Reise in die alte Heimat Rumänien

Heute arbeitet Anita Daume als Ärztin in Nürnberg

Lächelnd betrachtet Anita Daume ein Foto: Sie steht auf der Zinne, dem Berg, der hinter ihrer Geburtsstadt Kronstadt herausragt. Die 49-Jährige mit den dunklen, schulterlangen Haaren und den braunen Augen lächelt glücklich in die Kamera. Mit Rucksack und Trekkingjacke sieht sie aus wie eine Touristin. Die Aufnahme stammt vom Oktober 2013, ihrem ersten Urlaub in Rumänien seit ihrer Ausreise nach Deutschland im Jahr 1984. Anita Daume ist zu ihrem 30-jährigen Abiturtreffen dorthin geflogen, mehr aus Neugier auf die Veränderungen im Land als aus Sehnsucht nach einer alten Heimat.

Viel hat sich seit dem Sturz Ceauçescus, dem damaligen kommunistischen Staatsführer, geändert. Früher herrschte in den Lebensmittelläden gähnende Leere. "Meistens hingen in den Metzgereien einfach nur die leeren Fleischhaken, das kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen." Heute kann man in netten Cafés einkehren. Aber es gibt eine große Kluft zwischen dem armen und dem reichen Teil der Bevölkerung. In der Stadt fahren Autos ausländischer Hersteller. Auf dem Land ist der Pferdewagen ein gängiges Fortbewegungsmittel. "Als ich unter der Zinne spazierengegangen bin, sah ich eine Frau mit einem Karren Holz sammeln und Wasser in Kanister abfüllen."

Anita Daume besuchte ihr altes Zuhause. Es gibt fließend warmes Wasser und Strom. "Als Kind habe ich die Räume in unserem Haus immer als groß empfunden, als ich nun wieder hier gestanden bin, kam es mir plötzlich so klein vor", sagt sie. "Ich verbinde viele schöne Zeiten mit diesem Ort, habe aber auch viele schlechte Erinnerungen." Sie hatte viele Einschränkungen auszuhalten, die auch ihre schulische Laufbahn betrafen. Damals wurden Rumänen und die Siebenbürger Sachsen, zu denen sie gehört, nicht gleich behandelt. Ihre Muttersprache ist Deutsch, sie hat aber schnell Rumänisch gelernt.

Als Kind waren ihr die Unterschiede, die zwischen den verschiedenen Nationen gemacht wurden, überhaupt nicht bewusst. Im jugendlichen Alter realisierte sie sie nach und nach, war aber stets bemüht, sich in das damals noch kommunistische System einzugliedern. Doch alle Bemühungen nutzten nichts: Sie wurde nur auf ihre Herkunft reduziert. Ihr Traum war es, Ärztin zu werden, dafür arbeitete sie hart. Doch sie fiel jedes Mal durch ihre Abschlussprüfungen und musste sich trotz guter Zensuren mühsam hocharbeiten. "Besonders als meine Eltern die Ausreise für unsere Familie beantragt hatten, nahmen die Ungerechtigkeiten drastisch zu", sagt sie mit einem bitteren Unterton. Zum Beispiel erreichten sie Briefe und Pakete entweder gar nicht, oder sie wurden vorher geöffnet und von Beamten gelesen beziehungsweise durchsucht. Es war ihnen nicht erlaubt, Urlaub in anderen Ländern zu machen, selbst Staaten, die auch kommunistisch geprägt waren, waren tabu. Des Öfteren fuhren unbekannte Autos vor ihrem Haus auf und ab, die Familie fühlte sich durchgehend beobachtet und nicht mehr sicher.

Die Verletzungen und das Gefühl der Unterdrückung aus der Vergangenheit sitzen tief. So finden sich Verhaltensmuster, die sich Anita Daume während dieser Zeit angeeignet hat, noch heute in ihrem Alltag wieder. So wurde sie in ihrer Kindheit darauf getrimmt, ihre Meinung über den Staat und das System niemals laut auszusprechen, manchmal holt sie dieses Verhalten wieder ein.

Die Ausgrenzung und Unterdrückung verschiedener Minderheiten wie den Siebenbürger Sachsen oder den Ungarn hatte aber auch positive Folgen. So war der Zusammenhalt unter den ausgeschlossenen Gruppen eng, weswegen viele Siebenbürger Sachsen noch Ungarisch sprechen können. Die Qualität der deutschen Schule, die es in Kronstadt bis heute gibt, wurde geschätzt.

"Jetzt, da viele deutsche Familien ausgewandert sind, sind in die leerstehenden Häuser oftmals rumänische Familien eingezogen, die ihre Bleibe nicht so konsequent pflegen wie die Deutschen. Deswegen sind viele Häuser teilweise verfallen und schmutzig", sagt Anita Daume. Freundschaften zwischen Deutschen und Rumänen seien die Ausnahme gewesen. Anita Daume fühlte sich den Rumänen nie zugehörig. Sie legt Wert darauf, als Deutsche bezeichnet zu werden, und brachte ihren Kindern ihre "zweite Muttersprache" nie bei. Nach ihrer Ausreise musste sie lernen, nach vorne zu blicken und ihr Leben wieder neu aufzurollen. In Deutschland kam die Familie in ein Auffanglager in Nürnberg und später in eine kleine Wohnung. Zum ersten Mal erfuhr sie Unterstützung und Akzeptanz vom Staat, fühlte sich endlich zugehörig und nicht mehr unerwünscht. Ihre Eltern kehrten in ihre Berufe als Bürokraft und Elektromaschinenbauer zurück, mussten sich aber neu hocharbeiten, da nicht alle Qualifikationen anerkannt wurden. Anita Daume holte ihr Abitur nach und übt ihren Traumberuf Ärztin aus. Heute arbeitet sie in der Psychiatrie des Klinikums in Nürnberg und lebt mit ihrer Familie in einem Vorort.

Informationen zum Beitrag

Titel
Reise in die alte Heimat Rumänien
Autor
Luisa Daume
Schule
Willibald-Gluck-Gymnasium , Neumarkt
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 07.07.2014, Nr. 154, S. 26
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

Beruf und Chance

Zeitungszustellung während des Projekts

Probleme bei der projektbezogenen Zeitungslieferung?
Wenden Sie sich unter Angabe Ihrer Auftragsnummer per E-Mail oder per Fax an:vertrieb@faz.de
069-7591-2180