Er kaufte eine Dampflok aus Zittau

Sonntagmorgen. 9.07 Uhr. Ein dumpfes Schnauben ist zu hören. Am Horizont mischt sich eine schwarze Rauchwolke mit dem Morgennebel. Langsam nähert sich das zischend-dampfende Ungetüm. Ein Kohle-Öl-Rauch-Gemisch erdrückt die Atemluft. Jetzt der schönste Moment: Die Dampflokomotive fährt unter der sogenannten schwarzen Brücke in den Bahnhof der Kleinstadt Haßfurt ein, die zwischen Bamberg und Schweinfurt liegt. Das Quietschen und Pfeifen der Bremsen, die den Stillstand ankündigen, durchdringt die morgendliche Stille.

Eisenbahnliebhaber Peter Melcher wechselt auf die andere Seite der Brücke und erkennt sofort, dass die Waggonzusammenstellung des Nostalgiezugs nicht wie angekündigt ist. Trotzdem ist es für ihn ein unbeschreibliches Gefühl, wie vor 60 Jahren, als der damals Sechsjährige aus dem Elternhaus eilte, um diese Szene gefühlt tausendfach zu erleben. Die Eisenbahnen zogen den Jungen so in den Bann, dass er mit seiner Mutter oft zum Bahnhof spazierte, um die Züge zu beobachten. "Als ich dann im Gymnasium die neunte Klasse wiederholen sollte, ging ich kurzerhand zum Bahnhof und meldete mich zur Ausbildung bei der Bahn als Jungwerker an." Drei Jahre dauerte die Lehre. "Von meinem ersten Weihnachtsgeld, das waren 20 Mark, kaufte ich mir 1962 meine erste Modelleisenbahn, die jedoch nur aus zwei Güterwaggons, einer Weiche und einem Schienenoval bestand. Für eine Lok hat es leider nicht mehr gereicht." Danach wechselte er in die Beamtenlaufbahn und trat 1969 in Nürnberg in den Zugbegleitdienst als Schaffner ein. "Ich habe mein Hobby zum Beruf gemacht." Um interessante Loks festhalten zu können, hatte er seine Kamera griffbereit im Dienst dabei.

9.10 Uhr. Das Klappern der schließenden Türen ist zu hören. Der schrille Pfiff des Zugführers signalisiert die Weiterfahrt der Dampflok, die aufgrund einer Sonderfahrt von Neuenmarkt nach Würzburg unterwegs ist. Schnell schießt Melcher ein Foto von dem qualmenden Koloss. Solche Aufnahmen bewahrt er im Hobbyraum auf. "Etwa 6000 Dias habe ich mal gezählt, so kann man sich mit anderen Eisenbahnfreunden austauschen." 1968 gründete er mit Gleichgesinnten die Zeitschrift "Lokrundschau", die mit der Schreibmaschine ohne Tippfehler geschrieben werden musste. Diesen Matritzendruck, der von Hamburg aus mit einer Auflage von 3000 Stück an Abonnenten vertrieben wurde, gibt es heute noch, jedoch nur noch im Internet. Melchers Hobbykeller umfasst sämtliche Ausgaben der "Lokrundschau", die neben anderen Lokomotivzeitschriften und Fachbüchern die Regale füllen. Zwischen Kisten mit 200 Modellloks und 600 Waggons steht eine Modelleisenbahnlandschaft. Jede freie Minute verbringt Melcher in seinem Archiv, wo er Betriebsbücher auswertet, um Statistiken zu schreiben. So lieferte er Textbeiträge und Fotos unter anderem für das Buch "Die Lokomotiven der Baureihe 50". 1987 erschien, nach achtjähriger Recherche, sein erstes allein verfasstes Buch "Die Baureihe 64 - Der legendäre Bubikopf". Woher der Spitzname für diese Lok stammt, weiß der Autor nicht. "Ein wahnsinniges Hobby", gesteht der fanatische Sammler kopfschüttelnd. Der Wahnsinn ging sogar so weit, dass er und sein Schwiegervater eine echte Dampflok gekauft haben. Dieser Kauf war mit großem Aufwand verbunden: Am 31. Dezember 1977 wurde die Lok vom ostdeutschen Zittau auf der Schiene im Schlepp einer Diesellok der Deutschen Reichsbahn zunächst bis nach Hof überführt. Ab Hof wurde sie im Schlepp einer Diesellok der Deutschen Bundesbahn bis nach Neuenmarkt-Wirsberg gezogen. Hier stand sie anderthalb Jahre auf dem Museumsgelände des dortigen Dampflokmuseums, wo sie von Melcher und anderen Eisenbahnfreunden gereinigt, sandgestrahlt, grundiert und wieder neu lackiert wurde. Dann entschloss sich Melcher, sie an das Museum zu verkaufen. Heute hat die Lok einen Platz im Dampflokmuseum Neuenmarkt in Oberfranken, bei dessen Aufbau Melcher ebenfalls geholfen hat.

Dumpfe Kolbenschläge setzen das tonnenschwere Gefährt langsam in Bewegung. Stoßartige Rauchwolken zischen aus dem verrußten Schlot der nostalgischen Maschine. Peter Melcher steht gerührt am Bahnsteig und genießt den Augenblick. Wehmütig blickt er dem letzten Waggon nach. "Die Dampflok lebt."

Informationen zum Beitrag

Titel
Er kaufte eine Dampflok aus Zittau
Autor
David Wohlleber
Schule
Regiomontanus-Gymnasium , Haßfurt
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14.07.2014, Nr. 160, S. 26
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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