Hockeyspiel als Kulturschock

Olympia 2020, das ist mein großer Traum", sagt Nicolas Hillmann. Dabei strahlen seine blauen Augen. Das Auftreten des robusten Bremers wirkt gelassen, geprägt von einem festen Händedruck und einer modisch nach hinten getragenen Cap. Der 17-Jährige, der Chinohosen und Polo Shirt trägt, hat eine große Leidenschaft, das Hockeyspiel. Sie führte den Jugendnationalspieler von Bremen über Birmingham auf ein Sportinternat in Köln. Der Torhüter stammt aus einer hockeybegeisterten Familie, seine Schwester spielt für die Deutsche Frauennationalmannschaft, sein Bruder läuft für die Deutsche U21 auf. So war es für Nici, wie ihn Freunde nennen, selbstverständlich, mit drei Jahren in Bremen den Hockeyschläger zu schwingen. Dabei geht es ihm primär darum, einfach Spaß zu haben. Alles andere sei "eine nette Nebenerscheinung".

Auf die Frage nach dem bisher besten Moment seiner Karriere zögert er keine Sekunde. "Eindeutig mein erstes Länderspiel gegen Frankreich. Das war eine absolute Gänsehautatmosphäre für das Nationalteam aufzulaufen, besonders beeindruckend war der Moment, als die Nationalhymne gesungen wurde." Natürlich hat er auch Tiefpunkte erlebt, etwa, als er mit seiner Mannschaft das Finale der Deutschen Meisterschaft äußerst unglücklich verlor. "So etwas passiert nun einmal, an solchen Situation wächst man", erklärt der fünffache Jugendnationalspieler optimistisch.

Mit 15 Jahren ging Nicolas für ein Jahr auf ein Internat nach Bromsgrove in der Nähe von Birmingham. Natürlich spielte Hockey dabei eine wesentliche Rolle. "Ein Mannschaftssport erleichtert einem die Integration immens. Hockey verbindet einfach." Dazu zählten auch die berühmt berüchtigten Hockeypartys. In seinem Auslandsjahr hat er Freundschaften mit Schülern aus vielen Ländern geschlossen. Neben dem gefürchteten englischen Internatsessen - das sich einzig und alleine durch das Wort Friteuse beschreiben lasse - sorgte die englische Art, Hockey zu spielen, für einen Kulturschock. "Das Niveau ist in England nämlich deutlich schwächer als in der Hockeyhochburg Deutschland." Deswegen war der Großteil des 1. Hockeyteams mit Deutschen besetzt, was die gegnerischen Teams zunehmend verunsicherte, weil auf dem Platz fast ausschließlich Deutsch gesprochen wurde. Es kursierte auf dem Internat sogar der Witz, dass die Schule plane, eine "Engländerquote" für das Team einzuführen. Da die Engländer den Namen Hillmann nicht aussprechen konnten, nannten sie ihn in Anlehnung an sein Vorbild und seine Reflexe "Nicolas Kahn". Das Highlight der Zeit in England war das Erreichen des Halbfinales in den Indoor Nationals. Außerdem bleiben auch die teilweise extrem langen Busfahrten zu Auswärtsspielen in ganz England - die Internate lägen ja immer irgendwo zwischen den Schafen - in besonderer Erinnerung

Obwohl das Jahr ihm ausgezeichnet gefallen hat und der Jungnationalspieler es als "Lebensschule" bezeichnet, entschloss er sich wegen besserer Schulabschlussmöglichkeiten und qualitativ hochwertigerem Hockey zurückzukehren. Er zog nach Köln, weil er dort bei einem Erstligisten trainieren kann. In Köln geht er auf ein normales Gymnasium, lebt jedoch in einem Sportinternat zusammen mit einem Dutzend anderer Leistungssportler. Morgens lernt er für sein Abi, nachmittags geht es zum Mannschaftstraining, danach wird häufig noch eine Extra-Schicht im Kraftraum geschoben.

Zeit zum Durchschnaufen bleibt ihm kaum. Der Spagat zwischen Leistungssport und Schule sei zwar "nicht das einfachste", doch werde man durch eine feste Hausaufgabenzeit und -hilfe unterstützt. Ab und an findet der Bremer Zeit für sein Hobby, das Sammeln von amerikanischen Baseball-Caps. Was ist der größte Nachteil vom Leben auf einem Sportinternat? "Ich vermisse natürlich meine Familie und Freunde in Bremen. Außerdem ist die Freizeit stark eingeschränkt und zum Beispiel eine spontane Abendgestaltung nur selten möglich." Was er nach dem Abi machen möchte, weiß er noch nicht. "Es wäre natürlich perfekt, wenn ich mein Studium oder eine Ausbildung an einem Standort machen könnte, wo ich erstklassig Hockey spielen kann. " Die Ausbildung hat für ihn aber höchste Priorität. "Ich weiß, dass man mit Hockey keine Rechnungen bezahlen kann", sagt er schmunzelnd.

Informationen zum Beitrag

Titel
Hockeyspiel als Kulturschock
Autor
Ferdinand Diekgräf
Schule
Christianeum , Hamburg
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30.06.2014, Nr. 148, S. 26
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

Beruf und Chance

Zeitungszustellung während des Projekts

Probleme bei der projektbezogenen Zeitungslieferung?
Wenden Sie sich unter Angabe Ihrer Auftragsnummer per E-Mail oder per Fax an:vertrieb@faz.de
069-7591-2180