Couchsurfing und ein Rucksack voller Geschichten

Erdinc kocht türkischen Kaffee. Der ist wie italienischer Espresso, nur stärker, sehr süß, und ganz austrinken soll man ihn nicht. Von der Küche führt ein Gang zu den Schlafzimmern und zu der Couch, wo immer mal wieder Menschen, sogenannte Couchsurfer, von überall auf der Welt für ein paar Tage schlafen. Wenn Erdinc nicht selbst couchsurft, hostet er. Durch die Küche flutet florentinisches Mittagssonnenlicht. Von draußen dringen Straßenlärm, Hupen, laute Stimmen in die Wohnung "The spirit of Istanbul, alles, was du jemals über türkische Männer gehört hast, ist wahr." So steht es auf einer Postkarte an Erdincs Zimmertür. Erdinc lacht: "You tell me!" Erdinc kommt aus Istanbul, studiert Bildhauerei als Erasmus-Student an der Accademia di Belle Arti in Florenz. Immer wieder freut er sich, wenn Menschen von überall auf der Welt vorbeischauen, um bei ihm auf der Couch zu schlafen, mit ihm türkischen Kaffee zu schlürfen und Pizza zu essen auf dem Platz vor der Santo Spiritu, einer der ersten Renaissance-Kirchen in Florenz. Auf Couchsurfing ist Erdinc gestoßen, als er mit seinem Fahrrad in der Türkei unterwegs war und keinen Platz zum Schlafen finden konnte. "Manchmal ist es schwer, in Istanbul oder anderen großen türkischen Städten einen günstigen Schlafplatz zu finden, im Zelt fühlt man sich nicht immer sicher. Zurück in Istanbul, hab ich mich dann sofort bei Couchsurfing angemeldet."

Menschen von überall auf der Welt melden sich in diesem Netzwerk an und bieten Reisenden einen Schlafplatz auf ihrer Couch an. Das Besondere: Freie Kost und Logis werden durch Gegenleistung ausgeglichen. Wer surft, der hostet auch. So entsteht ein riesiges Netzwerk von Menschen, die einander die schönsten und geheimsten Plätze ihrer Heimat zeigen, die Trennwände ihrer Wohnungen zur Außenwelt aufbrechen und völlig fremde Menschen in ihren Häusern bei sich willkommen heißen. Alles, was nötig ist, ist eine kurze Couch-Anfrage. "Ich hatte schon über 30 Gäste auf meiner Couch", sagt Erdinc. "Jedes Mal bringen sie ein Stück fremde Kultur mit. Durch Couchsurfing ist die Welt plötzlich wie ein Dorf." Erdinc bewundert Backpacker. Die seien immer die Verrücktesten, immer mit einem Rucksack voll unglaublicher Geschichten. "Menschen kommen an in deinem Haus, aber sie sind höchstens am Anfang fremd. Spätestens nach einer Stunde führt man die besten Gespräche, und es fühlt sich an, als habe man einander schon immer gekannt."

Erdinc hatte schon Surfer aus fast allen Teilen Europas, der Türkei und Südkorea auf seiner Couch. Manche davon hat er auch schon besucht. Im Sommer endet Erdincs Erasmus-Jahr in Florenz, dann möchte er mit dem Fahrrad zurück nach Istanbul. Sein Weg wird ihn durch ganz Europa führen: Frankreich, Deutschland, Tschechien, Rumänien, Türkei. "Aber vielleicht entscheide ich mich auf dem Weg einfach um und mach noch ein paar mehr Abstecher." Schlafen wird Erdinc auf den Couchs anderer Couchsurfer. Er möchte einen Freund in München besuchen, der schon bei ihm in Florenz gesurft hat. "Manche nehmen sich eine ganze Woche Zeit, um dir alles genau zu zeigen, andere sind gar nicht zu Hause, wenn du ankommst, sondern legen dir einfach den Schlüssel unter die Türmatte und schreiben dir einen Zettel, wo du schlafen kannst. Ein Stückchen Frieden." Ein Stückchen Frieden, das auf der Philosophie des Teilens basiert. Hier wird nicht nur das Auto geteilt oder das Fahrrad, sondern das Zuhause.

Am Abend kommen Erdincs Freunde. Man kocht zusammen. Es gibt türkische Linsensuppe und gefüllte Auberginen mit Reis. "Wie in Istanbul bei Mama!", sagt Erdincs türkischer Freund Deniz. Er hat Wein mitgebracht, vom Laden auf der anderen Seite des Flusses, man muss erst über den Ponte Vecchio. "Das ist die lustigste Mischung - traditionell türkisches Essen, aber dazu Wein in rauhen Mengen", lacht Erdinc. Genauso kunterbunt wie das Essen sind auch seine Freunde. Fünf Sprachen vermischen sich zu einem einzigen Wirrwarr in der kleinen Küche. Vale und Martha, Erdincs Mitbewohnerinnen, kommen aus Pisa und unterhalten sich lautstark auf Italienisch, auch mit ihren Händen. Deniz ruft immer wieder Kommentare dazwischen, sonst unterhält er sich wahlweise auf Englisch, Italienisch oder Türkisch. Auch ein paar Brocken Deutsch sind dabei, das benutzt er aber nur, wenn er nicht möchte, dass die anderen ihn beim Schimpfen erwischen.

Felicia versteht ihn doch. Sie kommt aus Holland, lebt seit fünf Jahren in Italien, erst in Neapel, zwischendrin war sie in Berlin, jetzt in Florenz. Sie studiert mit Deniz Politikwissenschaften. Andrea studiert mit Erdinc, sie kommt aus Griechenland, spricht aber perfekt Italienisch. "Ich spreche kein Italienisch, nur no, si, grazie und merda", sagt Erdinc, "wenn ich mich mit meinen Professoren unterhalten wollte, hab ich Hände und Füße dazu gebraucht. Das war auf Dauer anstrengend. Jetzt übersetzt Andrea immer für mich. Sie ist wie eine Schwester", sagt Erdinc. Griechenland und Türkei sind für ihn eine Nation. Die trenne doch nur die Politik. "Ich glaube nicht an Ländergrenzen. Wir sind doch alle einfach Menschen hier, die die gleiche atemberaubende Erfahrung teilen, die wir das Leben nennen."

Informationen zum Beitrag

Titel
Couchsurfing und ein Rucksack voller Geschichten
Autor
Vesna Hetzel
Schule
Rosenstein-Gymnasium , Heubach
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.06.2014, Nr. 142, S. 30
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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