"Ich wollte für meine Kinder eine bessere Zukunft"

Dort waren sie die Deutschen, hier sind sie die Russen. Familie Braun ist aus einem Dorf am Altai nach Paderborn übergesiedelt. Der erste Einkauf im Lebensmittelgeschäft bescherte ihnen einen Schock.

Auf dem Herd stehen vier Töpfe, in denen Wasser oder Gemüse kocht. Küchendunst liegt in der Luft, undefinierbar, doch gut. Kräftig schlägt eine grauhaarige Frau mit einem Löffel in einen Teig. Ihr Lächeln überspielt den angestrengten Gesichtsausdruck. "Nemzy", sagt Katharina Braun, "so nannten sie uns in unserem Dorf", sie knetet den Teig auf dem Tisch, wischt sich mit der mehligen Handfläche über die Stirn und lacht spöttisch. "Dort waren wir die Deutschen, und hier sind wir die Russen." Katharina Brauns Familie gehört zu den Russlanddeutschen, die 1995 nach Deutschland zurückkehrten. Russlanddeutsche, die bis 1992 in die Bundesrepublik Deutschland übersiedelten, gelten als Aussiedler, ab 1993 als Spätaussiedler. Das Aufnahmeverfahren führte das Bundesverwaltungsamt durch, eine Anerkennung erfolgt auf der Grundlage des Bundesvertriebenengesetzes von 1953. Die deutsche Minderheit lebte seit mehreren Generationen in Osteuropa und Asien.

"Ich wollte für meine Kinder eine bessere Zukunft", sagt die zweifache Mutter. Die wirtschaftliche Lage in Russland war schwierig. Für ihre Arbeit als Lehrerin in einem Dorf namens Nikolaewka in der Region Altai hat sie kaum Geld bekommen. Sie konnte nur selten Lebensmittel einkaufen. Deswegen waren die Dorfbewohner Selbstversorger. Aber wie soll man Essen kaufen, wenn der Dorfladen leer ist und die nächste größere Stadt zehn Stunden entfernt liegt?

"Einige meiner Verwandten lebten bereits in Deutschland und waren begeistert", erzählt sie. Auch ihre Eltern entschlossen sich, nach Deutschland zu gehen. Da entschieden sich Katharina und ihr Mann Sergej Braun 1994 ebenfalls zur Umsiedlung. "Wenn wir schon die Möglichkeit kriegen, unsere Lebenssituation zu ändern, dann nutzen wir diese", sagt die eher kleine 54 Jahre alte Frau.

"Ich verließ gerade die Hochschule in Nowosibirsk, als meine Eltern mich anriefen und fragten, ob ich mit ihnen nach Deutschland komme", sagt Andrej, der ältere Sohn. "Zwar brauchte ich nur noch sechs Monate, bis ich mit dem Studieren fertig war, dennoch ging ich mit ihnen." Seine Studiengebühren zahlten die Eltern, Andrej war finanziell auf sie angewiesen. Dafür musste auch der Vater, der eine eigene Landwirtschaft betrieb, viel arbeiten. Neben der Versorgung seines Hofes übernahm er für Nachbarn verschiedene bezahlte Arbeiten wie zum Beispiel Schafe hüten. "In Deutschland habe ich mein Studium dann beendet", sagt der groß gewachsene Betriebswirt. "Anfangs war es hier schwierig, alles war so fremd und gleichzeitig neu", berichtet seine Mutter. Unzählige Papiere mussten ausgefüllt werden. "Wir mussten die deutsche Kultur kennenlernen und die Sprache verstehen", erklärt sie. "Zu Hause im Dorf durften wir kein Deutsch sprechen, auch wenn wir es konnten. Das war verboten. Also verboten es meine Eltern uns Kindern. Unsere Nachbarn guckten uns immer komisch an, wenn wir deutsch sprachen. Als ich noch klein war, konnte ich Deutsch gut verstehen, nur das Sprechen fiel mir schwer."

Die Zarin Katharina holte im 18. Jahrhundert die Deutschen nach Russland, bot ihnen Grund und Boden und die Befreiung von der Wehrpflicht. Viele Deutsche siedelten über. In den Dörfern wurde überwiegend Deutsch gesprochen, es entstanden deutsche Schulen und Kirchen. Die russische Bevölkerung empfand nicht selten Neid gegenüber den bevorzugten Deutschen, und es kam zu einer antideutschen Stimmung. Es folgte die Russifizierung. Russisch wurde zur Amts- und Schulsprache. Während des Stalinismus kam es zur Zerstörung der deutschen Dörfer und der eigenständigen deutschen Kultur. Der Zweite Weltkrieg verstärkte die Feindseligkeit den Deutschen gegenüber. Deutsch öffentlich zu sprechen war seither gefährlich, da man als Faschist angesehen wurde.

