In trauriger Gesellschaft

Es gibt viele Dinge, die mich seit einem Jahr traurig machen. Mal überwiegen die einen und mal die anderen Sachen." Vor einem Jahr erlitt Gertrud Storck eines Morgens einen Schlaganfall, auch Gehirnschlag genannt. Sie fiel beim Aufstehen aus dem Bett und fühlte sich steif. Im Krankenhaus dann die Diagnose. Die 86-jährige Witwe ist seitdem halbseitig gelähmt und an den Rollstuhl gebunden. Der Gedanke, dass sie nie wieder spazieren gehen oder in ihrem 500 Quadratmeter großen Garten Blumenbeete anlegen kann, erschüttert sie. Stattdessen schaut sie heute auf den blumenlosen, mit Gehhilfen bestückten Garten des kleinen Senioren- und Pflegeheims Haus der Blinden in Bremen-Osterholz. "Ich war ein paar Tage zur Untersuchung im Krankenhaus und bin dann direkt hierher ins Heim gekommen. Ich konnte mich nicht mal darauf vorbereiten." Und das merkt man auch, denn die sonst so ordentliche Rentnerin hat in ihrem bescheidenen Raum kaum Platz, sich frei zu entfalten. Ihr Hab und Gut liegt überall verstreut. "Ich sehe mich ja nicht als krank an, also körperlich gesehen. Wenn, dann ist es mein Gemüt, und das wird sich auch nicht mehr ändern", schluchzt die zweifache Mutter. "Ich würde mir ja zutrauen, alleine zu Hause zu wohnen oder es zumindest probieren, aber dafür müsste ich wieder am Rollator, meiner Gehhilfe, laufen können. Ich habe auch eine Therapeutin, die das Laufen unregelmäßig mit mir übt, aber mir fehlt leider das Geld für mehr."

Eine große Stütze ist ihre Haushaltshilfe, die ihr mittlerweile zu einer guten Freundin geworden ist. Sie kommt ein- bis zweimal die Woche vorbei, und dann gehen sie ins Café, Eis essen oder einkaufen. Gertrud Storck vermisst die alten Rituale, wie das Familienessen sonntags oder ihre Enkeltochter, die nach Düsseldorf gezogen ist. Doch sie hat ein neues Ritual gefunden, wofür sie dankbar ist. "Meine Tochter, die in Frankreich lebt, ruft mich jeden Abend um Punkt 21.10 Uhr an und fragt mich, wie mein Tag war." Nachdenklich sitzt sie in ihrem schwarzen Rollstuhl, in dem kleinen weiß gestrichenen Raum und schaut abwechselnd zu der großen Fensterfront nach draußen und zu den vielen Familienfotos auf der Fensterbank. "Wissen Sie, man denkt immer, dass Alte nichts mehr brauchen, aber das fängt doch schon bei den Medikamenten an. Meine Schwester kommt einmal die Woche, und dann jammern wir beide über unser Leid - ich darüber, dass ich nicht mehr laufen kann, und sie über ihre Augenkrankheiten." Ihr selbst ist das Glück, gesunde Augen zu haben, sehr bewusst. "Sonst könnte ich meinem größten Hobby, dem Lesen, nicht mehr nachgehen.

Ich musste so vieles aufgeben, aber das kann mir keiner nehmen", fügt die Uroma eines Vierjährigen hinzu. Mit am schlimmsten ist, dass sie ihre Unabhängigkeit verloren habe. Sie kann nicht bestimmen, was sie wann machen möchte. Wie jeder andere Bewohner muss sie sich an die Heimabläufe halten, und sie erzählt, dass sie deshalb oft traurig und alleine in ihrem Zimmer sitzt und liest. "Die anderen Heimbewohner deprimieren mich. Sie sitzen einfach so da und schlafen fast ein. Es scheint, als hätten sie keine Lebensenergie mehr, und ich möchte nicht so sein." Am liebsten lese sie dann Biographien von bekannten Persönlichkeiten. Aber das Buch, was ihr am meisten im vergangenen Jahr geholfen hat, war Goethes "Dichtung und Wahrheit". Es hilft ihr, seine Gedichte zu lesen und über ihr Leben nachzudenken. Denn die Lebenseinstellung der älteren Dame mit den kurzen, gelockten weiß-grauen Haaren ist, dass man für alles kämpfen und lernen muss und das wahrnehmen sollte, was man hat.

Informationen zum Beitrag

Titel
In trauriger Gesellschaft
Autor
Vivien Istefo. Schulzentrum Grenzstraße, Bremen
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 01.12.2010, Nr. 280 / Seite N6
Projekt
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