Schwäbisch mit spanischem Akzent

Ach, Lehrer sein überall auf Welt gleich", sagt die hübsche Brünette aus Paraguay in einem Deutsch, in dem hier und da eine Verbform vertauscht wird. Äußerlich unterscheidet sie sich durch nichts von den deutschen Schülern, mit denen sie ein Jahr in dem 5000-Einwohner-Dorf Böbingen, am Fuße der Schwäbischen Alb in Ostwürttemberg verbringt. Camila Maria Lopez Moreira Gonzales lebt eigentlich vier Kilometer vom Zentrum von Asunción, der Hauptstadt Paraguays, entfernt. Mit Hilfe von Rotary wohnt sie ein Jahr in Deutschland.

Neben Camila bietet Rotary International jährlich 8000 bis 10 000 Jugendlichen die Chance zu internationalen Begegnungen in fremden Ländern. Rotary bedeutet "kreisen", "rotieren". Es ist eigentlich so gedacht, dass drei Südamerikaner zu drei Familien aus einem Umkreis kommen und auf dieselbe Schule gehen. Nach vier Monaten wird die Familie dann gewechselt, so dass jeder der drei Schüler bei allen Familien war. Da Camila jedoch nur mit einem weiteren Mädchen aus Brasilien angereist ist und diese bei einer Familie im 22 Kilometer entfernten Welzheim untergebracht ist, bleibt sie ein ganzes Jahr bei Familie Wasserer in Böbingen.

Die 17-Jährige hat wie alle die Austauschregeln akzeptiert, wie sie im Handbuch von Rotary International stehen: no driving, no drinking, no dating, no drugs, no travelling. Die Rotarier bezahlen neben einem Teil der Reisekosten auch die Deutschkurse, Ausflüge und ein Taschengeld. "Kultur und Sprache waren meine Hauptmotivation, ich möchte später Marketing studieren und auch in anderen Ländern tätig sein. Vor allem Englisch kann in Südamerika wichtig sein", sagt Camila und streicht sich die langen dunklen Haare aus dem Gesicht. Darum hatte sie sich für die Vereinigten Staaten beworben. Dort waren alle Plätze vergeben.

Zunächst war sie unsicher, ob sie den Platz in Deutschland annehmen soll, da sie wegen mangelnder Sprachkenntnisse Bedenken hatte, weil die Entfernung von Böbingen nach Asunción eben doch weit über 10 000 Kilometer beträgt und es aus paraguayischer Sicht diverse Vorurteile gegen die Deutschen gibt. "Ich dachte, die Leute hier wären kalt und unnahbar, nicht einfühlsam eben, aber das hat sich als ganz anders rausgestellt. Ich hatte sofort Kontakt zu Menschen, und man ist auf mich zugegangen." Das kann aber auch durchaus an ihrem aufgeweckten, sympathischen Wesen liegen. "Was jedoch stimmt, ist, dass alles bis ins Detail organisiert und strukturiert ist."

Sie findet, Deutsche hätten "den Drang, alles perfekt zu machen", aber auch eine gewisse Spontanität, die sie ihnen gar nicht zugetraut hatte. Und auch der Bierkonsum steht für Deutschland - aus südamerikanischer Sicht zumindest. Aber Camila betont, dass sie auch, wenn sie Bier nicht mag, trotzdem alles probiert. "Pruebo todo", pflegt sie sich zu sagen, was so viel heißt wie "Ich probiere alles." Deshalb stimmte sie auch zu, nach Deutschland zu gehen.

"Für die Familien ist es ein großer Vorteil, man weiß, dass es funktioniert." Hans Wasserer lehnt sich auf dem Sofa zurück, seine Söhne Johannes und Gabriel, die Spanisch am Rosenstein-Gymnasium in Heubach belegt hatten, haben je ein Jahr in Mexiko verbracht. Camila ist bereits die zweite Austauschschülerin, die einige Zeit im Haus der Wasserers verbringt. Das heißt, es ist das zweite Mal, dass mit einer südamerikanischen Familie ein "Kindertausch" stattfindet. "Es ist schon eine Sache des Vertrauens, klar macht man sich Sorgen, aber es könnte vor der eigenen Haustüre genauso schnell etwas passieren wie in Südamerika, und außerdem besucht der Rotary Club jedes einzelne Haus und begutachtet es, berät die Familie und klärt auf", sagt Wasserer, der Religionslehrer ist. "Und außerdem gibt es ja noch Skype", sagt seine Frau Kornelia.

Auch der Kontakt mit den Gasteltern sei interessant: "Man muss sich über Skype mit den Südamerikanern verständigen, das ist anfangs immer ein bisschen komisch, bis man herausfindet, dass die genauso gut englisch reden wie wir", lacht der Vater von drei Kindern. Dafür wird es bei Wasserers nie langweilig. Jedes Jahr feiert man Multikulti-Weihnachten und schickt Weihnachtsgeschenkle hin und her. Bei Camila kann man eine Spur Sehnsucht erkennen, vielleicht ist es Heimweh. Zu Hause warten ihr älterer Bruder, ihre Freunde und ihre Zwillingsschwester auf sie. Auch auf ihre Hobbys muss die etwa 1,70 Meter große, sportliche Cami, wie sie von allen genannt wird, für ein Jahr verzichten. Den Ausgleich für Ballett und Handball findet sie im Fitnessstudio, und das jeden Tag. "Außerdem bin ich viel draußen", strahlt sie, "die Deutschen sind unglaublich oft an der frischen Luft, egal ob spazieren oder mit dem Fahrrad. Sie reisen auch viel, ich war schon in Österreich und Frankreich. Für uns in Paraguay ist das ziemlich schwierig, weil ja überall Grenzen sind. Und das ewige Hin und Her, bis man die Papiere vervollständigt hat, braucht Zeit, oder es fehlt natürlich das Geld."

In ihrer Heimat besucht Camila eine Privatschule. Aufgrund der extremen Armut in dem dünnbesiedelten Land können sich das dort nur wenige Familien leisten. "Die ganze Klasse spricht, wenn sie will, und macht, was sie will. Oft werden die Lehrer wütend und schreien, melden tut sich sowieso niemand." Und doch freut sie sich schon wieder auf ihre Klasse, die sie ab September besuchen kann. Auf die Frage, wie es für sie war, anfangs nichts zu verstehen, antwortet sie mit "Sch. . .!", was sich mit spanischem Akzent charmant anhört. Doch sie wurde von allen schnell akzeptiert und fängt an, die Freiheit zu bewundern, die deutsche Jugendliche haben. "Die Eltern in Paraguay sind sehr streng, was die Lebensgestaltung der Kinder angeht. Sie wollen immer wissen, mit wem man ausgeht, was man machen wird, warum man mitgehen will."

Informationen zum Beitrag

Titel
Schwäbisch mit spanischem Akzent
Autor
Leonie Riek
Schule
Rosenstein-Gymnasium , Heubach
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 02.06.2014, Nr. 126, S. 26
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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