Getrieben von der Angst, das perfekte Kleid zu verpassen

Sieben Monate vor dem großen Tag begibt sich die künftige Braut auf die Suche nach dem Kleid aller Kleider. Und zieht den weichen Ivory-Ton hartem Weiß vor. Besuch in einem Brautmodengeschäft.

Plötzlich verstummt das Flüstern und Tuscheln im Kirchenraum. Alle richten erwartungsvoll ihren Blick auf die sich langsam öffnende große Eichentür, und der Hochzeitsmarsch erklingt. Ein Raunen geht durch die Menge, als die junge Braut in ihrem langen, weißen Spitzenkleid auf dem roten Teppich bis zum Altar schreitet. Die Haare sind kunstvoll hochgesteckt, und über ihre blonden Locken fließt ein weißer Schleier.

Laut dem Bundesamt für Statistik endet heutzutage rund jede zweite Ehe in der Bundesrepublik vor dem Scheidungsrichter, die durchschnittliche Ehedauer beträgt dabei sieben Jahre. Demgegenüber wurde in den sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts nur jede zehnte Ehe geschieden. Doch daran denkt eine zukünftige Braut nicht, die erwartungsvoll und aufgeregt das Brautmodengeschäft "Anabella" am Servatiiplatz in Münster betritt und mit einem strahlenden Lächeln von der Geschäftsführerin Ana Isabel Cubaixo Stratmann begrüßt wird. Die äußeren Wände des Ladenlokals sind verglast, so dass der Geschäftsraum von Licht durchflutet wird. Nur noch gedämpft sind die Geräusche der angrenzenden Hauptstraße zu vernehmen. Sowohl der Boden als auch das Mobiliar sind in schwarz-weißer, schlichter Eleganz gehalten. An den Seitenwänden hängt dichtgedrängt eine Vielzahl weißer Kleider, strahlendes und mattes Weiß in allen Tönen und Schattierungen und in allen Stoffen und Schnitten.

Gleich ob lang oder kurz, mit Spitze oder aus Tüll, mit Strass besetzt oder doch eher schlicht, für jeden Geschmack ist etwas dabei. Besonders prachtvolle Kleider mit üppigen Verzierungen im angesagten "Vintage Look", eine eher barocke Stilrichtung, werden auf Kleiderpuppen als Blickfang in der Mitte des Raumes präsentiert.

Auch wenn heutzutage Brautkleider in allen erdenklichen Farben von Rot bis Türkis erhältlich sind, bevorzugt die Mehrzahl der Bräute stets ein klassisches, weißes Kleid für ihren besonderen Tag, wobei sich die Farbpräferenz der Kundinnen in den vergangenen Jahren vom harten Weiß weg zum weichen Cremeton "Ivory" hin entwickelt hat, wie die deutschfranzösische Inhaberin berichtet.

Erst seit Mitte des 19. Jahrhunderts schmücken sich Bräute mit einem weißen Hochzeitskleid. Vorher heirateten die Bräute der Unter- und Mittelschicht in ihrem besten Sonntagskleid, das meist schwarz war, da ein weißes Kleid schneller verschmutzte und nicht für die Hausarbeit geeignet war. Deswegen setzte sich die Hochzeit im weißen Brautkleid vorerst nur im Adel durch und galt als Statussymbol für Reichtum. Doch mit der Zeit verbreitete sich das weiße Brautkleid in allen Gesellschaftsschichten, dabei symbolisiert die Farbe Weiß die Reinheit und Unschuld der Braut, die sie erst in ihrer Hochzeitsnacht verlieren soll.

Das weiße Brautkleid gibt es nicht nur in der christlichen Tradition, sondern auch in anderen Kulturkreisen, wie zum Beispiel in der Türkei. Eine verschleierte Muslima im weißen Hochzeitskleid ist durchaus üblich. Selbst im entfernten China entwickelt sich die Vorliebe der Bräute von ihrem traditionell roten Hochzeitskleid zum weißen hin.

Im Durchschnitt beginnen die zukünftigen Bräute sieben bis acht Monate vor ihrem Hochzeitstermin mit der Suche nach dem perfekten Kleid. Es sind immer noch die Sommermonate Mai bis August, in denen sich die Paare am häufigsten das Jawort geben, so dass die Nachfrage nach Brautkleidern im Zeitraum von November bis April am größten ist. "In dieser Zeit haben wir besonders viele Beratungstermine", sagt Cubaixo Stratmann. Bei den zwei- bis dreistündigen Anproben, bei denen die Braut meistens von Mutter und Freundinnen begleitet wird, sei es nicht immer einfach, den hohen Erwartungen gerecht zu werden. Oftmals haben Bräute keine oder zu genaue Vorstellungen, von denen sie nicht abweichen wollen. Zukünftige Ehemänner sind beim Einkauf eher selten dabei, damit sie das Kleid erstmalig am Hochzeitstag bestaunen können.

