Malte Hedderich hat sich in die Top 200 der Welt geklickt

Vor einem steht ein netter 16-Jähriger: Er ist 1,85 Meter groß, hat kurze, dunkelblonde Haare, trägt Jeans, ein trendiges Hemd und ein sympathisches Lächeln. Doch wenn er vor seiner Konsole sitzt, dann verlässt ihn dieses Lächeln. Mit starrem Blick fokussiert er seinen 32 Zoll großen Bildschirm, der vor ihm auf einem Holzregal steht. Den Controller hält er fest in der Hand, das Handtuch zum Händetrocknen liegt neben ihm. Nichts kann seine Konzentration stören. Das musste er trainieren, denn auf großen Events stehen manchmal bis zu 100 Zuschauer hinter ihm. Ehrgeizig verfolgt er das Geschehen auf dem Bildschirm und tippt trainierte Kombinationen auf den Controllertasten. Sein Ziel ist klar: mit seinem favorisierten Team, der brasilianischen Nationalmannschaft, im Spiel FIFA 12 ein Tor auf der gegnerischen Seite zu erzielen. Malte Hedderich, ein Gymnasiast aus Tornesch in der Nähe von Hamburg, betreibt E-Sport.

"Ey du, du bist doch der Gamer oder nicht?", hört er von anderen Jugendlichen, wenn er Freitagabend eine Disco besucht. Mehr oder weniger verblüfft gucken sie, wenn sie einen zweiten Blick auf ihn werfen. Denn er trägt keine klischeehaften langen Haare, ist alles andere als ungepflegt und entspricht für viele nicht dem typischen Bild eines Zockers.

Tagelangen Aufenthalten vor dem Bildschirm kann er nichts abgewinnen. Er sitzt ein bis drei Stunden am Tag vor dem Computer, guckt aber fast gar kein Fernsehen. "Ich unternehme viel mit Freunden, gehe Fußball spielen und ab und zu widme ich mich dann auch mal der Schule, schließlich ist die Oberstufe im nächsten Jahr mein Ziel."

Dass Malte nicht nur virtuell, sondern auch reell mit dem Ball umgehen kann, ist bei allen, die ihn schon einmal auf dem echten Rasenplatz gesehen haben, unumstritten. Mit dem FC Union Tornesch spielt Malte um den Aufstieg in die A-Jugend-Landesliga Hamburg. Er spielte in der C-Jugend im Leistungsbereich der Jugendabteilung des Zweitligisten FC St. Pauli auf der Position des Spielmachers, nachdem er von seinem Heimatklub abgeworben wurde. Nach zwei erfolgreichen Jahren habe ihn der Trainer zunehmend ignoriert. Malte begann sich in seiner neu gewonnen Freizeit immer mehr der Fußball-Simulation zu widmen. "Der Wettkampf mit echten Gegnern hat mich von Anfang an gereizt. Anfangs habe ich nur offline gegen Freunde gespielt, die ich aber alle recht locker besiegen konnte. Ein Freund von mir hat online gespielt, wodurch ich erfahren habe, dass es Ranglisten gibt, in denen man sich mit Spielern aus aller Welt messen kann. Mit der Zeit habe ich Spieler kennengelernt, die mir von Wettbewerben auf verschiedenen Turnier-Plattformen erzählt haben. Dort habe ich dann begonnen, erste Turniere zu spielen, und mich mit der Zeit immer weiter in die FIFA-Szene reingesteigert. Schon in den ersten Monaten habe ich mich in die Top 200 der Welt gespielt."

Auf einem nahe gelegenen Kunstrasenplatz trifft er sich mit Kumpels und spielt Basketball oder Fußball. Seine Hauptleidenschaft bleibt jedoch immer der Fußball. "Mittlerweile ist FIFA schon so realistisch, dass es einfach viel Spaß macht, taktische Finessen und solche Dinge in sein Spiel einzubauen."

Die Begeisterung für Fußball besitzt auch Benny Semmler. Zusammen mit einem Kollegen betreibt er eine Internetseite, auf der er über die Geschehnisse in den aktuellen Ligen im Großraum Hamburg berichtet. Mittlerweile können die beiden von ihrer Arbeit leben. Zusammen mit Freunden und Sponsoren haben sie es geschafft, ein FIFA-Turnier auf die Beine zu stellen. Auf diesem Event war auch Malte und besserte sein Taschengeld damit auf. "In manchen Monaten geht man fast leer aus, in anderen Monaten liegt der Verdienst aber auch im oberen dreistelligen Bereich. Das ist sehr wechselhaft. Oftmals gewinnt man auch keine Geldpreise, sondern Sachpreise wie Konsolen, Shirts, Hardwareprodukte oder solche Dinge."

Zu Beginn des Turnieres noch als gewöhnlicher Hobby-Spieler eingestuft, sprach sich schnell herum, dass an dem Controller, den Malte in den Händen hält, nicht nur ein Laie sitzt, sondern ein professioneller Spieler. Ab Halbfinale dann nahm er diese Rolle auch an und spielte nun für alle ersichtlich im Shirt seines Clans, im echten Fußball als Mannschaft bekannt, das Werbung von Unternehmen der Elektronikbranche präsentiert, die ihm Reisen zu etlichen Turnieren in Deutschland und mittlerweile auch ganz Europa finanzieren. Zum Glück gab sich Malte keine Blöße und konnte das Turnier gewinnen, sein erster Turniersieg auf einem Offline-Event.

Regelmäßig messen sich E-Sportler online, also via Internet, oder offline, im direkten Duell an einem Ort, um die Besten der Besten herauszukristallisieren. Das größte Event ist der FIWC, der FIFA Interactive World Cup, der vom Fußballweltverband FIFA organisiert wird.

"Die E-Sport FIFA Weltmeisterschaft hat dieses Jahr die 1-Million-Teilnehmer-Marke geknackt, eine unvorstellbare Zahl, wenn ich bedenke, dass noch vor vier Jahren nicht mal ein Zehntel dieser Anzahl an Spielern teilgenommen hat", sagt Malte.

Zwei Jahre und etliche Erfolge später, unter anderem der 3. Platz bei der Deutschen Meisterschaft, hat er mit zwei Freunden ein kleines Unternehmen mit dem Namen bPartGaming gegründet. So managt er ein FIFA-Profiteam und führt Dienstleistungen für Unternehmen verschiedener Branchen aus. Sein Team bietet auch eine FIFA-Schule an. "Die letzten Monate haben wir dazu genutzt, verschiedene Geschäftsmodelle beziehungsweise Produkte zu testen. In der Pre-Release-Phase von FIFA 15 beginnen wir dann den Internationalisierungsprozess."

Informationen zum Beitrag

Titel
Malte Hedderich hat sich in die Top 200 der Welt geklickt
Autor
Benedikt Schramm
Schule
Ludwig-Meyn-Gymnasium , Uetersen
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30.06.2014, Nr. 148, S. 26
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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