Selbstsicher auftreten und souverän entscheiden

trin Fritsche steuert mit Sirene und Blaulicht zu Patienten, die dringend Hilfe benötigen. Die Dresdener Notärztin muss schnell eine Entscheidung treffen. Denn manchmal ist es kurz vor knapp.

An einem Sommerabend meldete der Pager, ein kleines Handy mit Computerbildschirm, Katrin Fritzsche in Form von kurzgefassten Informationen einen erneuten Einsatz: 13-jähriger Junge, in der kassenärztlichen Kindernotfallpraxis in Dresden-Blasewitz, angestrengte Atmung, Schmerzen im Unterbauch, ein ernster Zustand.

"Kinder gelten als ernste Notfälle aufgrund ihrer geringen Reserven. Ihr Körper ist schwächer als der eines Erwachsenen. Deshalb muss bei Kindern extrem schnell gehandelt werden", betont die 34 Jahre alte Notärztin und Anästhesistin aus Dresden und blickt dabei mit ihren freundlichen, braunen Augen durch ihre schwarze Brille. In dieser unklaren Situation war der Alarm eines Notarztes zwingend erforderlich. Jedoch waren zu diesem Zeitpunkt bereits alle anderen Notärzte der Stadt Dresden und Umgebung im Einsatz. Deshalb wurde sie zum jungen Patienten gerufen. Jetzt sieht sie weit entspannter aus als im Dienst. Die mittelgroße, braunhaarige Medizinerin trägt keine Dienstkleidung, weil sie Studenten aus dem Universitätsklinikum ausbildet. Doch im damaligen Fall war die Situation kritisch. Es musste sofort agiert werden.

Katrin Fritzsche und ihre zwei Kollegen, ein Sanitäter und ein Rettungsassistent, liefen zügig zum voll ausgerüsteten Noteinsatzfahrzeug. Darin befinden sich Geräte, die zur Überwachung des Herzrhythmus, der Sauerstoffzufuhr und des Blutdrucks dienen. Alle drei Einsatzkräfte tragen eine rote Hose und Jacke mit einem seitlichen Leuchtstreifen und dunkle, solide Lederschuhe mit Reißverschluss und Stahlkappe am Vorderfuß. Zusätzlich hat Katrin Fritzsche ein gelb-schwarzes Schild mit der Inschrift "Notarzt" auf ihrem Rücken. Binnen einer Minute sind alle im Wagen, der im Rettungsdienstgebäude der Feuerwache parkte, wo die Ärztin ihren Bereitstellungssitz hat. Während der Fahrer den Schlüssel im Zündschloss drehte, drückte Katrin den Bestätigungsknopf am Funkgerät, der über Funk die Leitstelle, Ort der Überwachung und Einteilung von Noteinsätzen, informiert, dass der Einsatz begonnen hat. Der Fahrer steuert das gelbe Noteinsatzfahrzeug mit rasender Geschwindigkeit, Sirene und Blaulicht zum Patienten.

"Während der Fahrt muss ich mich mental auf den Einsatz vorbereiten, um vor Ort schnell Maßnahmen ergreifen zu können, beispielsweise das geeignete Krankenhaus für den Patienten zu organisieren", berichtet die Ärztin. In der Regel haben sie und die anderen sechs Notärzte Dresdens sechs bis acht Einsätze während eines zwölf Stunden langen Tag- oder Nachtdienstes. Fritzsche erklärt, dass ihr meist Krankheitsbilder wie Brustschmerzen, Schlag- und Krampfanfälle bei Patienten im Durchschnitt über 60 begegnen. Im Fall des 13-Jährigen sollte es sich um ein exotisches Krankheitsbild handeln. Keine vier Minuten später hielt das Noteinsatzfahrzeug vor dem großen Gebäude der KV-Arztpraxis kaum zwei Kilometer vom Startpunkt entfernt.

Jetzt wurde erneut der Knopf gedrückt, um die Ankunft am Einsatzort zu bestätigen. Auf Schritt und Tritt folgten die mit Material beladenen Rettungskräfte der Ärztin in den Raum, wo sich bereits ein Kinderarzt befand, der den schlimmen Zustand des Kindes beobachtet und Alarm gerufen hatte. Sofort wurden das Bewusstsein, die Atmung und der Kreislauf des Blondschopfes von der Notärztin kontrolliert. Doch hier waren die Symptome des Jungen, der auf einer Krankenliege lag, nicht eindeutig. Er war kreidebleich, hatte glasige, in die Leere schauende Augen, eine tiefe, schwere Atmung und einen schwachen Blutkreislauf. Der Kinderarzt vermutete eine Blinddarmentzündung, seine Kollegin wies dies zurück. In diesen Augenblicken war ihre Entscheidung ausschlaggebend, sie musste das Leben des Kindes retten.

Ihre Diagnostik erwies sich als richtig. Der gemessene Blutzucker war um ein Vielfaches über den Normalwert erhöht. Der Junge war während einer Klassenfahrt plötzlich an Diabetes erkrankt, ohne jegliche Erscheinungen einer Veranlagung davor gezeigt zu haben. Eine solch plötzliche Erkrankung ist selten, doch die Medizinerin hatte zufällig häufiger solche Fälle kennengelernt. Um den Kreislauf des Jungen zu stabilisieren, wurde eine Infusion verabreicht. Schnellstmöglich begleitete sie ihn auf die Kinderintensivstation der Uniklinik Dresden. Erst nach der Übergabe des Patienten an den Stationsarzt, hatte sie keine Verantwortung mehr für ihn. Sein Zustand verbesserte sich innerhalb der folgenden 48 Stunden, doch Fritzsche meint: "Es war kurz vor knapp!"

Da es sich um einen exotischen Fall gehandelt hatte, berichtete sie ihren Kollegen und Studenten von dem Fall. Allgemein findet eine Besprechung unter Kollegen nach der Schicht statt, um positive wie negative Aspekte in den erlebten Einsätzen hervorzuheben und gemachte Fehler zukünftig zu vermeiden. Die Notärztin arbeitet abwechselnd drei Tage nachts und tagsüber, dazwischen hat sie meist drei Tage frei. Die alleinstehende Frau findet diesen Arbeitsrhythmus durchaus anstrengend und nicht einfach mit einem Familienleben kombinierbar. Was ihr an ihrem Beruf gefällt, ist die Möglichkeit, Menschen in unterschiedlichsten Schwierigkeiten akut helfen zu können. Extremfälle wie Suizide, lange Reanimationen und Todesfälle gehören mit dazu. Die Gefahr dabei sei, abzustumpfen und die Einfühlsamkeit gegenüber dem Patienten zu verlieren.

Katrin Fritzsche hatte auch schon negative Erfahrungen, als sie, noch relativ unerfahren, die falsche Entscheidung traf und einer Patientin ein Medikament gegen Atemnot, jedoch auch mit Nebenwirkungen auf ihr Herz, verabreichte. Dennoch ging die Geschichte gut aus.

Gespräche mit Arbeitskollegen halfen der Ärztin, das besser zu verarbeiten. Ihre selbstsichere Ausstrahlung ist nur ein Anzeichen für die vielen wichtigen Fähigkeiten eines souveränen Notarztes: Man muss ein Team leiten, unter Stress arbeiten, schnelle, richtige Entscheidungen treffen, mit neuen Herausforderungen konfrontiert werden können und einfühlsam mit Kollegen und Patienten sein.

Informationen zum Beitrag

Titel
Selbstsicher auftreten und souverän entscheiden
Autor
Alice von der Osten
Schule
Romain-Rolland-Gymnasium , Dresden
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10.06.2014, Nr. 132, S. 30
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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