Klatsch und Tratsch gibt es gratis

Je näher man dem kleinen Sandsteinhaus kommt, desto wärmer wird der Duft von frischen Brötchen. Unübersehbar steht "Dettener Dorfladen" in großen, grünen Buchstaben an der renovierten, fürs Münsterland typischen Sandsteinfassade. Durch Sprossenfenster erhascht der Besucher einen ersten Blick auf die Produkte. Der kleine Lebensmittelladen des Dorfes Schapdetten nahe Münster bietet den 1700 Bewohnern die Möglichkeit, sich vor Ort zu versorgen. Neben dem Dorfladen in Horstmar-Leer ist diese Art der Versorgung im Münsterland einzigartig.

Das Leben auf dem Land kann idyllisch sein, aber die Geschäfte fehlen. Das ganze Dorf ist stolz auf den Laden, der durch eine Bürgerinitiative ins Leben gerufen wurde. Das Konzept des Dorfladens sieht vor, eine Genossenschaft zu gründen, in der jeder Bürger Mitglied werden kann, indem er einen Anteil des Dorfladens im Wert von 250 Euro kauft.

Kunden werden mit einem herzlichen "Guten Tag" von einem der acht Mitarbeiter begrüßt. Geschäftsführerin Karin Storb füllt die Obst- und Gemüsetheke mit frischen Produkten auf. "Der Laden wird von einem Großhandel aus Münster dreimal wöchentlich mit frischer Ware beliefert", sagt sie. "Wir legen großen Wert auf regionale Produkte. Das Fleisch, die Eier, die Liköre und viele andere Produkte werden direkt im Münsterland hergestellt. Die Backwaren werden von der dorfeigenen Bäckerei vorgefertigt und bei uns frisch gebacken", fügt die 44-jährige Schapdettenerin hinzu. Sie trägt wie alle Mitarbeiter eine grüne Schürze und ein rotes Poloshirt.

Viel ehrenamtliches Engagement ist für dieses Projekt notwendig. Um die Möglichkeit der Nahversorgung zu bieten, benötigt der Dorfladen monatlich 50 000 Euro Umsatz, das sind etwa 100 Euro je Haushalt. Aus dem Gewinn werden zunächst Rücklagen für Reparaturen oder Neuanschaffungen gebildet, der Rest wird an die Genossen ausgezahlt. Sollte der kleine Laden Insolvenz anmelden müssen, haften die Mitglieder allerdings nur mit ihrem gekauften Anteil, für die restlichen Schulden müsste der Vorstand aufkommen.

Karin Storb blickt zu den drei Tischen mit gemütlichen Korbstühlen, die zu einer Pause einladen. Zwei ältere Damen und ein Herr sitzen zusammen, trinken eine Tasse Kaffee und tauschen die Neuigkeiten aus. "Ja, Klatsch und Tratsch gibt's hier gratis", schmunzelt die Geschäftsführerin und fügt hinzu, "es gibt nicht diese Anonymität, die Fremde, die man als Kunde in Discountern spürt. Die Atmosphäre ist hier persönlich und herzlich.

Für die älteren Leute ist der Laden ein neuer Treffpunkt geworden. Regelmäßig trifft sich hier eine Gruppe von Rentnern, sie tauschen Neuigkeiten aus und kaufen für den alltäglichen Haushalt ein." Die zweifache Mutter erzählt auch von einer Kundin, die ohne den Dorfladen immer auf fremde Hilfe angewiesen wäre: "Mehrmals pro Woche kommt eine alte Dame aus der umliegenden Bauernschaft mit ihrem elektrischen Rollator hierher und kauft die Dinge, die sie zum Leben braucht. Oft nimmt sie Milch, Eier, Brötchen und meistens eine aktuelle Zeitschrift mit." Besonders freue sich die 84-Jährige, wenn sie alte Bekannte treffe, zu denen der Kontakt aufgrund der fehlenden Mobilität eingeschlafen sei. Die breiten Gänge und die niedrigen Regale laden Menschen mit Gehhilfen oder Rollstühlen zum Einkauf ein. "Auch für die Jugend ist die Möglichkeit wichtig, allein einkaufen zu können, so lernen die Kinder, mit ihrem Taschengeld umzugehen und selbständig zu sein."

Die gelernte Arzthelferin rückt ihre rote Brille zurecht: "In unserem Dorf leben auch Menschen mit Behinderung. Ein Junge kommt häufig mit einer Tüte und einem Einkaufszettel. Er weiß genau, was er einkaufen möchte und nimmt sich die Sachen aus den Regalen. Wenn er einige Artikel nicht findet, zeigt er uns seinen Zettel, da er nicht sprechen kann." Karin Storb bewundert das Kind. "Es ist doch toll, wenn Menschen, die sonst auf Hilfe angewiesen sind, so selbständig einkaufen gehen können."

Seit der Eröffnung im Februar habe das Team nur positive Rückmeldungen bekommen, "und für Kritik oder Wünsche haben wir immer ein offenes Ohr, denn wir sind ja auch noch in der Probephase". Ein schrilles Piepgeräusch ertönt. Zwei Bleche Brötchen sind fertig.

Informationen zum Beitrag

Titel
Klatsch und Tratsch gibt es gratis
Autor
Laura Gesmann
Schule
Marienschule , Münster
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16.06.2014, Nr. 137, S. 33
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

Beruf und Chance

Zeitungszustellung während des Projekts

Probleme bei der projektbezogenen Zeitungslieferung?
Wenden Sie sich unter Angabe Ihrer Auftragsnummer per E-Mail oder per Fax an:vertrieb@faz.de
069-7591-2180