Auf den Bär gekommen

Stolz hält Herzogin Kate ihren Sohn George im Arm. Sie trägt ein blaues Seidenkleid, ihr Kind ist in ein hellblaues Kleidchen gehüllt. Auf der anderen Seite des Raumes befindet sich ein ganz in Rot gekleideter Venezianer mit Maske. Nur wenige Meter von ihm entfernt steht ein Paar in Schwarzwälder-Tracht: Bärbel trägt den mit roten Bommeln dekorierten Hut, ihr Freund Lederhose. Eine ungewöhnliche Gesellschaft ist da beisammen, die eines gemeinsam hat: Bärbel und all die anderen sind Teddybären und stehen liebevoll ausstaffiert in einem unscheinbaren Laden im Zentrum Esslingens.

Das alte Haus an der Straßenecke ist leicht zu übersehen. In dem kleinen Laden "bruno bär" reihen sich unzählige Teddybären und Plüschtiere aneinander. Winzige pastellfarbene Bären, große schwarze Teddys, Affen, Füchse und ein Wolf blicken in alle Richtungen. Sie sitzen in Vitrinen oder Regalen. Neben dem roten Schreibtisch steht ein Stapel Kisten. Dahinter sitzt ein großer, dünner Mann. Es ist Bruno Weber, der 1994 seinen Bärenladen eröffnete und ihn nach sich benannte. Seitdem zählen zu seinem Sortiment größtenteils Markenbären. Weber war bei einer internationalen Firma angestellt und viel in der Welt unterwegs. Irgendwann gefiel ihm das nicht mehr, er wollte sich selbständig machen. "Dass es ausgerechnet ein Bärenladen werden würde, wusste ich da noch nicht", sagt Weber, der verheiratet und Vater einer Tochter ist. Auf der Suche nach etwas Neuem stieß er auf Zeitungsartikel über Teddybären-Shops in England. Warum eigentlich nicht? Skeptiker gab es viele. Er ließ sich nicht beirren. Obwohl er selbst kein Sammler ist und anfangs keine große Leidenschaft für Teddybären hatte, setzte er seine Idee um. Tatsächlich: Mit der Zeit entwickelte sich eine Beziehung zu den Stofftieren. Er hält einen Teddy in der Hand: "Teddybären hören immer zu, widersprechen nicht und sind verschwiegen."

Die Überzeugung, sich für das richtige Projekt entschieden zu haben, half ihm, die Anfangsphase zu überstehen. Heute arbeitet er 50 Stunden in der Woche in seinem Laden. Hinzu kommen Aufräumarbeiten, Vorbereitungen, Messebesuche und die Arbeit im Versand. Weber hat eine Angestellte, die ihm zwei Mal in der Woche im Versand aushilft. Dieser macht mittlerweile etwa die Hälfte seines Umsatzes aus. Weber verschickt seine Produkte bis Australien und Asien, vor allem in China und Japan sind sie gefragt. Die Kunden bestellen meist seltene Sammlerstücke.

Viele sind Stammkunden. Seinen verkauften Produkten legt Weber Süßigkeiten bei. Manche Kunden sind ihm seit der Eröffnung des Ladens treu. Die Zielgruppe von bruno bär sind nur teilweise Kinder. Die klassischen Spielzeugteddys und Plüschtiere kosten zwischen 15 und 300 Euro.

Hauptsächlich aber sind die Käufer Erwachsene. Sie kaufen Teddys als Dekorationsstücke. "Sie gestalten gewissermaßen ihre eigene Welt", erklärt Bruno Weber, der oft selbst Bruno Bär genannt wird. Besonders begehrt sind limitierte Sondereditionen und seltene, kuriose Teddys. Davon gibt es hier reichlich. 2005 gab es einen Papst-Teddybär. Dieser Teddy stellte Papst Benedikt XVI. dar und war ein riesiger Verkaufsschlager. Und es gibt eine Weihnachtskrippe: Maria, Jesus und Josef sind Teddybären aus Plüsch. Sogar Angela Merkel gibt es als "Angie-Bär", Herzogin Kate ist eine ganz spezielle Rarität, "il Veneziano" besticht durch seine rote Farbe, seinen besonderen Stoff und die Maske. Solche Sammlerstücke können bis zu 1000 Euro kosten.

Um an Spezialanfertigungen heranzukommen, hält Bruno Weber Kontakt zu Kaufhäusern wie zum Harrods in England. Das Schwarzwaldmädel "Bärbel" beispielsweise gibt es nur in seinem Laden zu kaufen, sie ist eine limitierte Sonderanfertigung der Firma Steiff. Zuerst gab es einen Schwarzwaldjungen. Weber fand, dass eine Partnerin dazu fehlte. Daraufhin sprach er die Firma Steiff an, die produzierte 500 Bärbel-Teddys nur für seinen Laden, "eine kleine Sensation".

Eine Kundin betritt den Laden. Sie kauft eine kleine Katze. Weber zieht ein Päckchen Gummibären heraus: "Hier, noch als Futter für Ihre Katze." Die Dame lacht. "Ich verkaufe Freude, und das ist das, was ich möchte."

Informationen zum Beitrag

Titel
Auf den Bär gekommen
Autor
Sophia Wächter
Schule
Theodor-Heuss-Gymnasium , Esslingen
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16.06.2014, Nr. 137, S. 33
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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