Nur die Ruhe bewahren

Im Schnitt haben wir im Jahr zwischen 40 und 50 Einsätze", erzählt die Verhandlerin Elke Lüttecke, als sie auch schon das laute Klingeln ihres Telefons unterbricht. Gerade kommt der nächste Einsatz rein, ein Mensch in einer psychischen Ausnahmesituation braucht Unterstützung. Immer dann, wenn es um Entführung, Erpressung, Geiselnahme, Bedrohung oder Suizidlagen geht, werden die Verhandler der Polizei gerufen. Es ist ihre Aufgabe, "ohne körperliche Gewalt mit den mildesten Mitteln kommunikativ Ausnahmelagen stabil zu halten", erklärt die 48-jährige Mutter von zwei Söhnen in ihrem Büro in Münster.

In dem Raum stehen fünf Schreibtische. Bei den meisten Einsätzen ist die Verhandlungsgruppe, in der zehn Verhandler vorgeschrieben sind, direkt vor Ort, doch ab und zu wird auch der großzügige Büroraum zum Einsatzraum. Wenn es mal schnell gehen muss, verhandeln die Polizisten von hier aus. Im großen Befehlsstellenraum neben dem Büro trifft sich die gesamte Verhandlungsgruppe, wenn sie einen Einsatz plant. Hier entwickeln sie Gesprächsstrategien und diskutieren ausgiebig über deren spätere Durchführung. Das Sondereinsatzkommando, SEK, oder das Mobile Einsatzkommando, MEK, die zu den Spezialeinheiten gehören, werden bei Einsätzen immer zusammen mit der Verhandlungsgruppe eingesetzt.

Die sportliche Einsatzleiterin interessierte sich schon in der Oberstufe für Pädagogik, Kriminalistik und Psychologie, sie bewarb sich bei der Polizei. Um die einjährige Zusatzausbildung zur Verhandlerin zu machen, muss man fünf Jahre Erfahrung bei der Polizei mitbringen, eine hohe Stressstabilität aufweisen und gerne im Team arbeiten. Elke Lüttecke hat in der Einsatzhundertschaft in Köln, an der Fachhochschule und bei der Fahndung in Köln mit dem Schwerpunkt Zeugenschutz gearbeitet. Durch Laufen und Radfahren hält sie sich fit. Im Dienst gibt es Zirkeltraining.

Kommunikation sei ein wesentliches Arbeitsmittel der Polizei, erklärt Lüttecke. Sie habe schon immer Interesse für die Lebensumstände ihrer Mitmenschen gehabt. Oft komme es vor, dass die Personen zuvor niemanden hatten, mit dem sie über ihre Probleme reden konnten. Es gibt Erlebnisse, an die sich die Beamtin gut erinnert. Eine Frau hatte bei ihrem Scheidungstermin auf ihren Ehemann geschossen, ihn schwer verletzt und war auf der Flucht. "Unser Auftrag war die Betreuung ihres zwölf Jahre alten Sohnes und die Kontaktaufnahme mit der Frau, um sie zur Aufgabe zu bewegen. An den weinenden Jungen, den wir in den Räumen eines Präsidiums betreut haben, um ihn in die Gesprächsführung einzubinden, habe ich noch oft gedacht."

Natürlich sind solche Einsätze nicht der Normalfall. Besonders anstrengend für die Verhandlungsführerin sind Einsätze, bei denen die Gruppe manchmal stundenlang herumfährt, ohne tatsächlich immer auf den Täter zu treffen. Das Team der Verhandlungsgruppe bekommt häufig nach Suizid- oder Bedrohungslagen die Rückmeldung von den betroffenen Angehörigen, dass sie sehr geholfen hätten, die Situation zu lösen oder für die Angehörigen besser ertragbar zu gestalten.

Nicht jeder Einsatz entpuppt sich am Ende als so wichtig, wie er zuerst erscheint. Einmal gab es eine Alarmierung zu einer Entführung in Äthiopien, von dort aus haben zwei Deutsche ihren Angehörigen in Münster, Baden-Württemberg und Bayern Mails geschickt, in denen sie davon sprachen, von Mitgliedern einer Organisation entführt worden zu sein. Anschließend gab es eine Geldforderung. "Die Familie wurde von uns ein Wochenende betreut", erklärt die Polizistin, "die Angehörigen waren besorgt, viele Kollegen aus verschiedenen Bundesländern waren beteiligt. Am dritten Tag stellte sich heraus, dass die Herren sich lediglich einen Spaß erlaubt hatten und niemals gedacht hätten, dass die Angehörigen die Mails ernst nehmen würden."

Im 5-Wochen-Rhythmus haben die Verhandler abwechselnd dann Spätdienst und am Wochenende Bereitschaft, denn es ist wichtig, dass alle hochtrainierten Polizeibeamten einer Verhandlungsgruppe immer erreichbar sind, falls es zu besonderen Notfällen wie großen Amokläufen oder schweren Geiselnahmen kommt.

Informationen zum Beitrag

Titel
Nur die Ruhe bewahren
Autor
Nina Karrasch
Schule
Marienschule , Münster
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21.07.2014, Nr. 166, S. 30
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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