Schotten und Schlümpfe im Matsch

Von oben bis unten voller Dreck bespritzt stürmen sie über die Strecke. Manche als Schotten verkleidet, andere als Schlümpfe oder gar oberkörperfrei kämpfen sie sich durch Flüsse, Matsch oder Dornenhecken. Brüllend, laut schnaufend oder jubelnd überwinden sie steile Abhänge. Ihre Schuhe versinken im Matsch der Schlammlöcher, als wäre es Treibsand.

Auch dieses Jahr findet wieder der Braveheart Battle im Lauertal bei Münnerstadt, in der Nähe von Bad Kissingen, statt. Er gilt als einer der härtesten Extremläufe in Europa. Der Battle basiert auf dem gleichnamigen Film über den Kampf der Schotten um Unabhängigkeit von England.

Dieses Jahr ist es zum fünften Mal so weit. Rund 2800 Frauen und Männer begeben sich auf die 28 Kilometer lange Strecke. 35 Hindernisse müssen die Läufer bewältigen, um das Ziel zu erreichen. Das sind zwei Kilometer mehr als vergangenes Jahr und auch die Hindernisse sollen noch härter sein. Sie gehen durch die Hölle, so der Slogan des Battles.

Die Teilnehmer müssen alle Aufgaben in der vorgegebenen Weise bewältigen, um Finisher zu werden und sich offiziell Braveheart nennen zu dürfen. Wer ein Hindernis auslässt oder die Herausforderung nicht schafft, wird disqualifiziert. Die Frauen und Männer dürfen keine Scheu vor kaltem Wasser und schlammigen Schuhen haben, müssen brutale Steigungen und Abhänge bewältigen können, über hohe Wände und Gerüste klettern, durch dunkle Rohre kriechen und über rutschige Seilstege balancieren.

Zum ersten Mal unter den Bravehearts ist dieses Jahr Wolfgang Hörlin aus Sand, der bei der Bundespolizei in Würzburg beschäftigt ist. "Eine Kollegin, die dieses Jahr schon zum zweiten Mal mitmacht, hatte diese verrückte Idee, uns als Gruppe anzumelden", sagt er. Seine Gruppe besteht aus fünf Personen, darunter eine Frau. Die ganze Mannschaft ist als schottische Freiheitskämpfer kostümiert. Dem Film entsprechend sind sie im Gesicht blau-weiß maskiert und mit Schottenrock und -mütze beim Battle am Start.

Vier Monate trainierte Hörlin intensiv für den Wettkampf, in dieser Zeit lief er insgesamt etwa 270 Kilometer, um sein Durchhaltevermögen zu steigern. Ein paar Tage vor dem Extremlauf kamen dem vierfachen Vater Zweifel, ob er es wirklich bis ins Ziel schaffen wird. "Ich dachte mir einfach, jetzt hast du dich angemeldet, und nun ziehst du es auch durch. Jetzt gibt es kein Zurück mehr", erklärt der blonde Polizist.

Als es dann endlich losgeht, stürmen die Teilnehmer nach vorn. Da nicht alle auf einmal losrennen können, gibt es sogenannte Wellen, in die alle Bravehearts eingeteilt werden. In einer Welle starten rund 250 bis 300 Läufer. Die Dienstgruppe aus Würzburg startet mit der vierten Welle in den Kampf. An einem Kriechhindernis sind über den Teilnehmern Stromleitungen angebracht. Jeder, der darunter hindurchkriecht und dabei an die Leitungen stößt, erhält einen kurzen Stromschlag. Aber die größte Überwindung ist für den schlanken Polizeioberkommissar das Hindernis Loch Ness, bei dem die Läufer in einem eiskalten Regenrückhaltebecken unter Kanus durchtauchen müssen. Die Männer und Frauen stehen teilweise bis zum Hals im Wasser. "Da hab ich im ersten Moment gedacht, mein Herz bleibt stehen. Aber dann hab ich meine Zähne zusammengebissen, und weiter ging es", sagt Hörlin.

