Zeit für die Seele

Schlafstörungen, negative Gedanken, Freudlosigkeit." Nüchtern zählt Günter Hetzel einige mögliche Symptome von Deutschlands verbreitetster Volkskrankheit, der Depression, auf. Die Wahrscheinlichkeit, einmal im Leben an einer Depression zu erkranken, betrage rund 15 Prozent. Einer der Gründe sei definitiv die hohe Stressbelastung unserer heutigen Gesellschaft, meint Hetzel. Der Mann muss es wissen, schließlich hat er eine Facharztausbildung für Psychiatrie und Psychotherapie. Aufgewachsen in Schwäbisch Gmünd, war er später Oberarzt der psychiatrischen Abteilung an der Münsteraner Uniklinik und dann Chefarzt am Zentrum für Psychiatrie in Winnenden.

Doch irgendwann wurde es Günter Hetzel zu viel. "Da gab es nur noch diese Bürokratiearbeiten, mir fehlte der Kontakt zu den Patienten, für sie blieb einfach keine Zeit. Außerdem hatte ich keine Selbstbestimmung vom Tag, was mir sehr wichtig ist." So eröffnete er 2012 in seiner Heimatstadt eine Praxis. Auf den ersten Blick erfüllt er sämtliche Psychiater-Klischees, mit seinem beigen Pullover, der grauen Hose und der runden Brille. Auch seine Körpersprache zeigt Wirkung, seine Bewegungen sind beherrscht, er strahlt Ruhe und Gelassenheit aus. Das ist eben auch eines der Kriterien, die für seinen Beruf erwünscht sind: ein ruhiger Charakter und keine Angst vor Menschen und Nähe. Trotzdem dürfe er die nicht zu sehr zulassen, denn das sei immer noch sein Beruf und keine Freizeitveranstaltung.

Die hellen Praxisräume sind mit modernen Geräten ausgestattet. Darunter ist eine Lichtdusche, die zur Behandlung von Depressionen dient, ein EEG, sowie andere Messgeräte, zum Beispiel für die Herzratenvariabilität. Durch laborchemische Untersuchungen können Stresshormone und Neurotransmitter bestimmt werden. Zunächst probiert Hetzel Naturheilverfahren und Akupunktur aus. Außerdem schwört er auf Hausmittel wie Baldrian und Johanniskraut.

Beim ersten Treffen berichtet der Patient von seinen Problemen, Hetzel stellt gezielte Fragen. Beim nächsten Mal forscht er genauer nach, spricht über den Alltag und Gewohnheiten. Erst ab der dritten Sitzung wird über die Vergangenheit geredet, nach möglichen Ursachen für die Erkrankung gesucht.

Solche Behandlungen sind anstrengend, gehen manchmal über Jahre. "Um Menschen mit psychischen Problemen zu helfen, braucht man Zeit, ohne Zeit geht gar nichts." Obwohl er jeden Tag etwas Positives bewege und Menschen helfe, werde sein Beruf eher negativ von der Gesellschaft aufgenommen. So sei die Psychiatrie und Psychotherapie eines der schlechtbezahltesten Fächer der Medizin, trotz eines großen Ansturms von Medizinstudenten fehle es an den Universitäten an Nachwuchs. Immer öfter höre man den Vorwurf, die Pharmaindustrie und die Psychiater nutzten die Erkrankung ihrer Patienten aus, um ihnen so viele Medikamente wie möglich zu verkaufen.

Eine nicht ganz unbedeutende Rolle spielt dabei das "DSM-5", das "Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders", herausgegeben von der Amerikanischen Psychiatrischen Vereinigung. Besonderer Streitpunkt darin: Trauert man länger als zwei Wochen um eine nahestehende Person, könnte eine Depression attestiert werden. Diese Klassifizierung sei aber eher für Studien angelegt, erklärt Hetzel. Für eine Depression gebe es viele Auslöser wie extreme Arbeits- oder Schulbelastung, Trennungen, Traumata - all dies hinterlasse "psychische Narben im Gehirn". Aber eine Anfälligkeit für psychische Krankheiten sei auch vererbbar. Es gibt Familien, in denen in jeder Generation mindestens ein Suizid vorkommt. Prominentes Beispiel: Zwei Schwestern von Thomas Mann sowie seine Söhne Klaus und Michael nahmen sich das Leben. Günter Hetzel hat in 20 Jahren drei Suizide von seinen Patienten erlebt. Es sei eben unglaublich schwierig, eine Suizidgefahr vorauszusehen, obwohl der 49-Jährige meint, er könne schon nach zehn Minuten gezielter Fragestellung erkennen, ob jemand unter einer schweren psychischen Erkrankung leidet.

Trotz all dem macht Günter Hetzel seinen Beruf jeden Tag aufs Neue gern: "Wenn Menschen aus schweren Lebenskrisen völlig gesund zurückkommen, sehe ich, dass ich das Richtige getan habe."

Informationen zum Beitrag

Titel
Zeit für die Seele
Autor
Milena Schnurr
Schule
Rosenstein-Gymnasium , Heubach
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10.06.2014, Nr. 132, S. 30
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

Beruf und Chance

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