Nur einige Warmblüter tänzeln beim Gegröle

Der Englische Garten in München: große Wiesen, auf denen Hunderte von Menschen liegen, die ihren Feierabend oder ihr Wochenende genießen, Frisbee spielen oder sich im Biergarten am chinesischen Turm etwas gönnen. Mitten in dem Getümmel reiten zwei Männer in grünen T-Shirts und braunen Reithosen auf großen braunen Pferden. Es sind Polizeireiter der Reiterstaffel München. Sechs Beamte reiten täglich Streife im Englischen Garten, um für Recht und Ordnung zu sorgen, aber auch um als Ansprechpartner für die Leute da zu sein.

"Die Pferde haben eine anziehende Wirkung auf die Leute, weshalb unsere Reiter öfter angesprochen werden als unsere Kollegen am Boden", erklärt Andreas Freundorfer. Der großgewachsene, grauhaarige Mann ist seit vier Jahren Leiter der Polizeireiterstaffel. Nicht nur im Englischen Garten werden die Reiter eingesetzt, sondern auch bei Fußballspielen in der Allianz Arena. "Vom Pferd aus hat man einfach eine bessere Übersicht auf das Geschehen als vom Boden aus." Durch die erhöhte Position können Polizisten zu Pferd kritische Situationen bei der Konfrontation von Ultras schneller erkennen und rechtzeitig dazwischen gehen. "Mit einem Reiterkeil zum Beispiel können die Ultras von uns getrennt werden, indem die Reiter in der Formation eines V durch die Menge reiten."

Trotzdem können schlimmere Konfrontationen nicht immer verhindert werden. Wie zum Beispiel im Oktober 2013 bei einem Spiel von Bayern gegen Nürnberg. Durch die Reiterstaffel und das Unterstützungskommando, USK, konnten die bayrischen von den Nürnberger Ultras getrennt werden. "Nachdem es jedoch zu keiner Prügelei zwischen den Ultras gekommen war, richtete sich die Aggression der Nürnberger plötzlich gegen die Polizei und das USK, wobei mehrere Polizisten verletzt wurden", sagt Freundorfer.

Auch bei einem Fanmarsch eines Münchner Drittligisten wurden die Reiter mit Flaschen und Steinen beworfen, weil sie aufgrund ihrer erhöhten Position am Rand der Menge ein gutes Ziel abgaben. "Damals hatten die Kollegen nur ihre normalen Reithelme auf und ritten gebückt weiter. Seit diesem Vorfall machen wir zusätzlich zu dem staatlich vorgeschriebenen Polizeieinsatztraining noch ein weiteres mit besonderen Inhalten, die sie in einem Fall wie diesem brauchen, so dass sie wissen, wie sie sich in so einer Situation verhalten müssen", sagt Freundorfer.

Eine Gruppe von Reitern und eine Gruppe von "Ultras", die beim Training von Mitgliedern der Polizei gespielt werden, sind in der Reithalle. Die Ultras nähern sich grölend und fahnenschwenkend der Reiter-Reihe und bewerfen sie mit Bierflaschen, um auch die Pferde an diese Situation zu gewöhnen. Einige der Tiere tanzen nervös auf der Stelle, wobei es andere trotz der ungewohnten Bedingungen relativ kalt lässt, so dass diese nur etwas aufgeregt schnauben.

"Wir nehmen nur Bayerische Warmblut-Wallache, weil diese am ruhigsten sind, aber nicht jedes Pferd, das von uns ausgewählt wird, wird zum Fußballpferd. Das hat zur Folge, dass nur 21 von den 41 Pferden der Staffel zu den Fußballspielen, Fanmärschen und Umzügen mitgenommen werden können, weil diese dem Stress dort standhalten und nicht ihrem natürlichen Fluchtinstinkt nachgeben." Die anderen Pferde werden zum Streifereiten eingesetzt. Die Streife umfasst auch Flughäfen oder Naturschutzgebiete. "Bei uns wird bei jedem Wetter geritten. Egal ob Schnee liegt, es eiskalt ist oder ob es regnet." Die körperliche Fitness steht bei der Auswahl der Bewerber im Vordergrund.

Bei der Reiterstaffel kann sich grundsätzlich jeder bewerben, der eine Polizeiausbildung und drei Jahre Streifenerfahrung hat, Reitkenntnisse sind keine Voraussetzung. "Nach der Ausbildung wird jedem Reiter vom Ausbildungsleiter das Pferd zugeteilt, zu dem er am besten passt", berichtet Freundorfer. Es kann aber trotzdem jedes Pferd von jedem Reiter geritten werden. "Der Trainingsplan ist für jedes unserer Reiter-Pferd-Pärchen unterschiedlich und wird ebenfalls vom Ausbildungsleiter erstellt." Ein achtköpfiges Pferdepfleger-Team kümmert sich täglich um die Tiere, füttert und mistet die Ställe aus. Pferde sollten genügend Bewegung haben. Deshalb werden sie jeden Tag wenigstens eine halbe Stunde in der Führmaschine bewegt.

Am Ende der Stallgasse steht auf einem goldenen Namensschild der Name Tipsi: Ein 95 Zentimeter großes Shetlandpony, das etwa 35 Jahre alt ist. "Tipsi ist das einzige Pferd, das bei uns keine Funktion hat. Da sie in einem Wanderzirkus nicht artgerecht gehalten wurde, sollte sie in einem Tierheim unterkommen. Dort war keine Box frei, deshalb wurde bei uns nachgefragt. So steht Tipsi seit ungefähr 20 Jahren hier in München im alten Olympiastall, der nach der Olympiade 1973 von der Reiterstaffel übernommen wurde", sagt der Leiter lächelnd.

Informationen zum Beitrag

Titel
Nur einige Warmblüter tänzeln beim Gegröle
Autor
Karla Benkert
Schule
Regiomontanus-Gymnasium , Haßfurt
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21.07.2014, Nr. 166, S. 30
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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