Am liebsten ist sie auf längeren Linien unterwegs

Der Liebe wegen" zog Sabine Hausch von Crailsheim in Baden-Württemberg nach Bremen. Nach der Trennung von ihrem Mann blieb sie in der Hansestadt. Seit 13 Jahren arbeitet die 39-Jährige bei der Bremer Straßenbahn AG (BSAG). Bevor sie bei der BSAG mit ihren fast 340 Straßenbahnen und Bussen begann, war sie bei einem Paketdienst angestellt. "Nebenberuflich arbeitete ich in einem Kiosk an einer Endhaltestelle, wo ich durch pausierende Straßenbahnfahrer von dem Stellenangebot erfuhr." Zunächst fuhr sie ausschließlich Linienbusse. "Doch seit 2006 besitze ich das Doppelpatent zum Bus- und Straßenbahn fahren", erzählt sie mit Begeisterung. Moderne Straßenbahnen haben eine Motorleistung von 4 mal 125 Kilowatt. "Mit diesen ungefähr 680 PS kann eine Höchstgeschwindigkeit von 70 Stundenkilometer erreicht werden." Während ein Auto bei 50 Stundenkilometer einen Mindestbremsweg von zehn Metern benötigt, braucht eine Straßenbahn dafür ungefähr 40 Meter. "In der Fahrschule für Straßenbahnfahrer werden daher Situationen durchgespielt, in denen die Fahrer das Einschätzen von Bremswegen und das richtige Bremsen lernen." Gerade im Herbst und im Winter befindet sich ein Schmierfilm auf den Schienen, der das Bremsen erschwert. Bevor Sabine Hausch losfahren kann, muss sie im Betriebshof ihr meist knapp vierzig Meter langes Fahrzeug zehn Minuten vor der eigentlichen Ausrückzeit auf Einsatzfähigkeit überprüfen. "Bei diesem Check führen wir unter anderem mit kleinen weißen Kärtchen einen Probedruck an den Fahrkartenentwertern durch", sagt die in ihrem Dienstanzug gutaussehende, entspannt und noch sehr jung wirkende zierliche Fahrerin, die mit ihrer fröhlichen Art nicht zu verkennen ist. In der Bahn drückt Hausch den Fahrschalter im Handumdrehen nach oben. Die Bahn setzt sich für ihr Gewichtsverhältnis mit großer Beschleunigung in Bewegung. In einer achtstündigen Schicht mit einer halbstündigen, gesetzlich festgelegten Pause, bekommt sie unterschiedliche Fahrzeuge zugewiesen. "Während der vier bis viereinhalb Stunden einer halben Schicht, bleibe ich meistens auf einer Linie. Doch der Fuhrpark ist groß. So wird die Tätigkeit nie eintönig, da jeder Fahrzeugtyp ein anderes Fahrverhalten besitzt." Am liebsten ist sie aber auf längeren Linien unterwegs, deren Linienverläufe durch die Innenstadt führen. Dies liegt mitunter daran, dass sie die Konzentration und den Trubel in der Bahn schätzt.