Doch wer glaubt, nach einer ausführlichen Beratung ist immer das passende Kleid gefunden, liegt falsch. Aus 33-jähriger Erfahrung weiß Frau Cubaixo Stratmann, dass der sogenannte Brauttourismus immer mehr in Mode kommt. Sie erklärt: "Die Bräute klappern heutzutage alle ihnen bekannten Brautmodeläden ab, aus Angst das perfekte Kleid zu verpassen."

Nach Einschätzung der Geschäftsführerin ist das Alter der Bräute tendenziell in den vergangenen Jahren auf Ende 20 gestiegen. Sie nimmt in der Beratung wahr, dass die Frauen unabhängig vom Alter und sozialer Herkunft bereit sind, viel Geld, meist rund 1000 Euro, für ihr Traumkleid auszugeben. Die junge Studentin in zerrissener Jeans gebe dabei nicht weniger aus als die gut situierte, mit Schmuck behängte ältere Dame.

Doch wenn dann das richtige Kleid gefunden wurde, leben die Bräute in stetiger Sorge, etwas an dem Kleid könnte nicht perfekt sein, und sehen damit die ganze Hochzeit in Gefahr. Die modisch gekleidete Inhaberin erinnert sich, dass einmal eine panische Kundin in ihr Geschäft kam, die einen winzigen Punkt auf ihrem gekauften Kleid entdeckt hatte, der aber für den uneingeweihten Betrachter nicht erkennbar war. Den Beraterinnen gelang es schließlich, die Kundin zu beruhigen und sie zu überzeugen, dass der kleine Punkt ihre Traumhochzeit nicht beeinflusse.

Rückgaben sind bei Brautkleidern eine komplizierte Angelegenheit, da sie regelmäßig individuell für die Kundin angepasst werden. So konnte selbst das Kleid einer am Tag vor ihrer Hochzeit verlassenen Braut nicht zurückgenommen werden. Ihr blieb nur die Hoffnung, bald einen neuen Partner zu finden, so dass ihr Kleid doch noch zum Einsatz käme.

Der selbstbewusst auftretenden Geschäftsfrau gefällt besonders an ihrem Beruf, dass sie einen persönlicheren Kontakt zu ihren Kunden hat, als er in gewöhnlichen Modeläden zu finden ist. Sie freut sich darüber, den schönsten Tag im Leben einer Frau auszuschmücken. Dafür muss sie aber auch viel Geduld für eine individuelle, einfühlsame Beratung aufbringen. "Einmal brachte ich ein auf einer Modenschau vorgeführtes Brautkleid, das sich eine Kundin ausgesucht hatte, zur Reinigung. Doch als ich es wieder abholte, war es nur noch ein Lappen, da die Appretur, also die Steifheit des Stoffes, durch die Behandlung verlorengegangen war. Es handelte sich um ein Einzelstück, deswegen konnte ich es auch nicht mehr nachbestellen. So blieb nur noch eine Möglichkeit, ich musste Stoffe bestellen, und wir verbrachten drei Nächte damit, das Kleid zu rekonstruieren, damit es rechtzeitig für den Hochzeitstag fertig war. Als die Kundin das neue Kleid sah, gefiel es ihr noch weit mehr als das ursprüngliche Kleid. 20 Jahre später kam sie dann wieder in den Laden, um ein Hochzeitskleid für ihre Tochter auszusuchen."

Nach der Hochzeit verpacken viele Bräute ihr Hochzeitskleid wie eine Kostbarkeit sorgfältig in einer Schutzhülle, geschützt vor Staub und Feuchtigkeit, nur manche verkaufen es. Das Kleid steht für den Beginn des Ehelebens und für das Glücksgefühl der Braut am Hochzeitstag. Dieser Traum und die damit verbundenen Vorstellungen sollen erhalten bleiben. Jede Braut freut sich daher in ihrem einmaligen Brautkleid auf die märchenhafte Zeremonie. Mit dem Abklingen des Hochzeitsmarsches wagt es endlich auch der Bräutigam, sich umzudrehen und zum ersten Mal einen Blick auf seine Braut zu werfen. Oft rührt ihn der Anblick seiner Frau im Hochzeitskleid zu Tränen. Auch wenn das perfekte Kleid keine Garantie für eine glückliche Ehe ist, ist es doch ein schöner Start.

Informationen zum Beitrag

Titel
Getrieben von der Angst, das perfekte Kleid zu verpassen
Autor
Caroline Geuking
Schule
Marienschule , Münster
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16.06.2014, Nr. 137, S. 33
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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