In Dresden besuchte Familie Braun Sprachkurse. Sie lernten schnell, schon nach einem Jahr kamen sie mit der Sprache ganz gut zurecht. "Anfangs war der Kontakt mit den anderen schwierig", erklärt Andrej, "ich hatte noch keine guten Deutschkenntnisse und konnte mich nicht ausdrücken. Das war die Zeit, wo ich einfach nur stumm daneben stand und zuhörte. Ich konnte mich einfach nicht mitteilen." Seine Mutter ergänzt: "Ich erinnere mich noch, als wir das erste Mal in ein Lebensmittelgeschäft gingen. Wir waren geschockt. Dort gab es alles. Alles, was man brauchte und was man nicht brauchte." In Deutschland konnten sie sich nun die Dinge kaufen, die sie gar nicht benötigten. Nun trinkt Katharina Braun nicht nur Kaffee, sondern auch Cappuccino. Das kannte sie vorher nicht. Viele der Süßwaren waren für sie neu, wie auch die vielen Eissorten. "Im Dorf war ich schon glücklich, wenn ich mal ein paar Süßigkeiten für die Kinder mit nach Hause brachte. Hier hatte ich nun keine Sorge mehr, dass alles ausverkauft ist", lacht sie.

Sie waren nicht die einzige Familie, die umsiedelte. Es kamen Familien aus Russland, Kasachstan und der Ukraine. Sie alle lebten zusammen in einem Wohnheim in der Nähe von Dresden, wo auch Familie Braun in zwei Zimmern mit Bad untergebracht war. Acht Familien lebten zusammen auf einer Etage und teilten sich eine kleine Gemeinschaftsküche. "Es war klein und eng. Von Ruhe konnte keine Rede sein. Immer wieder hörte man vom Flur aus Geschrei oder Gelächter." Vielleicht gerade deswegen verstanden sich die Familien gut. Auch die Kinder hatten Spielgefährten. Alle saßen in der Küche zusammen und aßen gemeinsam. Meistens ging es um ihre Vergangenheit, ihre Berufe und um die Gründe, weshalb sie gegangen waren.

"Dort habe ich meine erste Freundin Alessja kennengelernt", lächelt Andrej. "Man kannte einfach niemanden in Deutschland, und die Menschen im Wohnheim waren die einzigen, mit denen man etwas zu tun hatte. Wir wurden wie eine große Familie." Dieses Gefühl von Zusammengehörigkeit ließ allmählich eine neue Heimat entstehen. "Ich bin auch immer noch mit einer Freundin aus dem Wohnheim in Kontakt", sagt seine Mutter. Sie bekamen auch Hilfe von ihren deutschen Nachbarn, die alte Möbelstücke und Geschirr schenkten. Nicht zuletzt konnten sie mit ihnen deutsch sprechen. "Wir lebten friedlich miteinander."

Es gab aber auch negative Erlebnisse. Meistens waren es die Jugendlichen, die sich den Spätaussiedlern gegenüber feindlich verhielten. "Einmal bin ich nach Hause gegangen, und an der Flurtreppe des Hauses standen mehrere Jungen. Sie warteten auf mich. Ich sah ihnen an, wie angriffslustig sie waren. Sie beleidigten mich und wollten mich nicht durchlassen. Ich bin weggerannt und habe gewartet, bis sie verschwanden", erzählt Andrej.

Vom Sozialamt erhielt die Familie finanzielle Unterstützung. Dadurch hatte sie ein Dach über dem Kopf. Und es gab Hilfe bei der Arbeitssuche. In Deutschland konnte Katharina Braun ihren Beruf nicht ausüben. Sie begann eine Umschulung zur Erzieherin. Aber hier seien die Kinder "schwer zu kontrollieren". In Russland zeigten Kinder mehr Respekt vor den Erwachsenen und den Erziehern.

Die Erinnerungen an die Vergangenheit, an Freunde und Verwandte, die sie zurückgelassen haben, bleiben natürlich. "Hier muss man sich erst verabreden, um jemanden zu besuchen. Nicht so wie in Russland, wo man seinen Nachbarn unangekündigt besucht und bis spätabends bleibt", sagt die kräftige Frau, die mit ihrem Mann in einem kleinen Haus in Paderborn lebt. Sie sind glücklich. Ihre Kinder haben eigene Familien gegründet. Andrej bedauert, wie viel Zeit ihn der Neuanfang seiner Ausbildung gekostet hat: "Ich habe nicht alles in Deutschland erreicht, was ich mir vorgestellt hatte." Der Maschinenführer hätte sich gewünscht, ein Betriebswirt zu werden. Die Lage in Russland sei im Vergleich zu damals stabiler geworden. "Wenn ich jetzt die Situation in Russland sehe, dann bereue ich es, dass ich dort mein Studium nicht beendet habe."

Informationen zum Beitrag

Titel
"Ich wollte für meine Kinder eine bessere Zukunft"
Autor
Claudia Kusch
Schule
Marienschule , Münster
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 07.07.2014, Nr. 154, S. 26
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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