Weil ich etwas zu sagen habe

Ein Prozent der Erwachsenen stottert. Männer sind häufiger betroffen als Frauen. So wie Philipp von Knebel, der sich dadurch nicht ausbremsen lässt und eine Kanzlei betreibt.

Mir wurde relativ früh bewusst, dass ich stottere", erzählt Philipp von Knebel. Der 1,81 Meter große, schlanke Brillenträger, bekleidet mit Hemd und Schlips, wirkt locker und entspannt, als er davon erzählt, wann er das erste Mal gemerkt hatte, dass er stottert. "Ich hatte auch immer einen Vergleich zu meinem Zwillingsbruder, der eben nicht stottert." Die genaue Ursache für sein Stottern sei nicht festzustellen, da es verschiedene Möglichkeiten gebe, die nicht zweifelsfrei zu diagnostizieren seien, erklärt er. Einige Heilungsversuche mit verschiedenen Therapieansätzen hat er über sich ergehen lassen. Geholfen haben diese gar nicht oder nur bedingt. Seine Erfahrung ist: Wenn es ihm körperlich nicht gutgeht, geht es mit dem Stottern auch viel schlechter.

Laut der Bundesvereinigung Stottern & Selbsthilfe gibt es rund 800 000 Stotterer in Deutschland, also ein Prozent der Erwachsenen. Dabei sind Männer häufiger betroffen als Frauen.

Der 65-jährige von Knebel ist Steuerberater und Wirtschaftsprüfer und hat vor 25 Jahren eine eigene Kanzlei in Wiesbaden-Erbenheim eröffnet. Als Kind hatte er es teilweise nicht leicht. Mit Beginn der Schulzeit habe sich das Stottern erheblich verschlechtert. Der Druck war groß, da auch die guten Noten ausblieben. "Ich war immer schlecht in der Schule", erzählt er. Doch trotz mancher Ungerechtigkeiten hat das Stottern ihn nie davon abgehalten, auch mal aufzustehen und seine Meinung zu sagen. Mit 16 Jahren, 1962, ging er ins damalige Ost-Berlin, wo es an der Charité das "Ambulatorium für Stimm- und Sprachgestörte" gab. Für drei Monate besuchte er dort zweimal in der Woche eine Art Selbsthilfegruppe. Durch Sprechtechniken wie Legato, wobei man die Worte gedehnt, gebunden und lang ausspricht, wurde der ein oder andere Erfolg erzielt. "Ich konnte zwei Stunden fehlerfrei sprechen. Und dann bin ich zum S-Bahnhof Friedrichstraße gegangen und wollte mir eine Fahrkarte kaufen und bekam den Satz nicht raus . . . Schweißausbruch."

Nach eineinhalb Jahren Studium in Berlin zog er auf Empfehlung nach Münster in Westfalen, wo es einen guten Psychologen geben sollte, der ihm in Sachen Stottern weiterhelfen könnte. Dort gründete er die erste Stotterer-Selbsthilfegruppe in West-Deutschland mit anfangs vier Personen in einer kleinen Studentenwohnung. "Die Selbsthilfegruppen haben mir viel gegeben", erklärt er. "Durch die Treffen mit Gleichgesinnten lernt man offen darüber zu sprechen und kann sich untereinander austauschen. Man merkt, dass man nicht allein ist." Die aufgelockerte Stimmung und der Spaß an der Unterhaltung helfen, die Hemmungen vor dem Sprechen zu überwinden. "Manche Menschen fühlen sich mehr, manche weniger eingeschränkt. Zum Teil sind die gefühlten Einschränkungen viel stärker als das tatsächliche Stottern. Diese Wechselwirkung: Ich stottere und denke, dass du denkst, ist der Kerl blöd - damit muss man erst mal fertig werden." Noch heute hat von Knebel Kontakt zu Freunden, die er damals in den Selbsthilfegruppen kennengelernt hat, auch in Hamburg und Wiesbaden, wo er ebenfalls solche Gruppen ins Leben gerufen hat.

"Ich hatte das Glück, ein vergnügtes und humorvolles Elternhaus zu haben, das mir mein Selbstbewusstsein nicht kaputtgemacht hat. Ich hatte nie das Gefühl, dass meine Familie mir das Gefühl vermittelt hat, ich sei eingeschränkt oder beschränkt", nennt er einen Grund für sein Selbstbewusstsein. Gestärkt wurde sein Selbstbewusstsein unter anderem während seines Studiums der Betriebswirtschaftslehre, wo er Durchhaltevermögen bewies und abschloss, aber auch bei mehreren Auslandsaufenthalten. Sein Vater sei ihm ein kluger Ratgeber gewesen und hätte ihm zu einem Jahr im Ausland geraten und es gesponsert: Drei Monate Südafrika, mehrere Monate Indonesien und mehrere Monate Argentinien haben ihm vielseitige Erfahrungen gegeben. "Dieses Jahr hat mir unheimlich geholfen. Ich merkte, ich kann allein leben und ich kann mich allein durch die Welt schlagen."

Mit viel neuem Mut beginnt er seine Tätigkeit in einer Steuerberaterkanzlei in Wiesbaden. Er nimmt die Hürde des Steuerberaterexamens und macht sich mit dem Rückhalt seiner Frau Helga selbständig. Darüber, dass er in dem Beruf häufig mit Mandanten telefonieren muss und auch ab und zu Vorträge halten muss, denkt er nicht nach. "Ich hatte gerade erst vor ein paar Tagen einen Vortrag zu halten vor zwanzig Leuten", erzählt er mit Begeisterung. Von Sprechangst kann man bei ihm nicht ausgehen, da er vor Vorträgen wenig Angst hat und es dabei manchmal sogar besser geht als im Berufsalltag, wenn Mandanten am Telefon sind, die ihn noch nicht kennen, und er eine Phase hat, in der er viel stottert. Sonst gibt es keinerlei Einschränkungen im Berufsleben, was auch daran liegt, dass sich sein Stottern im Allgemeinen verringert hat.

"Als ich mir den Film "The King's Speech" ansah, hat es mich sehr bewegt. Ich merkte, wie sehr mich das alles doch in meiner Kindheit und Jugend beschäftigt hat." Sein Rat an jeden Stotterer: "Auf jeden Fall eine Selbsthilfegruppe besuchen!" Der Kontakt zu Menschen, die das gleiche Problem haben, habe ihm am meisten geholfen. "Und wichtig ist, was man sagen will. Denn wenn ich was zu sagen habe, dann achtest du mehr auf das, was ich zu sagen habe, als auf das Wie."

Informationen zum Beitrag

Titel
Weil ich etwas zu sagen habe
Autor
Annika Ludwig
Schule
Friedrich-List-Schule , Wiesbaden
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.06.2014, Nr. 142, S. 30
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

Beruf und Chance

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