Auf dem Gerüst eine gute Figur machen

Das Restauratorenpaar Fiedler arbeitet am Ulmer Münster. Karl Fiedler prüft frische Farbe für mittelalterliche Fugenputze und bedauert, dass Spender lieber Figuren als Fassaden finanzieren.

In einem alten Fachwerkhaus könnte ich nicht leben", sagt Karl Fiedler, während er am Ulmer Münster auf einem Gerüst eine rund zwei Meter hohe Parler-Figur aus dem 14. Jahrhundert betrachtet. Karl oder Karle Fiedler, wie ihn die Leute nennen, ist Restaurator und seit 1985 freiberuflich tätig. Sein Arbeitsfeld ist die Restaurierung alter, meist denkmalgeschützter, sakraler Gebäude. Er hat Ulm zu seiner zweiten Heimat gemacht und ist mit seiner Wahl mehr als zufrieden, denn privat wohnt er in Wissgoldingen, einem Stadtteil des 7000-Seelen-Städtchens Waldstetten am Rande der schwäbischen Ostalb.

Karl Fiedler trägt bei seiner Arbeit einen grauen Overall. Mit voller Leidenschaft arbeiten er und seine Frau Sabine Geiger-Fiedler schon 15 Jahre lang für das Münster. Seit Mitte April sind sie wieder im Einsatz und kümmern sich um die Chorfassade. Davor war Winterpause für die Restauratoren. In dieser Zeit bestand ihre Aufgabe darin, die Aufträge des vorherigen Jahres zu dokumentieren.

Auf rund 25 Meter Höhe restauriert der 56-jährige Nerdbrillenträger die eindrucksvolle, mittelalterliche Fassade aus dem 14. Jahrhundert. Zu seinem Arbeitsplatz gelangt er durch einen ziegelroten Personenaufzug. Es gibt zwei Aufzüge, ein anderer Aufzug ist für Lasten zuständig. Oben angekommen, zieht sich ein schmales Labyrinth um die Fassade. Gerüste und Holzbretter bereiten den Weg. An den Außenseiten sind weiße Planen gespannt, die unter anderem vor Regen schützen. Hier arbeitet Fiedler mit einer Farbpalette als Vorlage, auf der es unterschiedliche Brauntöne gibt. Aus dieser Vielfalt muss er die Farbe heraussuchen, die seiner Meinung nach am besten geeignet ist, um die großflächig erhaltenen mittelalterlichen Fugenputze fachgerecht zu sichern.

Der historisch begeisterte Restaurator hatte in der Schule Bildende Kunst als Leistungsfach und wusste über seinen späteren Berufsverlauf nur so viel, dass er etwas mit Kunst zu tun haben sollte. Er informierte sich über künstlerische Berufe, dachte über Grafikdesign nach und stieß dann auf den Beruf des Restaurators. Zu seinem Glück fand er eine Praktikumstelle. "Ich habe mir den Beruf künstlerischer vorgestellt", musste er sich während der drei Jahre eingestehen. Ihm wurde klar, dass er "eigene künstlerische Ambitionen in den Hintergrund stellen musste". Danach wechselte er für drei Jahre zum Landesdenkmalamt. Der Kontakt zu den Mitarbeitern des Landesdenkmalamts ist für ihn heute noch wichtig, denn die obligatorische Voruntersuchung und das Konzept, das er im Kopf hat, muss mit den Eigentümern und häufig auch mit dem Landesdenkmalamt abgeklärt werden.

Die Voruntersuchung hat die Aufnahme des Materialbestands sowie des Zustands zum Inhalt. Auf dieser Basis wird das Konservierungskonzept erstellt. Dazu wird die zu restaurierende Fläche abfotografiert. Dann markiert Fiedler mit einem Programm auf seinem Laptop die unterschiedlichen Materialien farbig, seien es Ziegelsteine, unterschiedliche Steinsorten oder Putzarten und Farbfassungen, und verschafft sich so einen Überblick. Danach werden Zustand und vorliegende Schäden, zum Beispiel an den verwitterten Parler-Figuren, identifiziert. Er muss schauen, was mögliche Schadensursachen sein könnten, etwa, ob es am Klima liegt. Manchmal muss Fiedler auch Graffiti beseitigen. Das gehöre aber zu den Kleinigkeiten.

