Vier, fünf Stiche, schon muss Florian wieder laufen

lorian Schneider zieht sich komplett um, schlüpft in grüne, schlafanzugartige Kleidung, sterile Socken und Clogs. Haarnetz und der Mundschutz dürfen nicht fehlen, im OP ist das unerlässlich. Der operationstechnische Assistent ist am Ende des ersten Ausbildungsjahres und arbeitet, wenn er keine Schule hat, in einer Klinik in Nordhessen.

Um 6.45 Uhr beginnt die Frühbesprechung, der Bereitschaftsdienst, der die Nacht hindurch die Notfälle versorgt hat, teilt Zettel aus. Auf diesen sind die Operationen, Patienten und die Einteilung der OP-Säle festgelegt. Auch die operierenden Ärzte, die betreuenden Anästhesisten und die operationstechnischen Assistenten werden eingeteilt. Florian ist heute in Saal sechs, der Gefäßchirurgie, einem von insgesamt acht Operationssälen. Zusammen mit einem weiteren operationstechnischen Assistenten, der 27-jährigen Anna (dieser und alle folgenden Namen wurden geändert), bereitet er den Saal für die bevorstehende Operation von Frau Meier vor. Bei der 63 Jahre alten Frau muss eine Verengung der linken Halsschlagader, der Arteria Carotis sinistra, herausgeschabt werden.

Nachdem sich Florian seine Hände desinfiziert hat, geht der 19-Jährige durch eine elektronische Tür in den großen OP-Saal, in dem es nach Desinfektionsmittel und Reiniger riecht. Die Wände sind weiß, der Boden besteht aus Linoleumplatten. In der Mitte ist ein kniehoher Metallklotz auf einem im Boden eingelassenen Drehlager, daneben das Beatmungs- und Überwachungsgerät. Von der Decke hängen schwenkbare Lampen und ein Kasten mit verschiedenen Anschlüssen. In der Ecke steht ein Computer, in den Florian während der OP alle Daten einträgt. An der Wand daneben hängen Kästen mit violetten, roten und blauen Schachteln von verschiedenem Nahtmaterial. Drei Drehstühle stehen in der Nähe der fahrbaren, metallenen Instrumententische. Die sterilen Handschuhe, Einmal-Skalpelle und das Desinfektionsmittel befinden sich auf zwei Wagen. An der Wand hängt ein Monitor mit ausklappbarer Tastatur, an der Florian nun die schwarzweißen Röntgenbilder der Patientin aufruft. Danach holt er im angrenzenden Sterilflur die Instrumente, die in Metallkästen gelagert werden. "Für die Halsschlagader reicht einer", erklärt er, "da sind alle Instrumente, die man braucht, drin. Zusätzlich benötigt man die Einmal-Materialien." In der Zwischenzeit hat Anna die Instrumente auf einem Tisch angeordnet.

Gegen acht wird die narkotisierte Patientin hereingefahren. Sabine Schultze, die operierende Ärztin, kommt herein, zieht sich Kittel und Handschuhe an. Dann decken Florian und Anna große, grüne Tücher über die Patientin, lediglich die linke Seite des Halses lassen sie frei. Dr. Schultze setzt zum ersten Schnitt an. Florian beobachtet alles aufmerksam. "Als operationstechnischer Assistent muss man über den Verlauf der OP Bescheid wissen, vor allem, weil man dann bei Problemen schneller handeln kann." Währenddessen hat die Ärztin den Hals der Patientin vorsichtig aufgetrennt und mit einem Wundspreitzer fixiert. Um die Adern werden sogenannte Zügel gelegt, um sie zu markieren, damit keine unnötigerweise verletzt wird. "Ich klemme ab", kommentiert sie. Florian muss eintragen, wie lange die Halsschlagader abgeklemmt ist, denn in dieser Zeit wird das Gehirn der Patientin nicht mit Sauerstoff versorgt. Solange er auf den Sekundenzeiger der Uhr achtet, schneidet Schultze die Halsschlagader längs fünf Zentimeter auf und führt dann einen kleinen Plastikschlauch erst in das eine, dann in das andere Ende des Schnittes. Danach löst sie die Klemmen wieder, das Blut fließt nun über den Schlauch, der als Umleitung dient. 44 Sekunden, trägt Florian in die Tabelle ein. Nachdem die Ärztin die Ablagerungen an der offenen Stelle der Arterie herausgeschabt hat, näht sie vorsichtig ein Patch, eine Art Gefäßflicken, an der Gefäßwand fest. "Prolene vier-null", fordert sie. Schnell geht Florian zu dem an der Wand hängenden Kasten und holt das Päckchen Nahtmaterial heraus. Anna nimmt es mit einer Zange entgegen und reicht es der Ärztin. Vier, fünf Stiche, schon muss Florian wieder laufen. Päckchen raussuchen, aufreißen und Anna entgegenstrecken, die Anzahl des benutzten Nahtmaterials festhalten. Bevor die Arterie ganz geschlossen werden kann, klemmt Schultze nochmals ab, Florian stoppt die Zeit, der Schlauch wird herausgezogen. Acht Stiche und die Arterie ist wieder intakt. Dann beginnt die Ärztin, die Wunde zuzunähen.

Florian zählt die benutzten Bauchtücher, Tupfer und Kompressen, um im Computer festzuhalten, dass nichts fehlt. Nach dem letzten Stich desinfiziert Anna die Wunde großflächig, Florian holt ein Pflaster aus dem Sterilflur. Es wird auf die Wunde geklebt. Er nimmt die Tücher von der Patientin. Dann schüttet er die übrig gebliebenen Flüssigkeiten weg, stellt alle Metalltische an ihren ursprünglichen Platz. Innerhalb von fünf Minuten sieht der OP-Saal so aus, wie er ihn morgens betreten hat. Sobald Frau Meier nicht mehr beatmet werden muss, begleiten sie die Chirurgin, die Anästhesisten und Florian in den Aufwachraum, wo er noch hilft, sie umzubetten, bevor er wieder in den Saal muss, um die nächste OP vorzubereiten.

"Heute stehen nur zwei große OPs an, denn die Halsschlagader-OP dauerte allein zwei Stunden. Es folgt eine Bypassanlage, bei der eine verstopfte Arterie durch eine intakte körpereigene ersetzt wird. Dieser Eingriff dauert voraussichtlich vier Stunden, deswegen stehen heute nur diese zwei an. Normalerweise sind es mehrere kleine." Kurz nach 15 Uhr nach dem Aufräumen geht Florian nach Hause. Er hat rund sieben Stunden im Operationssaal gestanden oder ist im Sterilflur auf und ab gelaufen, um Material zu holen. Jetzt wirft er seine Kleidung in die Tonnen der unreinen Schleuse. "Daheim mache ich mir erst einmal Mittagessen und leg mich dann etwas hin."

Informationen zum Beitrag

Titel
Vier, fünf Stiche, schon muss Florian wieder laufen
Autor
Louisa Kohlstruck
Schule
Marienschule , Fulda
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10.06.2014, Nr. 132, S. 30
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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