleuchten Ernst Locher den Weg. Seit drei Jahren arbeitet der Österreicher als Stollenbahnführer im Gotthard-Basistunnel. Täglich transportiert er Güter, Beton und die Arbeiter vom Tunnelanfang in Erstfeld bis zur Baustelle ins Innere des Berges. Bei der rund zehnminütigen Fahrt rollt Ernst Locher konstant 26 Kilometer in der Stunde. "Dies ist das angenehmste Tempo für die Passagiere, denn die Strecke im Berg ist sehr holprig." Mit einem sirenenartigen Hupton, der an einen Krankenwagen erinnert, macht der korpulente Stollenbahnführer andere Arbeiter und Lokomotiven von Zeit zu Zeit auf sich aufmerksam. Während ein penetranter Geruch von Dieselabgasen in seine Nase steigt, bringt er die Lok dreieinhalb Kilometer weit im Bergesinnern zum Stillstand, wo sich die Innenausbauarbeiten in der Weströhre des 7,78 Kilometer langen Teilabschnittes Erstfeld befinden. Rasch leeren sich die Bahnabteile, die Frühschicht-Arbeiter lösen die Nachtschicht ab.

Einer von ihnen ist Mike Grader, ein 33-jähriger Österreicher aus Kärnten. Er arbeitet seit acht Jahren am 57 Kilometern langen und damit längsten Eisenbahntunnel der Welt mit. "Als ich meine Lehre als Schlosser beendet hatte, nahm mich mein Onkel auf eine Tunnelbaustelle mit. Die Arbeit gefiel mir dort sehr", erklärt Mike Grader, während er auf ein großes, gelbes Gerüst steigt, das nicht sehr hoch, dafür aber eine halbe Tunnelweite breit ist. Der blonde Mann mit den hohen Backenknochen und leicht geröteten Wangen beschäftigt sich mit der Montage und Demontage der Betonzüge. Diese werden dazu benutzt, um Parament, Sohle und Kappe - was in der Fachsprache so viel heißt, wie Seitenwände, Boden und Decke - des ausgebrochenen Tunnels mit Beton auszukleiden. Nach acht Arbeitstagen, die von 6 bis 18 Uhr dauern, fährt Mike Grader zusammen mit anderen Kärntner Tunnelarbeitern in einem vom Arbeitgeber zur Verfügung gestellten Bus für sechs freie Tage zurück zu seiner Familie. "Die sechs bis siebenstündige Fahrt nehme ich gerne auf mich, um meine Frau und meinen vier Jahre alten Sohn zu sehen." Seine kleine Zahnlücke zwischen den zwei Schneidezähnen kommt zum Vorschein, während er lächelnd von den Skifahrkünsten seines Kindes berichtet. "Mit dem Rhythmus acht-sechs komme ich gut zurecht und ich denke, dies ist auch für die Beziehung zu meinem Sohn gut." Denn während der arbeitsfreien Tage verbringt Mike Grader die meiste Zeit mit der Familie. Ansonsten fährt er in seiner Freizeit auch mal gerne Motorrad oder geht paragleiten. Die Stunden nach der Arbeit hingegen nutzt er meist zum Schlafen oder Trainieren im Fitnesscenter des Nachbardorfs Schattdorf. "Für mich ist in Erstfeld meine Arbeit und in Kärnten mein Zuhause. Doch ich arbeite gerne hier, denn es macht mir großen Spaß." Der pfeifende Klingelton seines Funkgerätes unterbricht ihn. Er hält sich das Gerät an das mit zwei Ohrringen geschmückte linke Ohr, um beim lauten Getöse der Schweißmaschinen hinter ihm, den Funk zu verstehen. Beim Durchqueren der im Oktober durchgestoßenen Oströhre, die parallel zur Weströhre verläuft, verrät er, dass der Lohn, den er hier verdient, nicht zu vergleichen ist mit dem Einkommen eines Schlossers in Österreich.

"Ich bekomme hier das Doppelte für praktisch die gleiche Arbeit", und der tiefe Eurokurs lässt die Kasse zurzeit noch mehr klingeln. "Die gutbezahlten Löhne basieren auf der Tatsache, dass sich die Gewerkschaften für die Tunnelarbeiter eingesetzt haben und nun zusätzlich zum Grundlohn auch noch die Tunnelzugabe, die Stollenzulage, die Sonntagsentschädigung und andere Zuzüge ausbezahlt werden", erklärt Erich Werner, der Produktionsleiter der Firma Strabag, bei der Mike Grader angestellt ist. Kost und Logis sind ebenfalls frei, wobei den Arbeitern ein Zimmer und am Tag 16 Franken für das Essen zur Verfügung stehen. "Das Geld war eigentlich der Hauptgrund, diese Stelle anzunehmen. Die Herausforderungen, denen ich täglich begegne und das Arbeitsklima gefallen mir jedoch auch sehr", sagt Grader und klopft dabei einem vorübergehenden Arbeitskollegen auf die Schulter, der sogleich wieder auf einen Betonzug steigt. Rund um die Uhr wird im Tunnel geschweißt, gebohrt, oder die Wände werden mit Folien versiegelt und danach mit Beton bespritzt. Im Tunnelabschnitt Erstfeld arbeiten rund 320 Arbeiter. Etwa achtzig Prozent kommen aus Österreich, der Rest aus Italien, Spanien, Portugal, Deutschland und dem ehemaligen Jugoslawien. Dies rührt daher, dass das Unternehmen Strabag, das den Bauauftrag zugesprochen bekommen hat, ein österreichischer Großkonzern ist, der in ganz Europa tätig ist. Zusammenarbeit ist sehr wichtig, denn man kann mit der eigenen Arbeit nur weitermachen, wenn die anderen Arbeiten auch vorankommen. "Deshalb kann es auch vorkommen, dass ich beim Ausfall eines Lokführers, das Lenken der Stollenbahn übernehmen muss, bis ein Ersatz gefunden ist", berichtet Mike Grader, der wie alle anderen, einen gelben Helm, Arbeitskleidung mit Lichtreflektoren und gutes Schuhwerk trägt.

Heutzutage ist der Tunnelbau nicht mehr so gefährlich wie früher, als man wegen der Arbeit mit gesundheitlichen Schäden rechnen musste. "Gesundheitsschutz und Arbeitssicherheit stehen an erster Stelle", sagt Produktionsleiter Erich Werner. Mike Grader wurde bis jetzt von Arbeitsunfällen verschont. "Solange ich hier Arbeit habe, möchte ich in der Schweiz meinen Beruf ausüben. Für meine berufliche Zukunft wünsche ich mir jedoch noch, meine Englischkenntnisse aufbessern und mich weiterbilden zu können", sagt er und steigt an Ernst Locher vorbei in die Führerkabine der Stollenbahn. "Heute darf Mike Grader die Stollenbahn an den Neonröhrenlampen vorbei zurück zum Tageslicht führen", erklärt Locher verschmitzt lächelnd, "so kann ich überprüfen, wie gut er mich ersetzt, falls ich einmal ausfalle."

Informationen zum Beitrag

Titel
Schuften mit Tunnelblick
Autor
Stephanie Arnold. Kantonale Mittelschule Uri, Altdorf
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24.11.2010, Nr. 274 / Seite N8
Projekt
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