Die Stimme ohne Gesicht

Er hat bei Filmen wie "Harry Potter", "Das Netz", "Kill the Boss" und "Herr der Ringe" mitgewirkt. Trotzdem sagt kaum jemandem der Name Thomas Rauscher etwas. Denn er ist Synchronsprecher. Mit seiner rauhen, tiefen Stimme gibt der grauhaarige Mann, der sich als Nordlicht bezeichnet, Filmcharakteren eine deutsche Stimme.

"Die genaue Berufsbezeichnung lautet jedoch Synchronschauspieler", erklärt Rauscher. "Man muss zuerst Schauspieler gewesen sein, um ein guter Synchronsprecher sein zu können, oder aber man wächst als Kind in den Beruf hinein." Schon während seines Bauingenieurstudiums zog es den in Sankt-Peter-Ording geborenen Mann auf die Bühne des von ihm mit gegründeten Studententheaters. Nach Abschluss des Studiums, auf das er sich gegen Ende schon kaum mehr konzentriert hatte, folgte er seiner Leidenschaft und wurde Schauspieler. Zehn Jahre trat er in Theatern auf, unter anderem in Hannover, Celle, Ingolstadt und Bielefeld. Danach entschied er, dass seine selbst zur "Therapie" ernannte Zeit am Theater ein Ende haben musste. Er zog nach München, um sich umzuorientieren.

Nachdem er einige Zeit Baufinanzierungsseminare abgehalten hatte, fuhr der Amateur-Klarinettist eines Tages eher zufällig an den Bavaria Filmstudios vorbei. In Erinnerung an seine ersten Erfahrungen als Synchronsprecher in Berlin fragte sich Rauscher bis zu den Aufnahmeleitern durch. "Die große Kunst am Synchronsprechen", sagt er, "ist es, eine normale Sprache beizubehalten. Wenn man sich einen Film anschaut, wird kein Theaterdeutsch, sondern ganz normal gesprochen." Bei ihm dauerte es einige Jahre, bis normal zu sprechen Routine wurde. In den ersten fünf Jahren gab es sogar Nächte, in denen der ruhige Norddeutsche vor Aufregung nicht schlafen konnte. "Bei durchschnittlichen Rollen, sehe ich den Text, den ich zu sprechen hab, zum ersten Mal im Studio." Im Aufnahmeraum hat er vor sich einen Bildschirm als auch eine Synchronfassung des zu sprechenden Textes, der so übersetzt ist, dass er zu den Lippenbewegungen der Schauspieler passt. Die eigentliche Arbeit für den Sprecher besteht darin, sich die einzelnen, um die zehn bis zwanzig Sekunden langen Ausschnitte des Filmes in der Originalversion anzusehen, die Stimmung und die Situation der Szene und den Charakter des zu synchronisierenden Darstellers zu erfassen und nicht zuletzt den vorgegebenen Text passend auf den "Take" zu sprechen.

Manche Rollen spricht er regelmäßig. Dazu gehören unter anderem die Hauptrolle "Frank" in der Serie "Lillehammer", die noch in der Produktion ist, "Hausmeister Willy" in der Zeichentrickserie "Die Simpsons" oder "Machete" im Kinofilm "Machete Kills". Besonders gerne spricht er Rollen, bei denen er mit seiner Stimme "in den Keller gehen kann", zum Beispiel bei "Machete Kills". Um beim Sprechen Spaß zu haben, muss er den Film oder die Serie nicht mögen. Nur bei manchen Cartoons und Computerspielen würde der Vater einer Tochter gerne einen Strich ziehen und die Aufträge ablehnen können. "Auch diese grauenvollen Computerspiele müssen bedient werden. Die Arbeit daran war mir sehr unangenehm. Es ist nur noch Stress bis zu sechs Stunden lang Texte zu sprechen, von denen man nicht weiß, was sie überhaupt bedeuten und wer sich das eigentlich anschaut." Aber auch das bringt Geld ein. "Ich habe vom Sprechen leben können, solange die Synchronlandschaft in München funktionierte." Viele Studios haben ihre Sitze nach Berlin verlegt. Deshalb mussten viele Sprecher ihre Gage senken, um noch konkurrenzfähig zu sein. Aber Thomas Rauscher möchte in München bleiben. "Man könnte mir 50 Millionen geben, und ich würde trotzdem nicht von hier wegziehen", betont der Wahlbayer.

Informationen zum Beitrag

Titel
Die Stimme ohne Gesicht
Autor
Paul Griebel
Schule
Wilhelm-Hausenstein-Gymnasium , München
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.06.2014, Nr. 142, S. 30
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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