Abdoul macht seinen Doktortitel in Deutschland

Ja, das ist eine gute Frage, und eine gute Frage erhält eine gute Antwort", lacht Abdoul. Mit leichtem Akzent antwortet er auf die Frage, wie er sich seine Zukunft vorstellt. Er möchte in seine Heimat zurückkehren und Professor für Germanistik an der Universität werden. Ohne die Deutschprofessoren von dort hätte er es niemals bis nach Schwäbisch Gmünd geschafft und so viel erlebt.

Abdoul-Kawihi Ibrahima stammt aus Benin, der ehemals französischen Kolonie Dahomey, und schreibt an seiner Doktorarbeit mit dem Arbeitstitel "Das fremde Auge auf Afrika in den deutschsprachigen Reiseberichten und Reiseführern der Gegenwart". Mit der Zusage für ein dreijähriges Stipendium kam er Anfang des Jahres ein zweites Mal nach Deutschland. Der Schwarzafrikaner spricht neben der beninischen Amtssprache Französisch Dendi und Yom, zwei der über 60 verschiedenen Stammessprachen in Benin. Englisch und Deutsch hat er in der Schule gelernt.

Aus strategischen Gründen begann Abdoul nach Beendigung der Schule sein Germanistik-Studium, um die Chance auf ein Stipendium zu erhöhen. Da die Abomey-Calavi-Universität, eine der zwei Universitäten in Benin, 459 Kilometer von Djougou, seiner Heimat im Norden, entfernt liegt, kam er während der Studienzeit bei einer Bekannten in der Nähe der Universität unter. Sein Vater ist Bauer und besitzt einen Hof, auf dem er Kaschubäume anbaut. Seine Mutter ist Hausfrau und lebt, seit er sechs Jahre alt ist, nicht mehr bei seinem Vater. Dank seines Fleißes und seiner Begabung erhielt Abdoul ein Stipendium über 500 Euro jährlich und konnte sich so sein Studium finanzieren. Nach seinem Abschluss arbeitete der 24-Jährige in dem beninischen Dorf Logozohé als Deutschlehrer.

Nebenbei betreute er das Weltwärts-Programm der Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit dort, indem er Freiwilligen aus Deutschland half, die in dem Staat am Golf von Guinea Aufbauhilfe leisten wollen. Ein Sommersemester lang unterbrach er seine Tätigkeit aufgrund eines Stipendiums der Pädagogischen Hochschule Schwäbisch Gmünd mit einem ersten Aufenthalt in Deutschland. Die PH Gmünd pflegt eine Partnerschaft mit seiner Universität in Benin. Dort hat er ein Zimmer im Studentenwohnheim. Nur ein knallbuntes Tuch auf dem Bett verweist auf seine Heimat.

Anfangs war so vieles anders in Deutschland, nicht selten wunderten sich die anderen Bewohner über die für sie lustigen Gepflogenheiten des Afrikaners. So breitete er zuerst einmal nach dem Waschen seine Kleider auf der Wiese vor dem Heim aus, um sie zu trocknen. Zwei Studentinnen machten ihn lachend darauf aufmerksam, dass diese Art, Wäsche zu trocknen, in Deutschland eher unüblich sei. Ehe Abdoul seine Wäsche aber wieder eingesammelt hatte, gelang es einem Bewohner des Wohnheims, die Szene abzufotografieren und das Foto auf Facebook hochzuladen.

Schnell hat Abdoul sich eingelebt und sich an die Gepflogenheiten der Europäer gewöhnt. Trotzdem führt er die Leute gerne an der Nase herum. So antwortete er auf die Frage, wie er denn nach Frankfurt zum Flughafen kommen wolle, scherzenderweise, dass er laufen wolle. Diese und viele andere Geschichten hört man über den Afrikaner, der in Deutschland seine Magisterarbeit zum Thema "Volkscharakterologie in deutschen und beninischen Sprichwörtern" verfasst hat. Dazu verglich er Sprichwörter aus dem Deutschen und aus der Stammessprache Yom. Abdouls Arbeit betreuten der Linguistikprofessor Manfred Wespel von der PH Gmünd und Vincent Atabavikpo auf Seiten der Universität Abomey-Calavi. "Kpääma an canma, barcabawumbarung sesem" zum Beispiel bedeutet, dass sich die Alten und Fremden beim Erzählen wohl fühlen, da keiner widersprechen kann, da niemand weiß, ob die Erzählungen stimmen.

"Immer wenn ich Hilfe brauche an der PH, stehen alle da und helfen mir. Zum Beispiel hatte ich Schwierigkeiten mit dem Fotokopieren", erzählt der Mann in Jeans, einem weiten Fleece-Pulli und schwarzen Turnschuhen. Nach Abschluss des Semesters, als es für ihn wieder zurückgehen sollte nach Afrika, gaben die Studenten ein großes Grillfest für den sympathischen Muslim. Bis auf Sauerkraut, das er nicht verträgt, schmeckt ihm das deutsche Essen, besonders Käsespätzle. Hier kocht er deutsche Gerichte, aber auch oft Speisen aus seiner Heimat, denn viele Zutaten, die er aus seiner Heimat kennt, gibt es auch hier zu kaufen.

In Benin angekommen, musste Abdoul eine mündliche Prüfung über seine Magisterarbeit ablegen und schloss damit sein Studium ab. Seine neueste Errungenschaft ist das Buch "Mein Herz schlägt in Afrika - eine Reise mit Henning Mankell". Voraussichtlich 2016 kann Abdoul mit seinem Doktortitel heim nach Benin reisen und anderen die Chancen bieten, die er selbst bekommen hat.

Informationen zum Beitrag

Titel
Abdoul macht seinen Doktortitel in Deutschland
Autor
Jessica Sommer
Schule
Rosenstein-Gymnasium , Heubach
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 02.06.2014, Nr. 126, S. 26
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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