Erst als 14-Jähriger merkt er, dass er talentierter ist

"Wenn man aus der Provinz zum Rekordmeister kommt und dann sofort Meister wird, ist das schon grandios." Luggi Müller und blickt zurück auf eine außergewöhnliche Fußballerkarriere.

7. Juli 1969. Müngersdorfer Stadion in Köln. Spiel des 1. FC Köln gegen den 1. FC Nürnberg. Ein greller Pfiff, die Spieler des 1. FCN realisieren die Lage. Sie laufen enttäuscht, niedergeschlagen und teils weinend vom Platz, während die Kölner in Jubel ausbrechen. Nun ist es klar: Der 1. FCN verliert das letzte Saisonspiel 0:3 und steigt als amtierender Meister in die Zweite Bundesliga ab. Das war einer der schlimmsten Momente in der Karriere von Luggi Müller.

Nach dem Krieg 1945 unternimmt der vierjährige Ludwig seine ersten Fußballversuche. "Wir hatten ja sonst keine anderen Möglichkeiten in Haßfurt. Uns blieb nur der Fußball." Mit 14 Jahren tritt er einer Jugendmannschaft in Haßfurt bei und merkt langsam, dass er besser und talentierter ist als andere. Mit 17 Jahren wird er in die 1. Mannschaft des 1. FC Haßfurt berufen und erhält eine Sondergenehmigung in der damaligen 2. Amateurliga. Dort wird Müller von Talentscouts des VFB Stuttgart, der Eintracht Frankfurt und aus Nürnberg beobachtet und ohne Probetraining direkt unter Vertrag genommen. Sein erster Trainer, Gunther Baumann, etabliert ihn sofort in der Stammformation und integriert ihn als Außenläufer in seiner Mannschaft.

In der Saison 1964/65 wird Jenö Csaknady neuer Trainer in Nürnberg. Müller ist ein impulsiver und eigenständiger Spieler, der sich nur ungern an strenge taktische Vorgaben seines Trainers hält. Wenn er sich nicht an diese hält, muss er ein paar Spiele auf der Tribüne verbringen. "Damals gab es noch keine Auswechselspieler. Wenn man nicht gespielt hat, hat man keine Prämien bekommen, um sein schlecht bezahltes Grundgehalt aufzubessern." Ab 1967 wird Max Merkel Trainer und gibt ihm alle offensiven Freiheiten, die der Außenläufer damals beansprucht. Nach dem Spiel gegen Gladbach kommt Bundestrainer Sepp Herberger zu ihm in die Kabine: "Sie haben mir gefallen, wir sehen uns wieder", spricht er zu Müller, der sich stolz erinnert. "Sepp Herberger war damals das Idol schlechthin. Das war schon wie ein Ritterschlag für mich."

Im gleichen Jahr absolviert Müller sein erstes Länderspiel für die A-Nationalmannschaft. Das Länderspiel in Hannover ist das erste Spiel, in dem eine deutsche Auswahl die englische Nationalmannschaft besiegen kann. Müller legt in dem Spiel, das 1:0 für Deutschland ausgeht, eine grandiose Leistung ab und erhält viel Lob von der Presse. "Das tut der Seele schon gut." Dennoch bleibt er auf dem Boden. Am Ende der Saison 1967/68 gewinnt er die deutsche Meisterschaft mit dem 1. FC Nürnberg. "Wenn man von der Provinz zum Rekordmeister kommt und dann sofort Meister wird, ist das grandios." Die Abwehr war der Grundstein für den Erfolg. Doch die Euphorie hält nicht lange. Im Sommer werden wichtige Leistungsträger verkauft, obwohl eine doppelte Belastung durch die Teilnahme am Eurocup bevorsteht. Außerdem verletzte sich Müller, der inzwischen Kapitän ist, und fällt bis zur Winterpause aus. Inzwischen steckt der FCN im Abstiegskampf und kämpft um jeden Punkt, so dass es am 7. Juli 1969 zum finalen und letzten Spiel gegen den 1. FC Köln kommt. Doch das Team um Max Merkel war verunsichert und außer Form, so dass die Nürnberger das Spiel 0:3 verlieren. "Man hatte immer das Gefühl, als Meister nicht absteigen zu können. Wir hatten viel Pech. Ein Schuss, der letzte Saison noch den Innenpfosten traf und ins Tor ging, springt dieses Jahr wieder heraus", meint er etwas wehmütig. Niedergeschlagen stellt sich der Kapitän der Presse und unterschreibt 15 Minuten nach dem Spiel auf der Motorhaube eines Autos einen neuen Vertrag bei Borussia Mönchengladbach. "Ich war einer der letzten Spieler, die einen neuen Vertrag unterschrieben." Nürnberg ist nicht bereit, das Geld für Müller zu zahlen, da man nun weniger Einnahmen hat.

