Ein Holzhäuschen und Arbeit auf dem Acker

Familie Fixel hat Kasachstan vor 20 Jahren verlassen und das nie bereut / Sie fühlen sich nicht als Aussiedler

Unendliche Steppen. Ungeteerte Straßen. Eine Region, in der die Dörfer 20 Kilometer auseinanderliegen. Es gab zwei Kinos, Grundschulen, eine Hauptschule, einen großen Markt, ein Rathaus, einen Bahnhof und einen Park. Im Winter haben die Kinder aus den Schneemassen Iglus gebaut. Im Sommer war es manchmal unerträglich heiß. Das Dorf hatte schöne Seiten, aber auch heruntergekommene, arme Ecken. Das ist mehr als 20 Jahre her. Helena Fixel erinnert sich an ihr Leben in Zaha-Arkinsk in Kasachstan. Die 52 Jahre alte Frau wanderte mit ihren zwei Kindern und ihrem Mann nach Deutschland aus, als sie 32 Jahre alt war. Tatjana Mages, die ältere Tochter, erinnert sich gut an das Leben in Kasachstan. Sie war zur Zeit der Auswanderung elf Jahre alt. Ihre kleine Schwester Marina Ullrich war acht Jahre alt und hat nur noch vage Erinnerungen.

"Ich musste auf meine drei jüngeren Geschwister aufpassen, weil ich die Älteste war. Auch auf dem Acker haben wir viel geholfen. Ich musste wirklich viel machen", sagt Helena Fixel. Ihre Töchter sind in einen Ganztagskindergarten gegangen, sie musste sich um das Haus und den Acker kümmern. Die Kinder trugen eine Schuluniform, die Mädchen ein dunkles Kleid mit Schürze, die Haare mussten zusammengebunden sein, die Jungen hatten eine Hose und ein Hemd. In ihrer Freizeit spielten sie viel mit den Nachbarskindern.

Helena Fixel hat vier Jahre lang auf Lehramt studiert. Während ihres Studiums lebte sie in einem Studentenwohnheim, das 250 Kilometer entfernt war. Viermal im Jahr ist sie mit dem Bus oder Zug heimgefahren. Hobbys hatte Helena nicht, es gab dort zwar Vereine, aber sie hatte keine Zeit dafür. "Unser Sport war die Arbeit auf dem Acker", sagt die Frau, die bis zur Auswanderung 13 Jahre in einer Grundschule unterrichtet hat. Mit 19 Jahren bekam sie ihr erstes Kind, während sie gearbeitet hat, hat ihre Mutter darauf aufgepasst. Ein Jahr später kam das zweite Kind. Ein Jahr blieb Helena Fixel zu Hause. Die Kinder waren bis 18 Uhr im Kindergarten, oder die Großeltern haben auf sie aufgepasst. "Es war einfacher als hier", findet sie. "Als Frau hattest du viel mehr Chancen und vor allem Zeit, weil man gewusst hat, dass dein Kind Essen bekommt und schlafen geht."

Die Familie hat zuerst in einem Holzhäuschen gewohnt, es gab einen gemeinsamen Schlafraum, ein Wohnzimmer und eine kleine Küche, die Toilette war draußen. Später zogen sie in ein größeres Haus mit einem Garten und einem großen Acker. Dort wuchsen Kartoffeln, Kraut, Tomaten, Gurken und Zwiebeln, sonst hätte es im Winter nichts zu essen gegeben. Als sie in Deutschland angekommen sind, waren sie total begeistert, dass sie überall Lebensmittel oder Kleidung kaufen konnten.