"Damals war das nicht so wie heute, es gab kein Studium für Restauratoren im Fachbereich Wandmalerei und Steinskulptur, man musste sich seine Ausbildung zusammensuchen und frei gestalten, was natürlich auch das Spannende an der ganzen Sache war." Trotz der anfänglichen Skepsis sei der Beruf des Restaurators nicht nur ein Beruf, "sondern bestimmt schon auch das Leben".

Heute geht es bei einer Restaurierung für Karl Fiedler nicht darum, Dinge wieder schön zu machen, sondern Dokumente der Geschichte zu erhalten, so dass diese Geschichte in den Wandmalereien oder Kirchengemäuern ablesbar bleibt. "Das Ulmer Münster ist ein sehr gutes Beispiel für so etwas. Wenn man den mittelalterlichen Putz auf den Ziegeln betrachtet, mag der auf den ersten Blick nicht besonders gut aussehen, aber dieser Putz mit all seinen Arbeitsspuren trägt Geschichte in sich und ist ein Zeuge vergangener Abeitsweisen und -bedingungen, und genau deswegen lässt man ihn dran."

Das Team, mit dem das Restauratorenehepaar arbeitet, besteht aus weiteren Freiberuflern, meist sind es zwei bis fünf. Seit 2010 ist er am Ulmer Münster mit einer weiteren Restauratorin tätig. Hier hat Fiedler erstmals mit Laser-Reinigung begonnen. Mit der Zeit werden immer effizientere Verfahren entwickelt, mit denen Restauratoren versuchen, Schäden noch besser zu beseitigen. Zurzeit begleitet er ein Forschungsprojekt, wo die Möglichkeit einer Konservierung von Stubensandstein in dauerfeuchtem Zustand untersucht wird. Entlang des Kreuzwegs zur Salvatorkirche in Schwäbisch Gmünd hat Fiedler auch die Steinreliefs im bröckligen Stubensandstein konserviert. Spezialisiert hat er sich auf Wandmalerei und auf Steinskulpturen mit farbiger Fassung. Parallel zum Ulmer Münster arbeitet er in Schwäbisch Gmünd in der romanischen Johanniskirche, wo er die neoromanischen Wandmalereien restauriert.

Was Karl Fiedler besonders am Ulmer Münster schätzt, ist, dass auf einem hohen und professionellen Niveau gearbeitet werden kann. Denn auf vielen Baustellen fehle Geld, was dazu führe, dass Konservierungsarbeiten durch Laien mit begrenztem Fachwissen ausgeführt würden.

Um die Kosten der Restaurierung zu decken, seien Spenden willkommen. Um den Namen seiner Firma am Bauzaun sehen zu können, müssen aber mindestens die Restaurierung einer Figur oder ein paar Quadratmeter der Ziegelfassade finanziert werden. So möchten fast alle privaten Spender nur eine mittelalterliche Figur finanzieren, da das natürlich mehr Eindruck macht als 15 Quadratmeter einer alten Fassade. "Das ist schon ein Problem, denn alle sagen ,Oh, tolle Figur. Die finanziere ich!' und niemand will eine Chorfassade."

Einerseits könne er das schon verstehen, denn es muss für die damaligen Arbeiter eine immense Anstrengung gewesen sein, die über zwei Meter großen Figurenkolosse 20 Meter in die Höhe zu befördern. Im nächsten Jahr werden voraussichtlich die Bauarbeiten an der Chorfassade abgeschlossen sein, so dass danach mit dem mit 161,53 Metern höchsten Kirchturm der Welt weitergemacht wird. Ob Fiedler und seine Frau dann wieder dabei sein werden, das wissen sie noch nicht.

Informationen zum Beitrag

Titel
Auf dem Gerüst eine gute Figur machen
Autor
Lorenz Rodríguez Knödler
Schule
Rosenstein-Gymnasium , Heubach
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14.07.2014, Nr. 160, S. 26
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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