Immerhin spielt das Wetter mit. Die Bravehearts haben Glück, dass die Sonne sich zeigt und eher milde Temperaturen herrschen. Das täuscht aber nicht über das kalte Wasser der Bäche und Regenrückhaltebecken hinweg. Als sie extrem frierend aus dem See steigen, sind die Teilnehmer gezwungen, unter Lattenrosten und Dornen zu kriechen, anstatt sich durch das Laufen gleich wieder aufwärmen zu können. "Da kam die sadistische Seite des Veranstalters besonders zum Vorschein", sagt Hörlin nach dem Parcours mit einem Grinsen im Gesicht.

Diese Herausforderungen rauben den Kämpfern viel Kraft. Aber um sie zu meistern, helfen sich die Starter gegenseitig, nicht nur in der eigenen Mannschaft, sondern alle Teilnehmer geben auf die anderen acht und unterstützen sich. "Das ist das Gute am Lauf, man kann sich auf die Hilfe der anderen Teilnehmer verlassen", erklärt der Polizist. Auch die Läufer, die schon etwas schwächeln und nur noch langsamer vorankommen, werden von ihren Mitläufern mitgezogen. Keiner wird zurückgelassen.

Die Zuschauer stehen am Rand des Streckenverlaufs verteilt und feuern ihre Bravehearts an. Sie jubeln und versorgen die Teilnehmer mit Essen und Trinken zur Stärkung. Außerdem haben sie die Möglichkeit, mit einem Shuttlebus zu den einzelnen Hindernissen zu fahren, um mehrere Hürden mitverfolgen zu können. Bei dem Traditionshindernis "Wheel Castle" werden die Starter durch dunkle, enge Tunnel und über Berge aus Reifen geschickt.

Eines der härtesten Hindernisse ist aber wohl der sogenannte Hangman, bei dem man sich an Eisenstangen über den Fluss, die Lauer, hangeln muss. Mit dem Gedanken aufzugeben spielt Wolfgang Hörlin während des Battles mehrfach, zumindest bis zur Hälfte der Strecke. "Ich habe mich oft gefragt: Warum tue ich mir das eigentlich an?", lächelt er. Aber der Polizeioberkommissar überwindet seinen inneren Schweinehund und läuft schließlich nach fünf Stunden und 49 Minuten stolz durchs Ziel.

"Mein Ziel war es, ins Ziel zu kommen, und darauf bin ich sehr stolz, dass ich das in meinem Alter geschafft habe", erklärt er danach. Insgesamt erreichen von den 2800 Teilnehmern rund 97 Prozent das Ziel. Außer jeder Menge Schürfwunden, Kratzern und blauen Flecken liegen bei dem 53-Jährigen keine schwerwiegenden Verletzungen vor, im Gegensatz zu anderen Startern. Zweimal muss sogar ein Rettungshubschrauber anfliegen, um Verletzte abzutransportieren. Jeder Teilnehmer, der es durch das Ziel schafft, wird mit der "Medal of Honor" und einem T-Shirt mit der Aufschrift "Durch die Hölle gehen" belohnt.

Der Parcours und die Vorbereitungen haben sich positiv auf den Polizisten ausgewirkt. Er ist durch den Sport fitter geworden und lässt sich auch jetzt nach dem Battle nicht hängen. Seine Familie hat ihn bei seinem Training tatkräftig unterstützt und lobt ihn. Wolfgang Hörlins Fazit nach dem Extremlauf ist, dass es eine ruhm- und ehrenvolle Erfahrung ist, dabei gewesen zu sein, aber auf den Braveheart Battle 2015, für den man sich bereits anmelden kann, verzichtet er lieber.

Informationen zum Beitrag

Titel
Schotten und Schlümpfe im Matsch
Autor
Leslie Hörlin
Schule
Regiomontanus-Gymnasium , Haßfurt
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30.06.2014, Nr. 148, S. 26
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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