Ihre Kindheit haben sie in guter Erinnerung. Lachend sagt Marina Ullrich: "Wir kannten es nicht anders. Es war alles gut, so wie es war. Unsere Kaugummis haben wir mit Buntstiften gefärbt, damit wir bunte Kaugummis hatten. Not macht erfinderisch." Die Eltern wollten ein besseres Leben für die Familie. In Kasachstan wurden Lebensmittel knapper, Kleidung gab es nur selten zu kaufen, Heizmittel wie Kohle oder Holz gingen aus. Die Familie hat Russisch gesprochen, als Kasachisch als Amtssprache eingeführt wurde, wollten die Kasachen, dass alle ihre Sprache reden. Verwandte der Familie waren bereits nach Deutschland ausgewandert. "Wir waren schon fast die Letzten, weil ich mich lange geweigert habe auszuwandern. Ich habe gerne als Lehrerin gearbeitet und gewusst, dass ich das hier nie im Leben machen kann", sagt Helena Fixel nachdenklich. Zwei Jahre warteten sie auf eine Aufnahmebescheinigung aus Deutschland. Am 13. April 1993 ging es los. Fünf Tage später kamen sie in Deutschland an. Am Flughafen Hannover holte sie ein Onkel ab, der bereits in Deutschland lebte. "Wir haben auf der Fahrt an einer Raststätte angehalten, und da hat er uns ein Eis gekauft, am Stiel, wir kannten das nicht", berichtet Tatjana glücklich. Sie konnten nur wenig Spielzeug und Kleidung mitnehmen, der Container, in dem sie Kissen, Decken und Geschirr hatten, kam ein halbes Jahr später. Zehn Tage lebten sie in Nürnberg in einem Auffanglager für Aussiedler, dann folgte der Umzug nach Haßfurt. Im Wohnheim gab es nur ein Zimmer für die Familie, das Bad teilten sich fast 40 Menschen. In Haßfurt gingen die Kinder ein Jahr lang zur Schule, bis die Eltern eine Wohnung im nahegelegenen Eltmann fanden. Dort hatten die Kinder ihre eigenen Zimmer. Hatte Helena Fixel Angst auszuwandern? Sie sagt entschlossen: "Nein, Angst hatte ich nicht, weil mein Mann dabei war. Seine Familie war schon da und hat uns Briefe geschrieben, wie es dort ist, deswegen habe ich schon ungefähr gewusst, was mich erwartet."

Für die Familie war Deutschland auf den ersten Blick ein ordentliches, grünes Land. Auch die vielen Geschäfte waren neu für sie. Marina konnte zunächst ihren Lehrer nicht verstehen, aber nach einiger Zeit konnte sie Deutsch sprechen. In Haßfurt waren viele andere russischsprachige Kinder. In der Volkshochschule haben die Eltern ein halbes Jahr einen Sprachkurs gemacht. Um Geld zu verdienen, haben sie gleich bei einem Bauern gearbeitet. Nach ein paar Monaten wechselte die Mutter zu einer Schuhfabrik. Nach ihrem Realschulabschluss machte Tatjana eine Ausbildung zur Augenoptikerin. Heute arbeitet sie in Bamberg und wohnt in Stettfeld in Unterfranken, sie ist 32 Jahre alt, verheiratet und hat einen dreijährigen Sohn. Marina Ullrich hat nach der Realschule als Jahrgangsbeste eine Ausbildung bei der Telekom absolviert. Seit zehn Jahren arbeitet sie in der Baubranche als Sekretärin. Sie ist verheiratet und hat eine dreijährige Tochter. Nach 20 Jahren, die sie jetzt in Deutschland leben, sprechen die Töchter, anders als ihre Eltern, nicht mehr fließend Russisch. Außer den russischen Gerichten hat die Familie nichts beibehalten. Sie fühlen sich nicht wie Aussiedler. Kontakt nach Kasachstan haben sie keinen mehr, die ganze Verwandtschaft ist ausgewandert.

Informationen zum Beitrag

Titel
Ein Holzhäuschen und Arbeit auf dem Acker
Autor
Jennifer Fixel
Schule
Regiomontanus-Gymnasium , Haßfurt
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 07.07.2014, Nr. 154, S. 26
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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