Vor dem Beginn der Bundesliga 1964 darf jeder Spieler nur 350 Mark verdienen. Mit dem Inkrafttreten der neuen Liga waren dem Gehalt nach oben jedoch keine Grenzen gesetzt. "Wenn jemand 300 000 Mark im Jahr verdient hat, war das schon sehr viel", sagt Müller, der sich schnell bei der Borussia integrierte und bereits in der ersten Saison im Europacup spielte. Dort verschießt er im Achtelfinale gegen den FC Everton den fünften entscheidenden Elfmeter. "Solche Spiele muss man schnell abhaken. Als Profi muss man so etwas schnell vergessen und weitermachen", stellt er nüchtern fest. Doch das sollte nicht das schlimmste Ereignis in seiner Zeit bei der Borussia bleiben. Am 1. Dezember 1971 spielt Gladbach im San Siro gegen Inter Mailand. Das Spiel zuvor in Gladbach geht 2:4 aus. Gladbach führt bis zur 90. Minute mit 1:7, doch kurz vor Schluss wird der Mailänder Spieler Roberto Boninsegna von einer Dose getroffen und fällt wie vom Blitz getroffen zu Boden. Zusätzlich raten ihm noch Mitspieler sich fallen zu lassen. Das Spiel wurde annulliert. Außerdem bricht sich Müller das Schienbein und fällt zehn Monate aus. Das Wiederholungsspiel geht 0:0 aus, so dass Inter in die nächste Runde einzieht.

In der darauffolgenden Saison wechselt Müller zu Hertha BSC Berlin und lässt dort mit über 30 Jahren seine Bundesligakarriere ausklingen. 1975 verabschiedet sich Ludwig Müller. "Mir fiel es relativ leicht aufzuhören, da ich genau wusste, wann ich aufhören muss. Außerdem versprach ich meiner Frau, mit dem Fußballspielen aufzuhören, wenn unser Sohn Martin in die Schule kommt. Meine Frau führte schon ihr Damenmodengeschäft in Haßfurt und die Belastung wäre sonst zu groß für sie gewesen." Nun widmet sich Müller der Familie und spielt bis zu seinem 40. Lebensjahr als Spielertrainer beim FC Haßfurt, mit dem er zweimal aufsteigt. Normalerweise hätte er Haßfurt in die Zweite Bundesliga geführt, doch der FC erfüllte nicht die infrastrukturellen und finanziellen Vorgaben des Profibereichs. Danach trainiert er noch die Eintracht Bamberg. "Dann hat's mir gereicht." Er verabschiedet sich endgültig aus dem Profisport und trainiert noch drei Jahre die Jugendmannschaft seines Sohns Martin.

Bis zu seinem 70. Lebensjahr arbeitet er beim BFV unter anderem im Trainerstab der Jugendauswahl. Insgesamt absolvierte er zwischen 1964 und 1975 314 Bundesligaspiele, schoss 26 Tore, feierte dreimal die Meisterschaft, spielte sechsmal für die Nationalmannschaft und wurde nie vom Platz gestellt - obwohl er sich als "eisenharten" Spieler bezeichnet. Noch heute trifft er sich mit Freunden aus alten Zeiten, so mit Uwe Seeler, mit dem er mindestens dreimal im Jahr zusammenkommt. "Freundschaften sind mir sehr wichtig. Wenn ich mal einen guten Arzt brauche, dann rufe ich den Franz Beckenbauer an und frage ihn nach einer Empfehlung. Nach fünf Minuten ruft er mich zurück und hat schon einen Termin ausgemacht", schildert der gutgelaunte, grauhaarige Herr. "Allgemein kann man sagen, dass ich eine glückliche Zeit als Fußballer hatte. Es hat mir das Leben enorm leichter gemacht. Ich freue mich noch über viele Autogrammanfragen."

Informationen zum Beitrag

Titel
Erst als 14-Jähriger merkt er, dass er talentierter ist
Autor
Felix Schwarz
Schule
Regiomontanus-Gymnasium , Haßfurt
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28.07.2014, Nr. 172, S. 30
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

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