Auf das Überleben warten

Wenn man Thomas Fischer aus Bad Tölz sieht, würde man nicht vermuten, welch schwierige Zeiten dieser Mann schon durchleben musste. Aufrecht steht er inmitten der Schüler des Katharinen-Gymnasiums in Ingolstadt, während er wieder einmal seine Lebensgeschichte anhand eines Vortrags durchlebt. In Schulklassen und im Klinikum Großhadern bei München hält er Vorträge. Nachdem Fischer 1962 im Alter von acht Jahren an erblich bedingtem Diabetes (Typ 1) erkrankt war, wurde seine Niere durch die jahrelange Insulinbehandlung so sehr geschädigt, dass er dreimal die Woche je vier Stunden an die Dialyse musste. Vor acht Jahren brach er während einer Sitzung zusammen. Weil das Versagen seiner Niere das Herz schwer geschädigt hatte, wurde er in die Intensivstation von Großhadern eingeliefert und als "Highly Urgent" eingestuft. Um als HU-Patient anerkannt zu werden, musste er viele ärztliche Fakultäten durchlaufen und von einem Psychiater über die möglichen Konsequenzen informiert werden. Schon wenige Tage später überbrachte der Herzspezialist Fischer die erlösende Nachricht, dass er zwei neue Organe erhalten würde, neben einem Herzen sollte ihm auch eine Niere implantiert werden. Die Operation verlief gut, so dass wieder etwas Normalität in sein Leben einkehrte. Aber dann kam es zu einer Abstoßungsreaktion, Medikamente verhinderten weitere Komplikationen. Thomas Fischer hatte großes Glück, rechtzeitig beide Organe zu erhalten. Er sagt, dass er heute in der gleichen Situation nicht überleben würde, da nicht genug Organe zur Verfügung stehen.

Er weiß, wie sehr es einen belastet, auf sein Überleben warten zu müssen. Daher kritisiert er in seinem Vortrag das Spendergesetz in Deutschland. Seiner Meinung nach gibt es hierzulande aus Bequemlichkeit so wenige Spender, trotz genereller Zustimmung zur Organspende fehle vielen die Motivation, sich konkret mit dem Thema Spenderausweis auseinanderzusetzen. Eine Widerspruchslösung wie in Österreich würde die Situation für die Wartenden deutlich verbessern, schließlich spendet dort jeder, der nicht ausdrücklich dagegen ist. Fischer hat es sich zur Lebensaufgabe gemacht, Schüler über das Thema Organspende zu informieren. Vor seiner Krankheit war er Krankenpfleger. Danach musste er Frührente beantragen. Auch wenn seine Krankenkasse die Eingriffe bezahlte, ist nun schon der dritte Rechtsstreit vonnöten, damit diese die Folgekosten ebenfalls erstattet. Um zu verhindern, dass der Diabetes auch seine neue Niere zerstört, beschloss er, sich für eine neue Bauchspeicheldrüse (Pankreas) auf die Warteliste setzen zu lassen. Dieses Mal musste er fast zwei Jahre lang warten, da keine Dringlichkeit vorlag. Für die Ärzte war es ein kleines Wunder, dass er trotz seiner drei Spenderorgane 16 Tage nach seiner Pankreasimplantation fähig war, 22 Kilometer um den Tegernsee zu joggen. Obwohl es ihm gutgeht, muss er natürlich Einschränkungen in Kauf nehmen. Um Komplikationen früh genug zu erkennen, werden alle 14 Tage die Blutwerte und regelmäßig die Spenderorgane kontrolliert. Diese ständige Auseinandersetzung mit dem Thema Tod führte ihn zu seinem Lebensmotto "Es ist früh genug zu spät". Seit seinen schweren Operationen versucht er jeden Tag zu leben, als wäre es der letzte.

Sein Traum, auf den Kilimandscharo zu steigen, ist aus gesundheitlichen Gründen unmöglich, trotz erstaunlich guter Blutwerte und der Tatsache, dass Insulinspritzen nicht mehr nötig sind. Damit er sein Leben so lange wie noch möglich genießen kann, versucht er, seinen Körper keinem Stress auszusetzen und verzichtet auf Handy, Computer, Auto und andere elektronische Geräte. Gezwungenermaßen besitzt er ein Telefon mit einem Anrufbeantworter, um mit den Ärzten in Kontakt zu bleiben. Zusätzlich trägt er an belebten Plätzen einen Mundschutz, da seine Medikamente die Immunabwehr schwächen, und selbst eine leichte Erkältung schlimme Folgen haben könnte. Aber es gebe auch positive Aspekte, berichtet er. Sein Schwerbehindertenausweis ermöglicht ihm die kostenlose Benutzung öffentlicher Verkehrsmittel. Die schwere Zeit des Wartens vor der Operation und die Entbehrungen danach führten Thomas Fischer zu einer intensiveren Auseinandersetzung mit den Themen Religion und Tod. Damals sei ihm bewusstgeworden, dass man vor dem Tod keine Angst haben muss: "Sterben ist einfach, leben ist schwer", sagt der 56-Jährige, der anderen helfen und die Bereitschaft zur Organspende stärken möchte. Das Verhältnis zu seiner Familie ist belastet, darüber möchte er in der Öffentlichkeit nicht sprechen. Er hat gelernt, sich auf das Wesentliche im Leben zu beschränken, auch in Bezug auf seine zwischenmenschlichen Beziehungen hat er sein Leben geändert, schließlich lerne man nach solchen Erlebnissen seine wahren Freunde zu schätzen.

Informationen zum Beitrag

Titel
Auf das Überleben warten
Autor
Simon Fersch und Julia Haas. Katharinen-Gymnasium, Ingolstadt
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 01.12.2010, Nr. 280 / Seite N6
Projekt
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