"Da ich gerne draußen arbeite und den Kontakt zu den Fahrgästen mag, macht mir der Beruf Spaß. Erst nach dem vierten Tag mit Frühdienst ab 3.10 Uhr macht sich gegen acht Uhr morgens die erste Anstrengung bemerkbar." Ihr mache es kaum etwas aus, an Feiertagen oder Silvester zu arbeiten. Weniger gerne fährt sie abends in Außenbereiche der Stadt. Da ist sie froh, dass die Leitstelle durchgehend von zwei Verkehrsmeistern besetzt ist. Die Leitstelle am Betriebshof ist 24 Stunden durchgehend Ansprechpartner in Not- und Störfällen. "Unter anderem werden uns bei Demonstrationen über Funk Umleitungen bekanntgegeben, die wir dann zu fahren haben. Es gibt auch schon mal Probleme mit Fahrgästen." In den Fahrzeugen hat das Personal das Hausrecht, auch wenn diese eine Art öffentlichen Raum darstellen. Sollte es zu Schwierigkeiten kommen, beginnt eine Meldekette; die Leitstelle wird informiert, die die Polizei mit Informationen versorgt und gegebenenfalls mit Rettungswagen anfordert. "Manchmal gibt es hilflose Fahrgäste, die teilweise gar nicht mehr ansprechbar sind. Gerade im Winter ist das ganz schlimm. Diese Menschen können wir nicht auf die Straße setzen, so dass wir ihnen Hilfe organisieren." Der Alltag mit Fahrgästen sei abwechslungsreich. So erlebte sie eine Schlägerei zweier Jugendgruppen im Fahrzeug, aber auch lustige Ereignisse. "Die neuen Bahnen haben eine vom Fahrgastbereich getrennte Fahrerkabine. Vor einiger Zeit steckte mir ein Fahrgast einen Zehn-Euro-Schein ins Türloch, um eine Fahrkarte zu erwerben." Seit drei Jahren gibt es Fahrscheine nur noch am Ticketautomaten. Doch bis heute kommt es immer wieder vor, dass manche Fahrgäste offenbar keine Idee haben, wie so ein Automat aussehen könnte. Seit einiger Zeit bietet die Bremer Straßenbahn AG mit einem privaten Postunternehmen den Briefversand an: In jeder Straßenbahn gibt es einen blauen Briefkasten. "Ich habe es allerdings auch schon sehr oft erlebt, dass der Briefkasten mit dem Touchbill verwechselt wird. Es war der absolute Hit, dass da jemand einen Zehner in den Schlitz geworfen hat und sich dann wunderte, dass keine Tageskarte herauskam." Der Fahrer musste den Postkasten dann aufschließen, um dem Fahrgast sein Geld zurückzugeben. Manchmal passieren auch Unfälle. "Leider hatte ich mal einen Verkehrsunfall am Berufsbildungswerk, während ich die Linie 6 zur Universität fuhr. Ein von links kommender Autofahrer fuhr seitlich in die Straßenbahn, da er eine rote Ampel missachtet hatte." Hausch kam mit dem Schrecken davon. Die Notbremsung konnte einen Sachschaden, der sich beim Auto auf eine defekte Lichtanlage und einen abgerissenen Kotflügel belief, nicht verhindern. Doch es gibt auch schwerere Unfälle.

Vor einiger Zeit geriet einem Kollegen unbemerkt spät abends auf einer Schnellfahrstrecke eine angetrunkene Frau unter das Fahrzeug. Das Unfallopfer wurde später von einer Gruppe Radfahrer bewusstlos in der Nähe der Gleise mit einem abgetrennten Unterschenkel gefunden. In solchen Situationen ist das Fahrpersonal auf psychische Unterstützung angewiesen. "Für solche Fälle haben wir einen Betriebsarzt und Seelsorger, die sich um uns kümmern." Das außergewöhnlichste Ereignis hatte sie einmal auf der Linie 4. "Damals stieg an der Domsheide ein betrunkener Mann zu, der dann am Automaten versuchte eine Fahrkarte zu kaufen. Bis zur Endstelle Arsten fuhr er in meiner Bahn mit, wo ich ihm zu Hilfe kam. Er versuchte mit seinem Handy zu telefonieren und seine Situation zu erklären. Doch es gelang ihm nicht, ins Handy zu sprechen. So übernahm ich und bemerkte, dass sich seine Frau in der Leitung befand. Erleichtert erzählte sie mir, dass sie am anderen Ende der Stadt schon auf ihn wartete. Schließlich brachte ich ihn zurück in die Innenstadt, wo er in die Linie direkt zu sich nach Hause steigen konnte. Er hat sich sogar noch entschuldigt", erinnert sie sich mit einem Lachen. Sie selbst muss im Umgang mit Feiern zurückhaltender sein. "Zum Beispiel muss ich vorsichtig mit Alkohol sein. Vielleicht muss ich sogar früher gehen, um im Job ausgeschlafen zu sein." Trotz der hohen Verantwortung ist sie zu Hause entspannt, trotz des Schichtdienstes. Ihr Kollegenkreis ist zugleich ihr Freundeskreis. Auch ihr Lebensgefährte arbeitet im Unternehmen.

Informationen zum Beitrag

Titel
Am liebsten ist sie auf längeren Linien unterwegs
Autor
André Schwaß. Schulzentrum Grenzstraße, Bremen
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24.11.2010, Nr. 274 / Seite N8
Projekt
Jugend schreibt

Beruf und Chance

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