Alles wird gewogen, ein Kilo Brot, 50 Gramm Käse, ein Paar Schuhe

In der morgendlichen Dunkelheit fahren Autos mit röhrenden Motoren vorbei, dazwischen ein einzelner Fahrradfahrer auf einem halbkaputten, grünen Fahrrad auf dem Weg zur Arbeit, dem Landesamt für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie in Freiberg, Sachsen. Manuel Lapp ist 51 Jahre alt, hat eine Halbglatze und trägt seine Lesebrille nur, wenn es unbedingt nötig ist. Neben den meist schon etwas abgetragenen Jeans und Pullovern gehören Wanderschuhe zu seiner bevorzugten Kleidung, denn es ist Teil seiner Arbeit als Geologe, Karten herzustellen, und dabei ist er oft in matschigem Gelände unterwegs. Der Vater zweier Kinder fährt fast täglich mit dem Fahrrad zur Arbeit, und das ist nicht seine einzige sportliche Betätigung. Trotzdem bezeichnet er sich nicht als sportlich. "Ausdauernd bin ich, das schon."

Für ihn ist sein Fahrrad mehr als ein Fortbewegungsmittel. Seit 2008 verbringt er jedes Jahr etwa eineinhalb Wochen seines Urlaubs auf diese Weise. Die Familie nimmt er bei diesen Radtouren nicht mit, nur sein zwei Jahre älterer Bruder kann mit dem Tempo mithalten. Bis zu 270 Kilometer legen sie am Tag zurück, in Summe ergibt das mehr als 2000 Kilometer in nur zehn Tagen. Ihren Rekord erreichten sie, als sie die immerhin 2767 Kilometer von Estland über Murmansk in Russland nach Kiruna in Nordschweden in nur elf Tagen zurücklegten.

Nicht selten werden sie von Verwandten und Bekannten gefragt, ob der Spaß nicht auf der Strecke bleibe. Während der promovierte Geologe auf das Gelände seiner Arbeitsstelle einbiegt und sein Fahrrad an einem der noch fast leeren Fahrradständer abstellt, gibt er zu, dass das natürlich in gewisser Hinsicht richtig sei. Doch andererseits erlebe er das Land und dessen Bevölkerung viel intensiver. So viele freundliche Menschen kennenzulernen sei für ihn eine positive Erfahrung. Einmal sah er beispielsweise während einer Radtour in Albanien ein Haus, vor dem drei Fahnen hingen: die von Albanien, die des Kosovos und die Flagge der EU. Von dem Einheitsgedanken, den der Hausbesitzer haben musste, war er beeindruckt. Lapp hält Politik für wichtig. Er fotografierte die Fahnen. Als das der Hausbesitzer sah, lud er ihn ein, auf einen Kaffee ins Haus zu kommen.

Auch als Lapp von seiner Radtour in Marokko berichtet, ist ihm die Begeisterung ins Gesicht geschrieben. So beeindruckte ihn beispielsweise die Ehrlichkeit der Menschen. Als er einmal sein Portemonnaie etwas unvorsichtig in seiner Lenkertasche verstaut hatte, während er über einen Markt fuhr, wies ihn einer der Händler wohlwollend darauf hin, er solle doch etwas vorsichtiger sein, damit er keine bösen Überraschungen erlebe. Viele Autos, an denen er vorbeiradelte, hupten. "In Deutschland", so stellt er klar, "ist Hupen etwas Negatives. Aber in Marokko haben die Menschen damit ihre Begeisterung und ihr Wohlwollen gegenüber unseren sportlichen Leistungen ausgedrückt."

In seinem Urlaub konnte er noch nie lange an einem Ort bleiben, erzählt er, während er seinen Helm absetzt: "Ich selbst würde es keine zwei Stunden aushalten, nur am Strand zu liegen und mich zu sonnen, das wäre mir zu langweilig." Schon als Jugendlicher wanderte er gerne, besonders die einsamen Berglandschaften Islands und Schottlands hatten es ihm angetan. Im Vergleich dazu, so stellt er schmunzelnd fest, sei Radfahren wesentlich bequemer. Musste er in den wenig erschlossenen Gebirgen noch einen Großteil der Lebensmittel selbst tragen und fand nur selten die Gelegenheit neue Vorräte zu kaufen, kann davon bei seinen heutigen Radtouren keine Rede mehr sein. Auch die Tatsache, dass er auf dem Rad größere Entfernungen zurücklegt, fördert seine Motivation.

Pannen gebe es eher selten. "Ab und an hat man schon mal einen Platten, aber dann muss man eben entsprechend ausgerüstet sein." Nur einmal, so fällt ihm dann doch noch ein, sei am Fahrrad seines Bruders die Kette gerissen, da sie kein Werkzeug dabeihatten, war das etwas ärgerlich. Das sei allerdings der einzige Vorfall dieser Art gewesen.

Im Laufe der Zeit hat er durch modernere Ausrüstung eine Menge Gepäcklast eingespart. Eines ist noch immer in jedem Urlaub ein Muss: das Zelt. Ihm gefällt die Unabhängigkeit, das Gefühl, nicht an einem bestimmen Ort übernachten zu müssen. "Ich finde immer einen Platz zum Zelten."

Natürlich darf auch mit Zelt die Gepäcklast ein Maximum nicht übersteigen, damit das Reiseziel in der geplanten Zeit erreicht wird. Daher gehört das genaue Erstellen einer Gepäckliste dazu. Wenn Manuel Lapp mit seinem Bruder eine Tour plant, gleichen sie per E-Mail ihre Listen ab oder führen stundenlange Telefonate. Alles muss passen, alles muss gewogen werden. Ein Kilogramm Brot, 50 Gramm Käse, ein Paar Schuhe, drei T-Shirts, ein Pullover. Nichts wird dem Zufall überlassen.

Und das, so betont er, muss auch so sein, denn ihre künftigen Ziele sind hoch angesetzt. Geplant ist, von Norwegen bis zum Nordkap zu fahren. Immer nur auf ein und demselben Kontinent zu bleiben scheint dem ambitionierten Radfahrer nicht zu reichen. "Früher dachte ich, Europa sei so groß, mehr bräuchte ich nicht. Doch jetzt habe ich den Traum, irgendwann in meinem Leben noch einmal mit dem Fahrrad bis nach Südafrika und zurück zu fahren." Diesem Plan steht seine Familie eher kritisch gegenüber, vor allem, weil so eine Reise viel Zeit erfordert. Gegen seine bisherigen Radtouren hatte sie aber nichts einzuwenden, der gemeinsame Familienurlaub wird vorzugsweise beim Wandern verbracht. Bevor er das Gebäude betritt, muss Lapp sein Fahrrad nicht abschließen, denn es ist so alt, dass niemand auf die Idee käme, es zu stehlen. Auf seinen Radtouren benutzt er natürlich ein teureres, besseres Modell.
 

Informationen zum Beitrag

Titel
Alles wird gewogen, ein Kilo Brot, 50 Gramm Käse, ein Paar Schuhe
Autor
Clara Lapp
Schule
Geschwister-Scholl-Gymnasium , Freiberg
Quelle
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28.07.2014, Nr. 172, S. 30
Projekt
Jugend schreibt
Kategorie
Print

Beruf und Chance

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